Politik

Keine Trennung zwischen E und U in Berlin Tim Renner wird neuer Kulturstaatssekretär

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Renner (l.) und Wowereit bei der Vorstellung im Roten Rathaus.

(Foto: dpa)

Auf der Suche nach einem neuen Kulturstaatssekretär holt Berlins Bürgermeister Wowereit den ehemaligen Pop-Manager Renner ins Boot. Der scheint genauso unkonventionell und hip, wie es sich die Hauptstadt und ihr Bürgermeister nur wünschen können.

Wann er zuletzt in der Oper gewesen sei, lautet die erste Frage an Tim Renner, den zukünftigen Kulturstaatssekretär Berlins. "Vor sechs Monaten - es gab dort eine Party", antwortet der 49-Jährige. Der Pop-Manager macht keinen Hehl daraus, dass er eher Experte für Bands ist als für Orchester. Ganz nebenbei zeigt der Platten-Boss so auch seine Unabhängigkeit: Obwohl sein künftiger Dienstherr, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, neben ihm sitzt, nimmt  er kein Blatt vor den Mund.

Renner stellt sich der Öffentlichkeit mit rotblondem Strubbelkopf und Dreitagebart vor. Er soll Ende April das Amt des Kulturstaatssekretärs in der Hauptstadt übernehmen, das vakant ist, seit Vorgänger André Schmitz wegen einer Steueraffäre in den Ruhestand versetzt wurde.

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Nimmt kein Blatt vor den Mund: Tim Renner (l.)

(Foto: dpa)

Zwar ist Renner in Berlin geboren, er empfindet sich nach eigener Aussage jedoch eher als "Hamburger mit Berliner Migrationshintergrund". Erst vor 12 Jahren zog er von der Elbe an die Spree. Damals war er Geschäftsführer von Universal Deutschland, das zuvor mit seinem Arbeitgeber PolyGram fusioniert war. Nur drei Jahre später verlässt Renner Universal. Als Grund gibt er auf der Webseite seines heutigen Unternehmens an, dass die Firma sich "im Zuge der Krise der Musikwirtschaft von vielen nationalen Interpreten trennen wollte". Seine Kritik an der Musikbranche machte er im selben Jahr in einem Buch öffentlich.

2005 gründete er das Unternehmen "Motor Entertainment", das sich unter anderem an Radiosendern und Webseiten beteiligt, Musik veröffentlicht und Dienstleistungen für Bands wie Selig oder Künstler wie Marius Müller-Westernhagen anbietet. 2009 ist er auch Professor an der Pop-Akademie Baden-Württemberg.

"Diskriminierung für beide Seiten"

Obwohl er als Musikmanager weiter in der Branche mitmischt, hat sich Renner wiederholt differenziert und distanziert zu ihr geäußert - zuletzt im vergangenen Herbst, als sein Buch "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten: Die Wahrheit über die Popindustrie" erschien.

Sein Anliegen sind Kunst und Künstler, wie er auch betont. "Die Kreativen und Kulturschaffenden sind der Rohstoff, von dem wir leben", sagt er. Sie seien der Grund, warum Touristen nach Berlin kämen und warum die Berliner stolz auf ihre Stadt sein könnten. Er sieht sie als "Zentrum" und "Treibstoff" Berlins, weshalb er nicht Nein sagen konnte, als Wowereit ihm das Amt antrug, wie er berichtet. Sein erstes Ziel sei es, der Kultur den Freiraum zu erhalten, den sie benötige. Besonders wichtig ist ihm die alternative Kulturszene. "Die zuerst da waren" müssten gehalten und mitgenommen werden, denn sie hätten Berlins Aufstieg zur Kulturmetropole erst möglich gemacht.

Im Wettstreit zwischen ernster Kultur und Unterhaltungskultur, der in der Hauptstadt seit Jahren tobt, hat letztere mit der Wahl Renners Boden gut gemacht. Damit steht er für jene Eigenschaften, die Bürgermeister Wowereit immer wieder gern für das kreative Berlin anführt. Von einer Trennung zwischen E(rnst) und U(nterhaltung) halte er nicht viel, sagte Renner so auch bei seiner Vorstellung im Roten Rathaus. "Das ist eine Diskriminierung für beide Seiten." Kultur in Berlin sei alles zwischen dem Dirigenten Daniel Barenboim und dem Techno-Szeneclub Berghain, dem avantgardistischen Veranstaltungsort Radialsystem und der Rockband Rammstein.

Verwaltung ist wie Autofahren

Diese Einstellung dürfte ganz nach dem Geschmack vieler Kreativer sein. Denn jene Kulturszene, die sich abseits der großen Theater und Opernhäuser in Berlin etabliert hat, fühlte sich von Schmitz lange vernachlässigt. Die Politik habe kein Interesse an den unabhängigen Künstlern wie etwa der Tanzkompagnie Sasha Waltz & Friends, lautete der Vorwurf. "Mit Tim Renner bekommen wir jemanden, der weiß, wie man eine Band zusammenstellt oder ein Tanzprojekt startet", sagt Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der freien Szene.

Ein Bereich, in dem sich Renner dagegen weniger sattelfest fühlt, ist die Verwaltung. "Ich kenne mich in der Verwaltung so gut aus wie mit dem Autofahren", sagt er - und fügt hinzu, er sei Radfahrer und habe keinen Führerschein.

Renners Expertise ist gefragt. Er sitzt zum Beispiel ehrenamtlich im Präsidium der Industrie- und Handelskammer Berlin und ist im Beirat des Musicboard Berlin. Bereits 2003 ernannte ihn das Weltwirtschaftsforum in Davos zu einem der "100 Global Leader of Tomorrow", einem der hundert globalen Führer von Morgen. In Berlin muss Renner dieses Talent jetzt unter Aufsicht der Öffentlichkeit unter Beweis stellen.

Quelle: n-tv.de, lou/dpa/AFP

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