Politik

Grundsätze prallen aufeinander Schalit-Deal macht Freude - und Angst

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Gilad Schalit

(Foto: dapd)

Kommt die israelische Regierung der Hamas zu weit entgegen im Fall Gilad Schalit? Die israelische Gesellschaft ist gespalten. Viele haben Sorge, dass es nach dem Deal eine neue Terror- und Entführungswelle gibt. Die Hamas feiert sich derweil.

Die Nachricht der bevorstehenden Freilassung des vor über fünf Jahren von der Hamas in den Gazastreifen entführten Soldaten Gilad Schalit hat in Israel gemischte Gefühle ausgelöst: Freude über die Rettung des Soldaten, Angst vor weiteren Geiselnahmen, Furcht vor neuen Terroranschlägen und moralische wie politische Bedenken wegen der Freilassung von 1027 palästinensischen Gefangenen. Einen Juden aus der Geiselhaft zu befreien und dafür fast jeden Preis zu zahlen, ist ein tief-religiöses Gebot, im Mittelalter in Deutschland entstanden, als Fürsten namhafte Juden entführten, um deren Gemeinde zu hohen Erlöszahlungen zu erpressen.

Die Kampagne zur Freilassung von Schalit war deshalb eine Massenbewegung mit Protestmärschen und Demonstrationen, wie sie wohl in keinem anderen Land denkbar wäre. Die landesweiten Kundgebungen richteten sich jedoch nicht gegen die Geiselnehmer der Hamas, sondern fast ausschließlich gegen den eigenen Regierungschef, erst Ehud Olmert und dann Benjamin Netanjahu. Ihnen wurde vorgeworfen, "nicht genug" zu tun, obgleich sich die Politiker, Militärs, Geheimdienst und Vermittler aus verschiedenen Ländern ständig mit dem Fall beschäftigten.

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Die Hamas feiert sich.

(Foto: AP)

Diese innerisraelischen Proteste waren für die Hamas das Zeichen, den Preis für Schalit immer höher zu schrauben und immer mehr Gefangene mit viel Blut an den Händen im Tausch für den einen Soldaten zu fordern. Es gab jahrelange Verhandlungen unter Beteiligung Deutschlands, Ägyptens und nach Angaben des Hamaschefs Chaled Maschal sogar der Türkei und Syriens. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy engagierte sich persönlich, weil Shalit auch Franzose ist.

Unter den 1027 Gefangenen sind 280 Palästinenser mit mehrfachen lebenslänglichen Haftstrafen wegen Mordes. Unter 300 Frauen, die freikommen sollen, waren einige an besonders denkwürdigen Terroranschlägen beteiligt. 200 der Freigelassenen sollen in den Gazastreifen, nach Norwegen und Schweden gebracht werden.

Im Dilemma

Marwan Barghouti, wegen fünffachen Mordes verurteilt, wird nicht freigelassen. Er gilt als der populärste Palästinenser und als potentieller Nachfolger von Arafat und Abbas. Auch Arafats ehemaliger Vertrauter, Ahmed Saadat, der Waffenschmuggel von Iran in die palästinensischen Gebiete organisiert hatte, wird weiter seine Strafe absitzen. Hamas-Chef Maschal kündigte im syrischen Staatsfernsehen weitere Entführungen israelischer Soldaten und Zivilisten an, um alle übrigen 8000 arabischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen freizupressen.

Gegen den hohen Preis äußerten sich Opfer von Terroranschlägen und Angehörige, wie die überlebende Tochter der holländischen Familie Schijveschuurder. Bei dem Anschlag eine Pizzeria im Jahr 2001 verlor sie ihre Eltern und die zwei, vier und zwölf Jahre alten Geschwister. Die damals 20 Jahre alte palästinensische Studentin Ahlam Tamimi hatte als "jüdische Touristin" verkleidet den Selbstmordattentäter zu dem Restaurant geführt. Sie wird trotz 16-facher lebenslänglicher Haftstrafe freikommen, obgleich sie keine Reue zeigt und Israels Existenz nicht anerkennen will. Der Bombenbauer Abdallah Barghouti mit 67 Menschenleben auf dem Gewissen, darunter auch jener Familie Schijveschuurder, wird nicht frei kommen.

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Der Fall sorgte für eine Art Bürgerbewegung.

(Foto: dpa)

Die massenhafte Freilassung von Mördern wirft in Israel moralische und politische Bedenken auf. Der rechtstaatliche Grundsatz, Terroristen und Mörder zur Rechenschaft zu ziehen, wird nach Meinung der Kritiker außer Kraft gesetzt. Israels Forderung an alle Länder der Welt sowie an die palästinensische Autonomiebehörde, Terror zu bekämpfen und Terroristen zu bestrafen, verliere Glaubwürdigkeit. Politisch problematisch sei das "Geschäft" mit einer von der internationalen Gemeinschaft definierten "Terror-Organisation". Für die Hamas sei die Freilassung ein großer Sieg mit erheblichem Schaden für das Ansehen von Präsident Mahmoud Abbas und der Autonomiebehörde in Ramallah.

Israels Regierungen standen nicht zum ersten Mal vor einem schweren Dilemma. Frühere Gefangenenaustausche haben letztlich hunderten Israelis das Leben gekostet, weil viele der Freigelassenen sich erneut an Anschlägen beteiligten. Andererseits gilt in Israel der Grundsatz, dass jeder Soldat gewiss sein müsse, von seinem Staat aus Notlagen gerettet zu werden. Das gilt als das wahre Geheimnis der hohen Kampfmoral und der Bereitschaft, dafür zur Not das eigene Leben zu opfern.

Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm.

Der Nahe Osten ist sein Metier. Ulrich W. Sahm berichtet seit Mitte der 1970er Jahre aus der Region. Er ist immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der Nachricht.

Quelle: n-tv.de