Politik

Das harmonische TV-Duell Schulz und Juncker, ein Traumpaar

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Schulz (l.) und Juncker - wie ein eingespieltes Team.

(Foto: dpa)

Das TV-Duell zur Europawahl ist alles, nur nicht konfliktträchtig. Die Spitzenkandidaten sind sich in fast allen Punkten einig. Schulz und Juncker verhindern trotzdem, dass die Zuschauer einschlafen. Haben sie einen Pakt geschlossen?

Es wirkt fast, als hätten sich Martin Schulz und Jean-Claude Juncker abgesprochen. Dabei ist der eine Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten und der andere Spitzenkandidat der europäischen Konservativen. Beide kämpfen um das Amt des Präsidenten der EU-Kommission.

Im TV-Duell zur Europawahl im ZDF allerdings treten sie auf wie ein eingespieltes Team mit einem gemeinsamen Ziel: den Wählern den Europawahlkampf schmackhaft zu machen. Schulz übernimmt den Konflikt. Juncker die Unterhaltung. Gemeinsam sorgen sie so dafür, dass die Zuschauer im ZDF-Hauptstadtstudio nicht einschlafen - obwohl sich die beiden bei fast allen Themen einig sind.

  • Ukraine-Krise: Beide pochen auf eine friedliche Lösung. Sie halten aber auch Wirtschaftssanktionen für angebracht, wenn Moskau nicht einlenkt.
  • EU-Erweiterung: Schulz und Juncker zeigen sich überzeugt davon, dass die Gemeinschaft derzeit nicht aufnahmebereit ist.
  • Bürokratie abbauen, auch das wollen beide. Und beide wollen die Zahl der EU-Kommissare verringern.
  • TTIP: Freihandel ja, Chlorhühnchen nein, sagen Schulz und Juncker.
  • Finanzpolitik: Steuern sollen da anfallen, wo Unternehmen Gewinne erzielen.
  • Auch den Erhalt der Eurozone fordern beide Spitzenkandidaten.

Schulz und Juncker bestätigen den Eindruck, dass sich Europapolitiker unabhängig von ihrer Fraktionszugehörigkeit oft näher sind als ihre Kollegen in den Nationalstaaten. Selbst über Sätze wie "Wer betrügt, der fliegt" (CSU zur Zuwanderung von Rumänen und Bulgaren) entbrennt keine heftige Debatte. Denn der Konservative sagt Sätze wie "Menschen sind nicht illegal" oder "Die meisten Rumänen und Bulgaren sind nicht in Sachen Sozialtourismus unterwegs". Und er versucht die Gäste im Publikum an die Mühsal der Zeiten zu erinnern, als die Bürger Europas noch Grenzkontrollen über sich ergehen lassen mussten. Schulz sagt wiederum, dass man nicht alle Menschen aufnehmen könne. Einigkeit überall, womöglich aber auch, weil sich entscheidende Differenzen der Kandidaten nur schwer zuschauergerecht in ein paar Sendeminuten verpacken lassen.

Schulz erhöht jede Differenz mit einem Grollen

Schulz bemüht sich trotzdem, immer wieder Unterschiede hervorzuheben. Als Juncker sich dafür ausspricht, den steuerlichen Wettbewerb zwischen den Mitgliedsstaaten zu erhalten, schießt er los. "Da bin ich entschieden anderer Meinung", sagt er. Das führe doch nur dazu, dass die großen Kapitalbesitzer profitieren.

Als Juncker darüber spricht, dass man mit der Türkei weiter über einen Beitritt verhandeln wolle, versucht Schulz ihn auf ein klares Bekenntnis festzunageln. Schulz: "Sind Sie für den Beitritt?" Juncker: "Ich bin dafür, dass wir mit der Türkei verhandeln." Schulz: "Wo ist Ihre Position?"

Schulz erhebt jede noch so kleine Differenz verbal zu einem Donnerwetter. ZDF-Moderator Peter Frey kann sich deshalb am Ende der Sendung darüber freuen, dass es doch gelungen ist "ein paar Unterschiede herauszuarbeiten".

Schulz geht sogar so weit, dass er schießt, obwohl es gar keinen Grund gibt. Ist er wieder einmal einer Meinung mit seinem Konkurrenten, sagt er: "Dass Juncker meine Meinung unterstützt, spricht für ihn."

"Sie sehen aber wie 59 aus"

Der Konservative gerät trotzdem nicht in Verlegenheit. Seine Antwort ist immer wieder sein trockener Humor. Wenn Schulz ihn dafür lobt, seine Meinung zu teilen, antwortet Juncker: "Es spricht für Martin Schulz, dass er seiner eigenen Meinung nicht widerspricht." Wenn der Sozialdemokrat ihn daran erinnert, dass er mit 58 Jahren der Jüngere der beiden Kandidaten ist, sagt Juncker: "Sie sehen aber wie 59 aus."

Einen klaren Gewinner gibt es am Ende dieses Abends nicht. Schulz wirkt bissiger, Juncker dafür smarter. Tatsächlich ergänzen sie sich aber vor allem prächtig - zumindest wenn sie sich wirklich abgesprochen hätten und ihr einziges Ziel gewesen wäre, ein sonst unfassbar konfliktfreies TV-Duell zu retten.

Quelle: n-tv.de

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