Politik

CSU-Umweltexperte Josef Göppel "Stromnetz von morgen ist dezentral"

Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima wird in Deutschland viel über den Atomausstieg und über den Ausbau der erneuerbaren Energien diskutiert, kaum jedoch über das künftige System der Stromproduktion - brauchen wir große Wind- und Solarkraftwerke und neue Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland, vielleicht gar von der Sahara bis nach Norwegen? Oder setzen wir eher auf regionale Einheiten? Für den CSU-Umweltexperten Josef Göppel ist die Sache klar: Das Stromnetz von morgen ist dezentral.

n-tv.de: Warum sollte das künftige Energiesystem nicht genauso organisiert sein wie das heutige?

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Josef Göppel (CSU) ist Obmann der Union im Umweltausschuss des Bundestags.

(Foto: picture alliance / dpa)

Josef Göppel: Das Konzept der zentralen Stromversorgung war 60 Jahre lang richtig. Aber es entspricht nicht dem Wesen der erneuerbaren Energien. Das ist flächenhaft und dezentral: Erzeugung und Verbrauch von Strom können mit den erneuerbaren Energien zum großen Teil schon auf der Ebene des Niederspannungsnetzes ausgeglichen werden. Das betrifft immerhin 56 Prozent des deutschen Stromverbrauchs. Nur die 44 Prozent Starkverbraucher müssen dann noch über Fernnetze zusätzlich versorgt werden. Wer so tut, als bräuchten wir bis zum letzten Wohnhaus große Übertragungsnetze, der steckt mit seinem Denken noch in der alten zentralistischen Versorgungsstruktur.

Eine dezentrale Energieversorgung wäre allerdings das Ende der großen Energieversorger wie wir sie kennen.

Die großen Energieversorgen haben auch in der Zukunft eine wichtige Aufgabe, nämlich den überregionalen Spitzenausgleich. Und: So wie die Firma Mannesmann einstmals große Stahlröhren produziert hat und dann Handys, so kann man auch von den Stromkonzernen erwarten, dass sie sich an die technologische Entwicklung anpassen.

Aber mit den klassischen Energieträgern lässt sich vermutlich sehr viel mehr Geld verdienen. Insofern geht es aus Sicht der Konzerne um eine Verkleinerung ihres Geschäfts.

Nach meiner Meinung wird das Geschäftsfeld der großen Stromversorger auch in Zukunft riesig sein. Die Politik kann sich aber nicht danach ausrichten, ob vier Firmen auch in Zukunft gut verdienen. Sie muss sich am Gemeinwohl orientieren.

Das heißt?

Gemeinwohlorientiert heißt Stabilisierung dünn besiedelter Räume, die von Abwanderung bedroht sind. Die erneuerbaren Energien bieten dazu eine sehr gute Möglichkeit.

Der im Oktober verstorbene SPD-Politiker Hermann Scheer schrieb in seinem letzten Buch, vor dem Streit zwischen zentraler und dezentraler Energieversorgung scheuten nicht nur Regierung und Parteien zurück, sondern auch viele Verfechter erneuerbarer Energien. Gilt das auch nach Fukushima für die Bundesregierung und für die Union?

Je mehr die erneuerbaren Energien aus der Nische herauskommen, desto offener wird der Konflikt zutage treten. Wir brauchen ein Konzept, in dem die größte Stärke der erneuerbaren Energien voll zur Geltung kommt, und das ist eben die dezentrale Erzeugung in der Fläche und der Abgleich von Erzeugung und Verbrauch auf regionaler Ebene im Nieder- und Mittelspannungsnetz. Die physikalische Eigenschaft des Stroms ist darauf gerichtet, möglichst gleich ins Nachbarhaus zu schlüpfen, in die höheren Spannungsebenen muss der Strom erst regelrecht "gedrückt" werden. Die flächenhaften Konzepte entsprechen einfach den physikalischen Eigenschaften des Stroms. Schwarmkraftwerke werden die Zukunft prägen.

Wenn die Bundesregierung eine dezentrale Energieversorgung zu ihrem erklärten Ziel machen würde, wäre das ein krasser Bruch mit den Umgangsformen, die Bundeskanzlerin Merkel noch im vergangenen Sommer gepflegt hatte, als die Verlängerung der Laufzeiten über einen Geheimvertrag geregelt wurde.

