Politik

Proteste gegen die "Ehe für alle" Sind die Franzosen wirklich so homophob?

RTX102EF.jpg

Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe stehen im Tränengas - Bilder die man aus Deutschland nur in anderen Zusammenhängen kennt.

(Foto: REUTERS)

Vier Gründe sieht Frankreich-Experte Stefan Seidendorf hinter den heftigen Protesten gegen die "Ehe für alle" in Frankreich: die gute Vernetzung der Organisatoren, die große Unzufriedenheit mit Präsident Hollande und die Orientierungslosigkeit der konservativen Opposition. Und: "In Frankreich werden Entscheidungen sehr viel stärker über den politischen Kampf herbeigeführt."

n-tv.de: In Deutschland gibt es zwar auch Gegner der Homo-Ehe, aber hier ist es kaum vorstellbar, dass die so große Demonstrationen auf die Beine stellen wie derzeit in Frankreich. Sind die Franzosen konservativer als die Deutschen - oder homophober?

Stefan Seidendorf: Man darf nicht vergessen, dass eine Mehrheit der Franzosen seit Beginn der Debatte dort durchgängig für die "Ehe für alle" war. Hinter der Virulenz dieser Proteste muss also etwas anderes stecken. Eine Antwort liegt in der sehr guten Organisation der Akteure. Als politische Kraft treten die kaum auf, sie sind aber sehr gut über das Internet vernetzt.

bild_seidendorf.jpg

Stefan Seidendorf leitet die Europa-Abteilung im Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg.

(Foto: dfi)

Wer steht hinter den Protesten?

Das sind Vertreter der bürgerlichen Oppositionspartei UMP und der katholischen Kirche, daneben aber auch eine ganze Reihe rechtsextremer bis faschistischer Gruppierungen, etwa der Front National oder Neonazi-Kameradschaften, die es in Deutschland ja auch gibt. Über den Happening-Charakter, den diese Demonstrationen haben, ist der Protest allerdings auch anschlussfähig für durchschnittliche bürgerliche Familien.

Aber was treibt die Menschen dazu, sich diesen Protesten so zahlreich anzuschließen?

Ich würde bezweifeln, dass hinter den Protesten vor allem die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe steht. Neben der guten Vernetzung haben wir als zweites Element die allgemeine Unzufriedenheit vor allem im rechten Lager mit dem gegenwärtigen Präsidenten und seiner Politik.

Wie sehr spielt da die wirtschaftliche Lage in Frankreich eine Rolle, die Jugendarbeitslosigkeit etwa?

Die wirtschaftliche Situation trägt natürlich zur Unzufriedenheit bei, aber die war in der Endphase der Regierung von Nicolas Sarkozy nicht grundlegend anders. Bei der Unzufriedenheit mit François Hollande geht es auch darum, dass er nicht die Rolle des starken Präsidenten ausfüllt, der sagt, was getan wird, um die Probleme im Handumdrehen zu lösen. Das ist nicht sein Stil, aber das könnte er in der derzeitigen Situation wohl auch nicht machen - es gibt nicht die eine Strategie, mit der Frankreich jetzt schlagartig Schulden und Arbeitslosigkeit abbauen könnte. Dennoch wirft ihm der eher rechte Teil der französischen Öffentlichkeit einen Mangel an Führung vor.

Welche Rolle spielt die bürgerliche Opposition bei den Protesten?

Das ist das dritte Element, das ich als Grund dafür sehe, warum die Proteste so heftig sind: Das rechte Lager, die UMP, ist noch nicht über seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl hinweg und sucht nach Orientierung. Ein Teil der Partei will sich nach rechts öffnen, eventuell auch mit dem Front National zusammenarbeiten. Eine knappe Mehrheit in der UMP lehnt das ab, aber der Ausgang der Debatte ist noch offen. Bei den Demonstrationen sind wir schon einen Schritt weiter, da sehen wir schon eine Vermischung des bürgerlichen Elements - der Familien, die zum Picknick unterm Eiffelturm kommen - und junger, bisweilen sehr militanter Akteure.

Haben Sie den Eindruck, dass die französischen Konservativen von den Protesten profitieren?

Seit der Verabschiedung des Gesetzes halten sie sich ein bisschen zurück - die UMP-Führung hat ja auch bereits den Ordnungsruf ausgegeben, dass die Demonstration am vergangenen Wochenende der letzte Protest dieser Art gegen die "Ehe für alle" war, dass man jetzt andere Formen des Protests finden müsse. Das hat wohl auch damit zu tun, dass ihnen diese Bewegung entgleitet. Die linken und linksliberalen Medien haben sich einen großen Spaß daraus gemacht, Fotos von UMP-Politikern zu zeigen, die an der Seite von Front-National-Vertretern an diesen Demonstrationen teilnehmen. Vor dieser Debatte hat die UMP Angst.

Wie sehr unterscheiden sich Deutschland und Frankreich eigentlich ganz grundsätzlich voneinander?

Durch den Prozess der europäischen Einigung sind sich die beiden Gesellschaften seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wesentlich ähnlicher geworden. Aber Deutschland und Frankreich verkörpern immer noch sehr unterschiedliche Modelle - viele Schwierigkeiten zwischen Deutschland und Frankreich im Rahmen der EU sind darauf zurückzuführen, dass die Länder so unterschiedlich sind. In Frankreich werden Entscheidungen sehr viel stärker über den politischen Kampf herbeigeführt. In Deutschland ist der Kompromiss mit Bundestag und Bundesrat ja schon im System angelegt. In Frankreich ist immer die Versuchung da, Debatten politisch auszuschlachten - das gilt vor allem in Zeiten wie jetzt, wo die Orientierungslosigkeit in der UMP sehr groß ist.

Gilt diese stärkere Spaltung nur für die Gesellschaft oder auch für die Politik?

In politischen Fragen ist die Gesellschaft auch gespalten: Man ist entweder ganz klar rechts oder ganz klar links. Diese Begriffe werden in der französischen Debatte auch sehr viel häufiger benutzt, alle möglichen öffentlichen Äußerungen werden ständig daraufhin überprüft, ob sie "rechts" oder "links" sind. In Deutschland wird eher gesagt: "Es gibt nicht linke oder rechte, sondern nur moderne oder unmoderne Wirtschaftspolitik." Solch einen Satz würden Sie in Frankreich nicht hören.

Mit Stefan Seidendorf sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema