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Erste Übung der "Speerspitze" So testet die Nato ihr Tempo

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Das Panzergrenadierbataillon 371 hatte eigenen Angaben zu Folge wenig Probleme, sich für die fiktive Abreise ins Krisengebiet vorzubereiten.

(Foto: REUTERS)

Seit der Annexion der Krim durch Russland gibt es für die Nato ein neues Bedrohungsszenario. Eine superschnelle Eingreiftruppe soll künftig verhindern, dass der Kreml auch im Baltikum zugreift. Einen ersten Testlauf absolvierte sie erfolgreich. Die größten Herausforderungen liegen aber noch vor ihr.

Sein Bataillon samt Panzern und Transportern im Rücken, tritt Oberstleutnant Stephan Behrenz vor. "Verlegebereitschaft hergestellt", meldet der Kommandeur. Der hohe Besuch, Generalleutnant Jörg Vollmer, stellvertretender Inspekteur des Heeres, hört das sichtlich gern. "Guten Tag, Soldaten!", ruft er Behrenz und seinen Leuten zu. "Sie haben heute einen wesentlichen Grundstein gelegt." Festaktstimmung in der Erzgebirgskaserne in Marienberg. Nach etlichen Berichten über mangelhaftes oder nicht vorhandenes Material gibt es endlich wieder etwas Positives zu berichten und das zelebriert die Truppe.

Die superschnelle Eingreiftruppe

Die Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten haben auf ihrem Gipfel in Wales  im September auf die neue Bedrohung durch Russland reagiert. Sie entschieden unter anderem, die schnelle Eingreiftruppe der Nato, die Nato Response Force (NRF) noch schneller zu machen.  Ein Teil der NRF, am Ende sollen es 5000 Soldaten sein, soll schon binnen weniger Tage am Einsatzort sein können. Bisher dauerte das eher Wochen, mit unter gar Monate statt Tage.

Diese besonders schnelle Eingreiftruppe (VJTF), die auch "Speerspitze" genannt wird, soll vor allem signalisieren, dass die Nato bereit ist, ihre Mitglieder im Osten des Bündnisses zu schützen. Das Szenario, dass dabei viele vor Augen haben: Russische Soldaten könnten unter einem Vorwand wie auf der Krim oder in der Ostukraine auch in Estland, Lettland oder Polen einmarschieren.

Noch befindet sich die VJTF in einer Testphase. Voll Einsatzfähig soll sie 2016 sein.

Dass ausgerechnet deutsche Verbände eine so herausragende Rolle bei der Testphase der VJTF einnehmen ist ein Zufall. Nato-Mitglieder müssen in einem rotierenden Verfahren Personal und Material für die NRF stellen. Turnusmäßig sind nun auch mehrere Einheiten aus Deutschland an der Reihe. Da die VJTF Teil der NRF ist, kommen sie auch hier zum Einsatz.

Die Nato hat in den vergangenen Tagen erstmals ihre Very High Readyness Joint Taskforce (VJTF) getestet, ihre superschnelle Eingreiftruppe, die sich gerade im Aufbau befindet. 1500 Soldaten nahmen in mehreren europäischen Staaten an der Übung "Noble Jump 2015" teil. Darunter rund 700 Männer und Frauen in Deutschland - das Panzergrenadierbataillon 371 aus Marienberg sowie Einheiten aus Thüringen und Rheinland-Pfalz. In fünf statt 30 Tagen, so die Aufgabe der Marienberger, galt es, Material für den Einsatz zu packen, im Militärsprech also "Verlegebereitschaft" herzustellen.

"Das hört sich einfach an", sagt Generalleutnant Vollmer, "ist aber eine große Herausforderung". Wie groß diese Aufgabe ist, demonstrieren die Mitglieder  der "Marienberger Jäger" nach dem Ende der Übung noch einmal mit Begeisterung im Detail. Klar ist allen aber auch, dass sie sich auf diesen Erfolg kaum ausruhen können.

Eine junge Soldatin durchläuft das sogenannte "Inprocessing". Ohne Papiere beginnt kein Soldat einen Einsatz. Kurz vor der fiktiven Abreise ins Krisengebiet legt sie deshalb Schießausweis, Impfpass und ein halbes Dutzend anderer Dokumente zur Prüfung vor. In der Übung dauerte das kaum fünf Minuten pro Soldat. Schon in ein paar Stunden waren alle abgefertigt. Die Soldaten verfügten ausnahmslos über gültige und aktuelle Papiere.

Ihr Gepäck hat die Soldatin schon bereitgelegt: Eine Kiste mit schwerem Material - 30 Kilo. Eine Reisetasche -20 Kilo. Und ein Rucksack -15 Kilo. Die Ausstattung reicht von der Socke über das Nachtsichtgerät bis zur Gasmaske. Ausrüstung für sieben Tage im Einsatz behält die Soldatin praktisch am Leib. Der Rest wird mit dem Material ihrer Kollegen aus Marienberg in knapp 40 Containern verstaut, die per Zug oder Flugzeug ins Einsatzgebiet kommen.

