Politik

"Wir gehen hier nicht weg!" Stuttgarter Parkbesetzer halten Stellung

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Zelte von Gegnern des Bahnprojekts "Stuttgart 21" stehen seit Monaten im Stuttgarter Schlossgarten.

(Foto: dpa)

Zelte abbauen? Nein! Trotz anderslautender Ankündigungen wollen die Parkbesetzer im Stuttgarter Schlossgarten weiter zelten und so ihrem Protest gegen "Stuttgart 21" Ausdruck verleihen. Denn von dem Regierungswechsel in Baden-Württemberg wollen sie sich nicht täuschen lassen.

"Wir gehen hier nicht weg!" Sabine Angerbauer stemmt die Hände in die Hüften. Dann lacht sie. Seit Monaten protestiert die 32-jährige Mutter gegen das Milliardenprojekt "Stuttgart 21". Jetzt aufzugeben, obwohl das Projekt noch nicht gekippt ist - das kommt für sie nicht infrage.

Die Ankündigung von Aktionsbündnis und aktiven Parkschützern, die Zelte im Stuttgarter Schlossgarten würden abgebaut, stuft sie knapp als "voreilig" ein. Die Zahl der Camper sei trotz des grün-roten Wahlsieges in den vergangenen vier Wochen noch um 20 gewachsen, auf inzwischen 50 bis 60. Sie wollen trotz des Regierungswechsels die Fahne hoch halten.

Baustopp in Frage stellen

Abgebaut wurde bisher nur die Umfriedung um die Zelte - weil sie am Wochenende versteigert werden soll. Wie es zu dem Missverständnis kommen konnte? "Einige waren so naiv und haben den Baustopp tatsächlich geglaubt. Aber nicht mit uns. Wir wurden schon zu oft veräppelt", sagt Peter Radom. An mehreren Ecken werde weiter gebaut.

Der 53-jährige Familienvater ist mittlerweile zu einer Art Sprecher der Parkbesetzer avanciert. Beifall gibt es für ihn von der Bank zwischen den Zelten: Zwei blaue Punkfrisuren wippen zustimmend, und auch der Arbeitnehmer aus Ostdeutschland nickt eifrig. Er hat Urlaub, nur deshalb sitzt er heute hier. Sonst fährt er jeden Morgen vom Zelt zur Arbeit.

Vorbildliche Sozialgemeinschaft

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Der Politikwechsel beginnt - erstmal ohne "Stuttgart 21" endgültig zu stoppen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein starkes Team sei in der Zeltstadt entstanden, sagen die Fünf. "Wir haben hier eine Sozialgemeinschaft, wie es sie überall geben sollte", schwärmt Radom. Obdachlose seien hier genauso integriert wie Selbstständige, die fest im Leben stünden. Das gemeinsame Ziel eint. Da verzichtet man auch bereitwillig auf Einiges. "Sicher würde ich auch gern mal wieder zu Hause in meinem Bett schlafen", sagt Radom. Seit rund sieben Monaten sehe er seine Frau nur rund einmal im Monat. Aber die Sache sei es wert.

Oft würden sie von Spaziergängern und Mitstreitern ermuntert, berichtet Angerbauer. "Nee, ihr bleibt hier!", heiße es immer wieder. Viele hätten gesagt: "Wenn Ihr geht, haben wir hier ruckzuck eine Baugrube." Hin und wieder müssen sie sich aber auch beschimpfen lassen. Wenn die Mülleimer nach Ostern überquellen, werde das schnell ihnen angelastet. "Deshalb wäre es schön, wenn die Stadt sie bald mal leeren könnte", sagt die 32-Jährige.

Rasen um Zelte herum pflanzen

Dass die angekündigte Räumung der Zeltstadt bislang ausblieb, erklärt Irmela Neipp-Gereke vom Dachverband "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" mit einem Stimmungswandel. "Die Stimmung war vor einigen Wochen noch so, dass mehrere gesagt haben, sie würden den Park verlassen", berichtet sie. Einzelne seien damals auch gegangen.

Doch dann sei aus der Bevölkerung der Wunsch gekommen, dass der Widerstand sichtbar und die Zelte stehen bleiben müssten. Das Aktionsbündnis habe Verständnis dafür, dass die Parkbesetzer in ihrer Zeltstadt bleiben wollten. Trotzdem sei es ihre Hoffnung, die Zelte nach und nach zu reduzieren. Im Mai solle auf jeden Fall neuer Rasen im Park angepflanzt werden - zur Not eben um die Zelte herum.

Quelle: ntv.de, Wenke Böhm, dpa