Politik

Träger-Test im Atlantik US-Marine startet Riesendrohne

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Tarnkappenbomber ohne Cockpit: Die X-47B an Bord der USS George H.W. Bush.

(Foto: U.S. Navy)

Knapp 110 Jahre nach dem Erstflug der Gebrüder Wright schieben Techniker an Bord eines atomgetriebenen Riesenschiffs ein futuristisches Fluggerät in Position: Mit dem Start des Robotorflugzeugs gehen nicht nur Schiff und Besatzung in die Geschichte ein - die USA lösen womöglich auch einen neuen Rüstungswettlauf aus.

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Ruhige See, wenig Fahrt, leichter Gegenwind: Ideale Testbedingungen für einen historischen Start.

(Foto: U.S. Navy)

Es ist ein Start, der das militärische Gleichgewicht auf hoher See für immer verändern könnte: Zum ersten Mal in der Geschichte der See- und Luftstreitkräfte ist eine Großkampfdrohne erfolgreich vom Deck eines Flugzeugträgers gestartet.

Das experimentelle Fluggerät vom Typ "X-47B" hob nach Angaben der US Navy mit Hilfe der fest installierten Katapulte vom Deck des nuklear angetriebenen Flugzeugträger "George H.W. Bush" ab. Es war der erste trägergestützte Start eines unbemannten Fluggeräts dieser Größe und Teil einer größeren Versuchsreihe, mit der die US Navy die grundsätzliche Eignung von Drohnen an Bord von Flugzeugträgern erproben will.

Der "Unmanned Combat Air System demonstrator" (UCAS-D), wie die Maschine in der Sprache der Militärs genannt wird, habe nach dem Start eine Reihe von Flugmanövern ausgeführt, teilte der zuständige US-Vizeadmiral David Buss mit. Rund 65 Minuten später sei die Drohne sicher und ohne Zwischenfälle auf dem Fliegerhorst "Naval Air Station Patuxent River" im Bundesstaat Maryland an der US-Ostküste gelandet. Teil des Testflugs waren demnach kontrollierte Überflüge und eine Reihe von Anflugversuchen in Richtung Landedeck. An die Landung selbst wagten sich die Drohnen-Steuerer zunächst nicht. Sie gilt als besondere Herausforderung für die Steuerungssoftware, da sich das Flugdeck eines Trägers selbst bei stiller See bewegt.

Vize-Admiral Buss sprach dennoch von einem "Wendepunkt" in der Geschichte der Marinefliegerei. Die Startbahn eines Flugzeugträgers sei die komplexest mögliche Umgebung für eine Drohne. Allerdings werde es noch Jahre dauern, bevor X-47B so weit ausgereift ist, dass sie in Dienst gestellt werden kann.

Die Drohne ist ein 11,6 Meter langes Experimentalflugzeug mit einer Spannweite von 18,9 Metern. Eine besonderes Merkmal macht sie für den Einsatz auf einem Flugzeugträger besonders geeignet: Die Tragflächen des ferngesteuerten Waffenträgers können an der Flügelwurzel hochgeklappt werden. Dadurch lässt sich die erforderliche Stellfläche des Roboterflugzeuges beim Rangieren an Deck oder während der Überfahrt im Hangar nahezu halbieren.

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Die Zukunft hat begonnen: Schon bald bleibt der Kampfpilot am Boden.

(Foto: U.S. Navy)

Darüber hinaus verfügt das Fluggerät über Stealth-Eigenschaften und ist damit für gegnerische Radargeräte nahezu unsichtbar. Im Ernstfall kann die Maschine bis zu zwei Tonnen Zuladung aufnehmen - deutlich mehr als ihre kampferprobten Vorläufer vom Typ "Predator" oder "Reaper". Damit könnte ein einsatzfähiges Serienmodell der X-47B auf Befehl des Pentagon eine große Auswahl an Lenkraketen oder Präzisionsbomben ferngesteuert ins Zielgebiet tragen. Eine dauerhafte Stationierung nahe des jeweiligen Einsatzgebietes ist nicht erforderlich: Das weltumspannende Netz an US-Flugzeugträgern bietet in jeder Region mindestens eine voll ausgestattete Start- und Landeplattform als schwimmende Einsatzbasis.

Ein weiterer wichtiger Vorteil der Drohne gegenüber herkömmlichen Kampfflugzeugen: Weil kein Pilot an Bord ist, spart die Maschine erheblich Gewicht ein. Die Elektronik an Bord bleibt auf ein Minimum beschränkt. Auf teure und umständliche Komponenten wie Lebenserhaltungssysteme und einen Schleudersitz kann komplett verzichtet werden. Dadurch kommt eine Drohne im Vergleich zu einem herkömmlichen Kampfflugzeug auf wesentlich längere Einsatzzeiten. Ihr Verlust ist leichter zu verschmerzen als der eines bemannten Flugzeugs, auch finanziell: Der Verlust eines einsatzerfahrenen Piloten, dessen Ausbildung sich über Jahre hinzieht, ist wesentlich kostspieliger.

Drohnen bieten den Militärplanern weitere unschätzbare Vorteile: Das Einsatzziel wird durch keinerlei menschliche Schwächen wie Müdigkeit, Langeweile oder andere, unter Umständen äußerst dringliche Bedürfnisse gefährdet. Der fernsteuernde Drohnen-Pilot und sein Waffensystemoffizier sitzen in der Regel in einer gut geschützten und klimatisierten Steuerzentrale fernab jeglicher Gefahrenquelle. Sollte sich zum Beispiel ein Standy-by- oder Überwachungsauftrag in die Länge ziehen, kann die Crew den Steuerknüppel jederzeit ohne Umstände an eine ausgeruhte Ersatzmannschaft übergeben.

Im Fall der X-47B kommt eine weitere revolutionäre Eigenschaft hinzu: Das fertige Waffensystem soll in der Lage sein, sich über weite Strecken autonom zu bewegen, also weitgehend ohne menschliche Steuerung auszukommen. Ein einzelner Drohnenpilot soll gleichzeitig den Flug mehrerer Maschinen überwachen können. Aus militärischer Sicht verbessert das die Effizienz eines Drohneneinsatz um ein Vielfaches.

Waffenstarrende Einsatzbasen

Northrop Grumman
Northrop Grumman 457,15

"Dieser Flug beweist, dass X-47B in der Lage ist, von einem Träger aus zu operieren, dass die Steuerung während des Flugs von einer Kontrollstation zur nächsten übergeben werden kann, und dass ein Flug durch den zivilen Luftraum samt Landung ohne Abstriche bei Sicherheit oder Präzision möglich ist", erklärte Matt Funk, der leitende Testingenieur beim UCAS-Programm der Navy.

Tatsächlich markiert der erfolgreiche Start der Drohne auch in den Augen unabhängiger Beobachter einen Entwicklungsschritt, der stellvertretend für die nahe Zukunft der militärischen Marinefliegerei steht: Der Prototyp X-47B nutzte bei seinem Erstflug von Bord des Trägers jene Starthilfevorrichtung, die im Regelbetrieb beim Start von herkömmlichen Kampfjets, Seeaufklärern und Jagdbombern zum Einsatz kommt. Teure Umbauten an Bord der Flugzeugträger sind damit nicht erforderlich. Das Experiment Drohnenstart ist offenbar auf ganzer Linie gelungen. Die erfolgreiche Landung steht allerdings noch aus und soll nach US-Militärangaben bis Ende des Monats getestet werden.

Sollte die US-Marine auch diese Phase der Testreihe erfolgreich abschließen können, wäre vor den kritischen Augen des Pentagon bewiesen, dass sich Drohnen grundsätzlich für den seegestützten Einsatz eignen.

Global betrachtet, dürfte sich damit die strategische Machtbalance weiter zugunsten der USA verschieben: Mit schweren Kampfdrohnen, die an Bord von Flugzeugträgern in alle Winkel der Weltmeere verschifft werden können, würde die US-Marine erheblich an Schlagkraft gewinnen. Der Einsatzradius der ferngesteuerten Waffenträger erweitert sich enorm. Dass die Marine dabei gleichzeitig erhebliche Summen an bisher anfallenden Einsatzkosten einsparen könnte, dürfte die Entscheidungen in Washington hin zur Drohne erheblich erleichtern.

Ferngesteuerte Schlagkraft im Pazifik

Im Pazifik, in dem mächtige Militärnationen wie die USA, Japan und China seit mehreren Jahren verstärkt um Einfluss ringen, könnte der Drohnenstart sogar ein neues Wettrüsten auslösen. Erst im vergangenen Jahr hatte die chinesische Marine die Erprobungsfahrten mit ihrem ersten eigenen Flugzeugträger aufgenommen. Von einem einsatzfähigen Flottenverband ist Peking Experten zufolge allerdings noch Jahre entfernt. Mit dem erfolgreichen Drohnenprogramm der USA fallen die chinesischen Seestreitkräfte weiter zurück.

Hersteller des Systems X-47B ist der US-Rüstungskonzern Northrop Grumman. Sollte das Pentagon angesichts der erfolgreichen Tests eine Großserie in Auftrag geben, dürfte sich das positiv in der Bilanz des Unternehmens auswirken. Denn in diesem Fall winkt langfristig die Umrüstung großer Teile der US-Marine - inklusive Software-Aktualisierungen, Ersatzteillieferungen und millionenschweren Wartungsverträgen.

Erst vor wenigen Tagen hatte die US-Marine ihre erste Drohnen-Kampfeinheit in Dienst gestellt. Die Einheit mit zehn unbemannten Hubschraubern des Typs "Fire Scout MQ-8B" sowie acht bemannten Helikoptern soll von 2014 an im Pazifik eingesetzt werden.

Dem Flugzeugträger sichert der Start der Tarnkappendrohne schon jetzt einen festen Platz in den Geschichtsbüchern: Die "George H.W. Bush" ist der erste Flugzeugträger überhaupt, mit dessen Katapult ein unbemanntes Flugzeug dieser Größe gestartet wurde.

Die "George H.W. Bush" trägt die Kennung "CVN-77" und ist ein sogenannter "Super Carrier" der Nimitz-Klasse. Benannt ist sie nach dem 41. Präsidenten der USA, dem Vater des Vorgängers des amtierenden US-Präsidenten Barack Obama. Die "Bush" ist einer von derzeit 11 aktiven Flugzeugträgern der US-Marine.

Quelle: ntv.de, mit AFP und dpa

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