Politik

M16, Black Hawks, Kampfflugzeuge Taliban erobern riesiges US-Waffenarsenal

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Taliban-Kämpfer mit amerikanischen M16 und AK-47 (Mitte).

(Foto: AP)

Der längste Krieg der US-Geschichte hinterlässt ein vielfältiges Waffenarsenal in Afghanistan. Dies kontrollieren nun die Taliban. Die Islamisten übernehmen auch eine Luftwaffe. Die US-Regierung erwägt ihre Optionen.

Das "Feldhandbuch 3-24 Aufstandsbekämpfung" sollte Afghanistan für immer den Islamisten entreißen und den US-Streitkräften den Sieg bringen. Es schrieb fest, wie die amerikanischen Soldaten vorgehen sollten: Hilfsbedarf an jedem Einsatzort im Gespräch mit der Zivilbevölkerung ermitteln, danach die Feinde vertreiben und zugleich die benötigte Unterstützung für die Bevölkerung bereitstellen. Es folgt die Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte, bis ihnen irgendwann die volle Verantwortung übergeben wird.

Diesem Plan ist das US-Militär vor allem im vergangenen Jahrzehnt gefolgt. Und damit gescheitert. Kaum haben die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen, sagen sie auch, was sie von all dem "Nation Building" der US-Amerikaner halten: nichts. Scharia statt Demokratie, so die Ansage der islamistischen Führung. Zum letzten Punkt des Feldhandbuchs, stabile Lage und große Entwicklungsprojekte, ist es nicht mehr gekommen. Die meisten afghanischen Streitkräfte ergaben sich den Taliban oder flohen. Dabei überließen sie den Islamisten auch ein riesiges amerikanisches Waffenarsenal.

Mit amerikanischen Schnellfeuergewehren kontrollieren manche Taliban auf den Straßen die Amerikaner, die zum Flughafen gelangen wollen, mit M4 oder M16, andere fahren mit Humvees und anderen Spezialfahrzeugen durch die Gegend. "Das ist eine Art Statussymbol", sagte ein Analyst für US-Auslandseinsätze dem US-Medium "The Hill": "Es ist ein psychologischer Sieg." Für die Vereinigten Staaten ist es zugleich eine Niederlage. In den vergangenen zwanzig Jahren haben die USA etwa 83 Milliarden Dollar für die Ausrüstung und das Training afghanischer Kräfte ausgegeben. "Ein großer Teil" davon dürfte nun in den Händen der Islamisten sein, sagte Jake Sullivan, Nationaler Sicherheitsberater im Weißen Haus.

Insgesamt ließen im Krieg 172.390 Menschen am Hindukusch ihr Leben, vor allem Afghanen. Etwa 66.000 afghanische Soldaten und Polizisten sind seit 2001 gestorben, auf Seite der Taliban und anderen Gegnern über 51.000. Dazu kommen mehr als 47.000 tote Zivilisten.

Zehntausende Fahrzeuge, Flugzeuge und Bomben

Es gibt zwar noch keine umfassende Statistik, wohl aber zwei unterschiedliche Berichte, die eine Dimension vermitteln: Von 2003 bis 2017 lieferten die Vereinigten Staaten 75.898 Fahrzeuge, 599.690 Feuerwaffen, 162.643 Kommunikationsgeräte, 208 Flugzeuge sowie 16.191 Geräte für Aufklärungstechnik an den Hindukusch. Dann, von 2017 bis 2019, kamen 7035 Feuerwaffen, 4702 Humvees - die bekannten Transportfahrzeuge -, 20.040 Handgranaten, 2520 Bomben und 1394 Granatwerfer und anderes hinzu. "Wir haben nicht das Gefühl, dass sie uns (diese Waffen) bereitwillig am Flughafen übergeben werden", sagte Sullivan.

Die Waffenliste macht auch deutlich, wie viel Dollar vier aufeinanderfolgende Präsidenten in Afghanistan versenkt haben. Damit sichern ihre Feinde nun die wiedererlangte Macht. In der US-amerikanischen Öffentlichkeit wird das nicht gut ankommen. Schon jetzt sind die Meinungen eindeutig: In einer Umfrage über das vergangene Wochenende sagten 62 Prozent der US-Amerikaner, der Krieg sei das Kämpfen nicht wert gewesen - auch eine deutliche Mehrheit der Republikaner ist dieser Ansicht. Nur 35 Prozent meinen, der Einsatz sei sinnvoll gewesen.