Die jetzige Wende der Energiepolitik ist in ihrem Kern eine technologische Wende - durch die Entwicklung der erneuerbaren Energien einerseits und die Entwicklung der Telekommunikation andererseits. Erst jetzt ist es möglich, tausende von kleinen Erzeugern und von Verbrauchern aufeinander abzustimmen. Deswegen bin ich davon überzeugt, dass niemand diesen Weg zurückdrehen kann, weil er eben in der technologischen Entwicklung begründet liegt.

Welche Art Umrüstung braucht man für ein dezentrales oder teilweise dezentrales Netz?

Wir brauchen einerseits dezentrale Speichersysteme für Strom, um wenigstens über zwölf Stunden das Angebot zu speichern, bis die nächste Lastspitze kommt. Und wir brauchen auf der Verbraucherseite die intelligenten Zähler, die die Verbrauchsgeräte dann einschalten, wenn günstiger Strom angeboten wird.

Bislang scheint Umweltminister Röttgen vor allem auf Offshore-Anlagen zu setzen - also auf große Windparks vor der Küste statt auf dezentrale Projekte.

Im neuen EEG ...

... dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, das derzeit überarbeitet wird, ...

... wird die Förderung der Photovoltaik und des Windstroms auch im Binnenland weitergeführt. Es wäre ein fataler Fehler, wenn wir innerhalb der erneuerbaren Energien in die alten zentralen Versorgungsstrukturen zurückfallen würden, weil wir damit die größte Stärke der erneuerbaren Energien, nämlich den Abgleich von Erzeugung und Verbrauch in räumlicher Nähe, nicht nutzen könnten.

Was halten Sie von Offshore?

Offshore ist sinnvoll für die Versorgung von Starkverbrauchern. Aber die Stromversorgung der Kleinverbraucher kann auf regionaler Ebene geschehen.

Gilt das auch für Mega-Projekte wie das Wüstenstrom-Vorhaben Desertec?

Ich gehe davon aus, dass vor 2030 kein Strom aus der Sahara nach Europa fließen kann.

Dass für die Energiewende die Netze aus- und umgebaut werden müssen, gilt allgemein als Tatsache. Aber brauchen wir überhaupt einen so großen Ausbau der Stromtrassen, wenn die Stromerzeugung dezentral organisiert ist?

Eine Studie des Wirtschaftsministeriums hat erbraucht, dass wir nicht 4000 Kilometer, sondern 1100 Kilometer zusätzliche Leitungen brauchen, wenn auch in Süddeutschland Wind- und Solarstrom bedarfsgerecht ausgebaut werden. Ich beziehe mich bewusst auf die Studie des Wirtschaftsministeriums. Nur 44 Prozent des deutschen Stroms werden von der Industrie verbraucht. Die gute Hälfte des Stroms für Kleinverbraucher können wir vor Ort in den süddeutschen Ländern erzeugen.

Für die CSU haben Sie ein Energiekonzept erarbeitet, mit dem das letzte Atomkraftwerk im Jahr 2020 vom Netz ginge.

Ja, 2020 ist realistisch möglich. Für das Land Bayern bedeutet das 2000 zusätzliche Windräder, das heißt, in jeder bayerischen Gemeinde müsste ein zusätzliches Windrad stehen. Das ist ein bescheidenes Ausbauziel.

An dem Tag, als im Bundestag die Verlängerung der Laufzeiten beschlossen wurde, haben Sie gesagt, dies sei der Keim zur Abwahl der Union. Haben Sie sich durch die Wahl in Baden-Württemberg bestätigt gefühlt?

Ja. Jetzt muss jedem klar sein, dass die Laufzeitverlängerung ein Fehler war. Die Korrektur durch Frau Merkel kommt für die Union in letzter Minute.

Ein paar Wochen nach der Wahl hat der bayerische Ministerpräsident Seehofer per Interview die "Südschiene" mit Baden-Württemberg aufgekündigt. Ist ein grüner Ministerpräsident in Stuttgart nicht auch eine Chance für die CSU, eine neue, energiepolitische Südschiene aufzubauen?

Seehofer hat meines Wissens einen Wettbewerb der Ideen mit Baden-Württemberg ausgerufen. Das ist durchaus charmant, weil Bayern und Baden-Württemberg ziemlich exakt den gleichen Stromverbrauch haben, 80 Terrawattstunden im Jahr, und damit ähnliche Voraussetzungen. Das neue Energiekonzept der CSU geht im Moment deutlich weiter als das der CDU. Das ist schon der Beginn eines Ideenwettbewerbs mit der neuen Regierung in Stuttgart.

Mit Josef Göppel sprach Hubertus Volmer

 

Quelle: n-tv.de

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