Drei-Wochen-Lehrgang fürs Container-Packen

Dass man Soldaten nicht so einfach verlegen kann, wie es zunächst scheint, und das viel Bürokratie damit einhergeht, zeigt sich spätestens dann. Zum Container-Packen ist nur befugt, wer einen dreiwöchigen Lehrgang besucht hat. Fürs Container-Packen für den Lufttransport ist ein weiterer Lehrgang nötig. Jede Kiste, die in dem Container landet, muss gewogen werden. Denn auch im Kriegsfall gibt es keine Ausnahmen beim Zoll - schon gar nicht, wenn Waffen Grenzen überqueren sollen.

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Kein Einsatz ohne Papierkram. Vom Personalausweis bis zum Schießausweis müssen Soldaten ein halbes Dutzend Dokumente vorlegen, bevor sie als verlegebereit gelten.

(Foto: REUTERS)

Egal welchen Soldaten man an diesem Tag in Marienberg fragt, alle berichten, dass es bei ihrer Übung keine unüberwindbaren Probleme gab. Zweifel, dass diese Sicht geschönt sein könnte, versuchen sie prompt zu zerstreuen. Einen Schützenpanzer des Typs Marder stattet eine Handvoll Soldaten in ein paar Minuten so aus, dass er abfahrbereit ist.

Auch von den Übungen im Ausland, die teils noch höhere Anforderungen stellten, weil Soldaten und ihr Material schon nach 48 Stunden verlegebereit sein sollten, war von größeren Problemen nichts zu hören. Die erste richtige Übung der VJTF: ein Erfolg.

Beim Panzergrenadierbataillon 371 wundert sich aber kaum jemand wirklich darüber. "Wir machen ständig Verlegeübungen", berichtet einer der Soldaten. Entscheidend für eine schnelle Bereitschaft sei vor allem, dass die Soldaten ihr Material quasi griffbereit haben. Und das dies bei diesem wichtigen Test der Fall sein würde, war nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen klar.

Panzerwagen mit Besenstiel-Kanone

Bei einer früheren multinationalen Nato-Übung blamierte sich der Gefechtsverband. Weil Kanonenrohre fehlten, malten einige Kameraden Besenstiele schwarz an und montierten sie auf ihre gepanzerten Fahrzeuge. In einer Übung mag das gehen, vor allem, weil es damals nicht auf die Bewaffnung der Fahrzeuge ankam. In einen echten Einsatz schicken könnte man die Einheiten mit Besenstielen freilich nicht. Die Bilder gingen durch die Medien und sorgten für reichlich Spott.

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Elf Nationen testeten an verschiedenen Standorten im Rahmen von "Noble Jump 2015" ihre Abläufe bis zur Verlegebereitschaft - teils unter hohem Zeitdruck.

(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt hat die Bundeswehr das notwendige Material permanent bei den deutschen VJTF-Einheiten vorrätig. Allerdings, das müssen die Presseoffiziere einräumen, zu Lasten anderer Einheiten. Aus Kostengründen wurde vorerst nur umverlagert.

Obwohl das Materialproblem zumindest behelfsmäßig gelöst scheint, steht die wirklich große Herausforderung der neuen VJTF noch bevor. "Verlegebereit" heißt nicht am Einsatzort, sondern nur bereit zur Abfahrt.

Um 5000 Mann, so groß soll die multinationale VJTF schon 2016 sein, jederzeit schnell in ein Krisengebiet bringen zu können, müssen gewaltige Transportkapazitäten vorgehalten werden. So gilt es zum Beispiel, Verträge mit der Deutschen Bahn abzuschließen. Container und Panzerfahrzeuge lassen sich am leichtesten mit dem Zug transportieren. Da die VJTF aber überall zum Einsatz kommen soll, müssen auch ausreichend Flugzeuge zur Verfügung stehen. Und gerade an denen mangelt es der Bundeswehr angesichts der Lieferprobleme beim Transporter A400 M und den veralteten Transalls.

Schon die Übungen dürften Millionen verschlingen

Eine erste Verlege-Übung, der zweite Teil von "Noble Jump 2015", soll im Juni folgen. Dann müssen die "Marienberger Jäger" nach Alarmierung nicht nur ihr Material zusammenraffen, sondern auch auf den Truppenübungsplatz Bergen umziehen. Für Teile der Truppe geht es daraufhin weiter nach Polen.

Allein wegen der notwendigen Transportkapazitäten ist sicher: Die VJTF wird für alle beteiligten Staaten teuer. Zumal zusätzliche Kosten für das Personal hinzukommen. Soldaten in Schlüsselpositionen müssen schon binnen zwölf Stunden antreten können, um die schnelle Verlegebereitschaft zu gewährleisten. Ein Zugführer aus Marienberg sagt: "Wir sind dauernd in Rufbereitschaft." Bisher haben weder die Nato noch das deutsche Verteidigungsministerium die möglichen Kosten beziffert. In Militärkreisen kursierte vor einigen Wochen lediglich, dass allein die erste Verlegeübung 25 Millionen Euro kosten könnte.

Fraglich ist, ob alle Nato-Staaten bereit sind, derartige Summen langfristig zu stemmen. Denn grundsätzlich ist die Bereitschaft im Bündnis, viel für Geld für die Landesverteidigung auszugeben, gering. Das Ziel, 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes dafür bereitzuhalten, erfüllten im Jahr 2013 nur vier von 28 Mitgliedern.

Quelle: n-tv.de

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