Politik

Nato besorgt nach Scharmützeln Türkei zieht Truppen zusammen

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Die Türkei bringt Panzer an die syrische Grenze.

(Foto: REUTERS)

Der Brügerkrieg in Syrien weitet sich immer mehr aus. In Damaskus sterben bei einem Doppelanschlag auf eine Geheimdienstzentrale Dutzende Menschen. Die Türkei verlegt inzwischen zusätzliche Kampfflugzeuge und Panzer an die Grenze. Die Nato zeigt sich besorgt.

Die Türkei verlegt weitere Militäreinheiten an die Grenze zu Syrien. So seien 25 zusätzliche Kampfflugzeuge auf einer Luftwaffenbasis im südostanatolischen Diyarbakir angekommen, berichteten mehrere Zeitungen unter Berufung auf Militärkreise. In den Grenzprovinzen Hatay und Sanliurfa wurden zudem Panzerverbände näher an die syrische Grenze gebracht. Auch in der Nähe der Grenzstadt Akcakale, wo vergangene Woche fünf Zivilisten beim Beschuss durch eine syrische Granate getötet worden waren, wurden die türkischen Grenztruppen demnach weiter verstärkt.

Das türkische Parlament hatte vergangene Woche ein Mandat für eine mögliche Militärintervention in Syrien beschlossen. Seitdem erhalten die Armee-Einheiten in Grenznähe fortlaufend Verstärkung. Generalstabschef Necdet Özel und hohe Generäle trafen am Montag zu einer Truppeninspektion an der Grenze ein.

Die Oppositionszeitung "Cumhuriyet" berichtet, Regierung und Militärs in Ankara hätten einen Fünf-Punkte-Plan ausgearbeitet, um für alle Eventualitäten im Zusammenhang mit der Syrien-Krise gerüstet zu sein. Im Falle eines verstärkten Beschusses des türkischen Territoriums von Syrien aus sollen demnach zunächst Luftangriffe auf Ziele in Syrien geflogen werden. Als letzte Möglichkeit behalte sich Ankara auch die Entsendung von Bodentruppen ins Nachbarland vor.

Nato fordert Mäßigung

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen rief indes die Türkei und Syrien nach schweren Grenzzwischenfällen zur Zurückhaltung auf. "Wir hoffen, dass alle Seiten Zurückhaltung zeigen und eine Eskalation der Krise vermeiden", sagte Rasmussen . "Ich bin überzeugt, dass der richtige Weg in Syrien in einer politischen Lösung liegt."

Auch der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière sagte: "Wir halten für richtig, dass die Türkei entschlossen und besonnen reagiert hat und reagieren wird. Und alle sollten daran arbeiten, dass es dabei bleibt." Rasmussen versicherte der Türkei erneut die Solidarität der anderen Verbündeten. Die Türkei sei das Opfer ungerechtfertigter Angriffe Syriens geworden: "Natürlich kann die Türkei auf die Solidarität der Nato vertrauen. Wir haben alle Pläne, um die Türkei nötigenfalls zu beschützen und zu verteidigen. Wir hoffen, dass das nicht nötig sein wird."

Doppelanschlag in Damaskus

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Immer wieder wird Damaskus von Anschlägen erschüttert.

(Foto: dpa)

In Syrien verübten indes Islamisten nach Angaben der Opposition nahe Damaskus einen Doppelanschlag auf den Provinzsitz des Geheimdienstes der Luftwaffe und töteten dabei dutzende Menschen. Wie die im Exil ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte, trafen zwei schwere Explosionen im Abstand von rund 20 Minuten das Gebäude in Harasta, rund zehn Kilometer nordöstlich der Hauptstadt. Dabei seien "dutzende Menschen" getötet worden, sagte der Leiter der Stelle, Rami Abdel Rahman. Unklar sei das Schicksal "hunderter Gefangener" vor Ort.

Die islamistische Gruppierung Al-Nusra-Front bekannte sich auf ihrer Facebook-Seite zu den Selbstmordanschlägen. Sie bezeichnete den Sitz des Luftwaffengeheimdienstes als "Hochburg der Tyrannei". Ein Attentäter habe ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in das Gebäude gesteuert, hieß es. Wenig später habe ein weiterer "Märtyrer" ein Fahrzeug zur Explosion gebracht, "um den Rest des Gebäudes zu zerstören und die Überlebenden zu töten", hieß es in dem Beitrag weiter. Daraufhin hätten Kämpfer der Gruppe zudem Granaten auf das Gebäude geworfen.

Der Beobachtungsstelle zufolge bombardierte die syrische Armee nur wenige Stunden nach den Anschlägen die Stadt Harasta. Die offiziellen syrischen Medien berichteten nicht über die dortigen Vorfälle. Die Angaben der Beobachtungsstelle, die sich auf ein Netz von Aktivisten und Rettungskräften vor Ort stützt, waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

Den Angaben der Organisation zufolge gab es auch wieder Angriffe in der Stadt Homs. Angriffe gab es demnach zudem auf mehrere Stadtteile der seit Monaten umkämpften . In der Region Idlib nahe der Grenze zur Türkei wurden bei schweren Kämpfen in einem Dorf mindestens vier Aufständische und ein Kind getötet.

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Syrische Soldaten kämpfen in Aleppo gegen Aufständische

(Foto: dpa)

Nach einem Granatenangriff auf den syrischen Grenzort Al-Atarib wurden19 Verletzte von Angehörigen in die Türkei gebracht. Eine von syrischen Truppen abgefeuerte Mörsergranate sei dort in einem Wohnviertel detoniert, es gäbe eine große Anzahl an Toten und Verletzten. Eine Syrerin starb, die anderen wurden in verschiedene Krankenhäuser in Antakya gebracht.

Laut der türkischen Regierung flohen bislang 98.000 Syrer über die Grenze. Die Türkei kündigte an, auch weiterhin Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufzunehmen. Ende August hatte Außenminister Ahmet Davutoglu noch gewarnt, bei 100.000 Flüchtlingen seien die Kapazitäten seines Landes erschöpft.

Kritiker verfolgt

Syriens Führung setzt in ihrem Kampf gegen die Revolutionäre nicht nur auf militärische Gewalt - auch die Verhaftung kritischer Intellektueller geht weiter. Das Syrische Netzwerk für Menschenrechte berichtete, Omar Arnus, ein Mitglied der Organisation, sei am Sonntag aus seiner Wohnung in Damaskus abgeholt worden. Zusammen mit ihm seien seine Ehefrau und der zwei Jahre alte Sohn des Paares verschleppt worden.

In der Stadt Hama verhaftete der syrische Militärgeheimdienst einen Karikaturisten, nachdem dieser das Regime in seinen Zeichnungen kritisiert hatte. Aktivisten berichteten, Akram Ruslan sei bereits Anfang des Monats an seinem Arbeitsplatz in der Redaktion der Zeitung "Al-Fida" in Hama abgeholt worden. Als Karikaturist hat Ruslan für verschiedene Zeitungen in Syrien, im Libanon und in Saudi-Arabien gearbeitet.

Menschenrechtsaktivisten in Syrien berichten über die Festnahme von Gesinnungsgenossen häufig erst Tage später. Denn meist versuchen Angehörige zunächst, die Freilassung der Festgenommenen diskret durch Beziehungen oder Bestechung zu erreichen.

Quelle: ntv.de, dpa/AFP/rts