Politik

Die Lastenträger der G8 Sherpas in Heiligendamm

Der Sherpa muss leidensfähig sein und eine ausgeprägte Neigung haben, auch leiden zu wollen. Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, ist so ein Mann. Er ist der Sherpa - der Chefunterhändler - von Bundeskanzlerin Angela Merkel beim G8-Gipfel in Heiligendamm. In dem Ostseebad ist er in den drei Gipfel-Tagen pausenlos im Einsatz. Er trägt die politischen Lasten und ist damit in gewisser Weise vergleichbar mit jenen Mitgliedern des tibetischen Volksstammes der Sherpa, die bekannt wurden, weil sie im Himalaya die Ausrüstung der Bergsteiger schleppen.

Seit Monaten sinniert Pfaffenbach über den Arbeitspapieren für den Gipfel der Staats-u nd Regierungschefs. Sie sind am Donnerstag und Freitag das Gerüst für das Schluss-Kommunique, das in seinen wichtigen Strukturen bereits fertig gestellt ist. Der Ordnungspolitiker Pfaffenbach ist ein stattlicher, in sich ruhender und jovialer Mann. Und der 60-Jährige ist auch mit allen Wassern gewaschen. Der jetzige Bundespräsident Horst Köhler war in den 80-er Jahren einer seiner Vorgänger als Sherpa. Noch heute glänzen Köhlers Augen, wenn er über diese Epoche plaudert.

2001 machte der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Pfaffenbach zunächst zu seinem wirtschaftspolitischen Berater, drei Jahre später zu seinem Sherpa für die G8-Runden. Er diente schon unter Alt-Kanzler Helmut Kohl, was er gelegentlich als eine seiner größten beruflichen Herausforderungen bezeichnete.

Die Sherpa der G8-Staaten kennen sich gut, teilweise seit Jahren. In Vorbereitung auf den Heiligendamm-Gipfel wechselten die Papiere mehrmals täglich - per E-Mail oder Fax - zwischen Berlin, Washington, Paris, Rom, Moskau, Ottawa, London und Tokio. Experten übersetzen sie in die jeweiligen Landessprachen. Englisch ist Arbeitssprache, lange Telefonate und Reisen sind an der Tagesordnung.

Die Arbeitspapiere haben es in sich. Die normal gedruckten Passagen über die diversen Themenfelder sind zwischen den Partnern unstrittig. Alle kursiven Teile sind dagegen verhandlungs- und behandlungsbedürftig. Eine andere Version sind die in Klammern gesetzzen Text-Passagen. Das kann unter anderem bedeuten: Werden diese Sätze in das Abschluss-Dokument aufgenommen oder nicht? Am "gefährlichsten" sind die kursiven Teile in Klammern. In Tag- und Nachtsitzungen versammelt Pfaffenbach seine Kollegen um sich. Die wiederum haben "Unter- und Neben-Sherpa" -Spezialisten für jeden Teilbereich.

Während sich die Umweltorganisation Greenpeace und Polizeiboote am Donnerstag vor der Küste ein maritimes Scharmützel lieferten, wurde in den Hotel-Suiten in Heiligendamm von den Sherpa um jede Klammer, jeden Punkt und jedes Komma gerungen. Die Devise könnte lauten: "Nimm Du oben die Klammer weg, und ich verwandele unten das Kursive in Normalschrift." Bis zur letzten Minute, bis zum Auftritt der Staats- und Regierungschefs, wird gefeilscht.

Gerd Reuter, dpa

Quelle: n-tv.de