Noch im Juni war der afghanische Präsident Aschraf Ghani nach Washington ins Weiße Haus gereist, wo er US-Präsident Joe Biden um eine Verstärkung der Luftwaffe bat. So wolle sich das afghanische Militär und seine Regierung besser gegen die Taliban verteidigen können. Ghani bekam 35 Black Hawk Hubschrauber und drei Kampfflugzeuge. Insgesamt umfasste die afghanische Luftwaffe damit 211 Flugzeuge. Inzwischen befinden sich davon mindestens 46 in Usbekistan, weil rund 500 afghanische Soldaten sie zur Flucht vor den anrückenden Islamisten genutzt haben. Ghani machte sich zugleich mit einem Flugzeug voller Geld aus dem Staub.

"Die Luftwaffe war die wichtigste Fähigkeit der afghanischen Streitkräfte", sagte David Petraeus, der von 2008 bis 2011 der US-Oberbefehlshaber des Central Command in Afghanistan und im Irak war, dem US-Radiosender NPR. Petraeus war zudem der Mitautor des "Feldhandbuch 3-24 Aufstandsbekämpfung". Seit 2010 wurde es in Afghanistan umgesetzt. Petraeus verteidigte die ehemaligen Partner. "Afghanische Soldaten haben jahrelang für ihr Land gekämpft und sind dafür gestorben. Dies war keine Armee, die kampfunwillig war, wenn sie das Gefühl hatte, dass sie im Notfall unterstützt werden würde", sagte der Ex-Kommandeur.

Der Schlüssel für die Kampfbereitschaft sei die mögliche personelle Verstärkung sowie Versorgungsgüter wie Munition, Wasser, Nahrung, aber vor allem schnelle Luftunterstützung gewesen, sagt Petraeus. Nur wegen der von den USA ebenfalls abgezogenen Subunternehmer habe die Luftwaffe der Afghanen überhaupt funktioniert. Und als die USA im April ihren kompletten Rückzug verkündeten, habe das einen psychologischen Effekt gehabt auf die Partner. Anschaulich dafür ist vielleicht die Aussage eines afghanischen Offiziers auf der Bagram Air Base. Fast 20 Jahre war das Gelände um den Militärflughafen das Hauptquartier der US-Streitkräfte in Afghanistan. "Es fühlt sich so an, als sei ein alter Freund gegangen, ohne sich zu verabschieden", sagte der Offizier zu CNN, nachdem die Amerikaner weg waren. Zuvor waren sie nachts per Transportflugzeug verschwunden, ohne ihren langjährigen Partnern Bescheid zu sagen. Eine Übergabe hatte es nicht gegeben.

"Mit voller Absicht"

Nicht nur Petraeus, auch andere US-Analysten halten es für sehr unwahrscheinlich, dass die Taliban diese Luftwaffe ohne Hilfspersonal dauerhaft militärisch einsetzen kann. Das Weiße Haus könnte sich allerdings trotzdem noch dafür entscheiden, die Flugzeuge und anderes Gerät unschädlich zu machen. "Wir wollen unsere Ausrüstung selbstverständlich nicht in Händen derer sehen, die gegen unsere Interessen oder die der afghanischen Bevölkerung agieren und die Gewalt und Unsicherheit vergrößern", sagte John Kirby, Sprecher des US-Verteidigungsministeriums am Mittwoch. Es gebe noch keine Entscheidung, ob das zurückgelassene Militärgerät nun doch zerstört werden soll. Kirby erklärte, vor dem Truppenabzug seien die Entscheidungen "mit voller Absicht" getroffen worden, welche Ausrüstung funktionsunfähig gemacht, welche an die afghanischen Truppen übergeben oder an andere Stützpunkte im Nahen Osten verlegt wurde.

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Da das US-Militär abgesehen vom internationalen Flughafen in Kabul nun nicht mehr mit eigenen Truppen im Land ist, haben sich seine Optionen verringert. Das Pentagon könnte etwa ein Spezialkommando zur Sabotage nach Afghanistan schleusen, oder sogar Luftschläge durchführen. Aber selbst wenn sie dies tun sollten: Die zurückgelassenen Schnellfeuergewehre dürften ohnehin den direktesten Einfluss auf die Sicherheitslage im Land haben. Diese Waffen werden nicht verschwinden. Gegner der Taliban haben bereits die USA darum gebeten, auch sie mit Waffen auszurüsten, da sich Afghanistan nun "zweifellos zu einem Zentrum des radikalislamischen Terrorismus" entwickeln werde.

Die oppositionellen US-Republikaner kritisierten die Situation scharf: Es sei "unerhört, dass durch amerikanische Steuerzahler finanzierte militärische Ausrüstung in die Hände von Taliban und ihrer terroristischen Verbündeten gefallen ist". Das militärische Gerät hätte vor der Rückzugsankündigung gesichert werden müssen. Etwa die Hälfte der republikanischen Senatoren forderte eine Erklärung dazu, welche Ausrüstung sich nun in den Händen der Taliban befindet und welche Absichten die Regierung habe, sie entweder zurückzuholen oder zu zerstören.

Quelle: ntv.de

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