Politik

Die Lehren aus DavosFünf Tage, die zeigen, wohin die Reise geht

23.01.2026, 06:37 Uhr
imageVon Ulrich Reitz, Volker Petersen, Roland Peters und Hubertus Volmer
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Auf dem Rückflug nach Washington spricht US-Präsident Donald Trump an Bord der Air Force One mit Journalisten. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Wo Donald Trump auftaucht, richten sich alle Augen auf ihn. So war es auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Doch manches kam anders als erwartet. Lehren aus der Woche in dem Schweizer Nobel-Ort.

Die fünf Tage von Davos waren intensiv, was durchaus der aktuellen weltpolitischen Lage entspricht. Mit Spannung war vor allem ein Auftritt erwartet worden - der brachte zur großen Erleichterung des europäischen Publikums keine Eskalation, sondern Entspannung. Die allerdings wird nicht von Dauer sein, wie in Davos ebenfalls sehr deutlich wurde. Ein Überblick in sieben Lehren.

1. Trump in Davos? Weniger schlimm als erwartet

Zu Beginn lag eine spürbare Anspannung in der Luft, Trump war das alles überragende Thema. Nach seinen Grönland-Posts ging die Sorge um, was er in Davos lostreten würde. Würde er die Weltordnung infrage stellen, provozieren, eskalieren? Viele rechneten mit einer politischen Bombe. Doch dann fiel der Auftritt deutlich milder aus als befürchtet. Trump zeigte sich erstaunlich versöhnlich im Ton. Dass er Fakten weiterhin flexibel auslegte, überrascht hier niemanden mehr. Dennoch bleibt klar: Europa muss jetzt wach werden, geschlossen auftreten und den USA selbstbewusst auf Augenhöhe begegnen.

2. Wütender Selenskyj beklagt Europas Schwäche und verkündet Treffen in den Vereinigten Arabischen Emiraten

Wer erwartet hatte, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj werde in Davos den russischen Machthaber Wladimir Putin anklagen und den Westen brav um mehr Unterstützung bitten, hatte sich geirrt. Das tat er zwar auch, aber vor allem beklagte Selenskyj lautstark europäische Passivität auf internationaler Bühne - etwa bei den Protesten im Iran und natürlich bei Maßnahmen gegen Russland. Als die Europäer eine Position formuliert hätten, seien im Iran schon Tausende Demonstranten erschossen worden.

Zur US-Intervention in Venezuela habe es unterschiedliche Meinungen gegeben, aber nun werde Nicolás Maduro vor Gericht gestellt. Europa sei nicht einmal bereit oder in der Lage, russische Öl-Tanker zu stoppen, die entlang der eigenen Küste fahren. Aufhorchen ließ seine Ankündigung, dass es am Wochenende ein Treffen mit Russland und den USA geben solle und ein Dokument über US-Sicherheitsgarantien unterschriftsreif sei.

3. Merz' Plan ist richtig, die Umsetzung aber gar nicht mal so leicht

In Davos hat Bundeskanzler Friedrich Merz die richtigen Dinge angesprochen. Nicht mit Sonnenbrille wie Emmanuel Macron. Aber er hat das versprochen, was Deutschland auszeichnet: Stabilität, Besonnenheit, Partnerschaft - oder konkret: eine starke Wirtschaft, eine bessere Verteidigung und weniger Bürokratie. Damit hat er den Weg aufgezeigt, der Deutschland und Europa helfen kann, Freiheit und Wohlstand zu sichern. Nur ist eben auch klar: Dieser Weg ist weit. Die Umsetzung ist schwierig bis holprig, wie sein erstes Jahr im Amt gezeigt hat. Wenn dann noch ein erratischer US-Präsident dazwischenfunkt, wird es zur Herkulesaufgabe. Aber Merz zeigte sich fest entschlossen, weiterzumachen.

4. De-Risking von den USA ist wichtig

De-Risking von China - seit Langem ein Thema. Aber von den USA? Wird jetzt wichtig. Weil aus dem Partner von einst inzwischen ein wirtschaftlicher Risikofaktor geworden ist. Niemand kann sagen, welche Konditionen oder Strafzölle morgen gelten. Die Erfahrungen aus einem Jahr Trump zeigen: Wirtschaftliche Abhängigkeiten werden immer häufiger als Druckmittel eingesetzt. Bei Chips, Cloud und KI hängen Europas Unternehmen gefährlich am Tropf amerikanischer Konzerne. Wer die Schlüsseltechnologien nicht selbst beherrscht, gibt Macht und Wohlstand aus der Hand. De-Risking heißt deshalb nicht Abkehr, sondern Selbstbehauptung. Freundschaft ja - Naivität nein.

5. Die beste Rede kam von einem Kanadier

Endlich hat es mal jemand gesagt: Der kanadische Ministerpräsident Mark Carney war es, der das Offensichtliche aussprach. Erstens: "Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkehrt. Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie." Und zweitens: "Die Mittelmächte müssen gemeinsam handeln, denn wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte." Carneys Rede in Davos erhielt breite Aufmerksamkeit. Bundeskanzler Merz schloss sich bei seinem Auftritt dem Kanadier an. Auch Trump registrierte, was der Nachbar gesagt hatte: "Kanada existiert dank der Vereinigten Staaten, denken Sie daran, Mark, wenn Sie sich das nächste Mal äußern."

6. Der "Friedensrat" ist ein Witz, den man ernst nehmen muss

Trump bezeichnete die 19 Staats- und Regierungschefs, die er in Davos die "Charta" seines "Board of Peace" unterzeichnen ließ, als "Stars", als "die mächtigsten Leute der Welt". So ziemlich jedes Land der Welt wolle bei seinem "Friedensrat" mitmachen. Das war reichlich übertrieben. Trump will in seiner neuen Organisation auf Lebenszeit alles kontrollieren - und die anderen Mitglieder abkassieren. Die Veranstaltung wirkte reichlich albern. Ernst nehmen muss man sie trotzdem.

7. Auftritt von Newsom: Es gibt noch die anderen USA

Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom trollt Trump online seit Monaten pausenlos und bekämpft den Präsidenten aus politischen Positionen der Mitte mit dessen eigenen Waffen: Memes, Beleidigungen, Hohn und Spott. In Davos legte der Politiker der Demokraten den Finger in die Wunde. "Trump hat versucht, die letzten Wahlen zu manipulieren, die Demokratie in Brand zu setzen und dann alle begnadigt, die daran beteiligt waren. Ich werde mich nicht mitschuldig machen", erklärte Newsom. Er zeigte damit der Welt: Es gibt noch die anderen USA. Die europäischen Staats- und Regierungschefs forderte er mit harschen Worten auf, es ihm gleichzutun, um sich gegen Trump zu wehren.

Quelle: ntv.de

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