US-Wahl

Der Kulturkrieger im Pullunder-Harnisch Santorum greift Obama an

Santorum bei einer Rede vor Studenten in Georgia.

Santorum bei einer Rede vor Studenten in Georgia.

(Foto: picture alliance / dpa)

Keiner vertritt die Ansichten der Konservativen so eindeutig wie Rick Santorum. Seine Nominierung durch die Republikaner würde den Wahlkampf jedoch thematisch stark verändern: weg von der Wirtschaft, hin zu Abtreibung, Religion und Homosexualität.

Er hat Barack Obama einen Snob genannt, er hat seinen christlichen Glauben infrage gestellt und ihn sogar indirekt mit Adolf Hitler verglichen. Keine Frage: Rick Santorum glaubt fest selbst daran, dass er bei der Wahl im Herbst der Gegner des amtierenden US-Präsidenten sein könnte. Und so ignoriert er inzwischen regelmäßig seine republikanischen Kontrahenten, um sich auf den Amtsinhaber einzuschießen.

Santorums Nominierung würde die bisherige Wahl jedoch völlig auf den Kopf stellen. Marktwirtschaft und Schuldenabbau adé: Seine Hauptthemen sind nicht die kränkelnde Industrie oder fehlende Jobs, sondern fundamentale Fragen des Zusammenlebens in den USA.

Religiöses Staatsbild

Schon 2008 war Santorum überzeugt: "Der Satan hat America ins Visier genommen."

Schon 2008 war Santorum überzeugt: "Der Satan hat America ins Visier genommen."

(Foto: AP)

Der Ex-Senator aus Pennsylvania ist das, was man im US-amerikanischen Polit-Universum einen "Kulturkrieger" nennt. Seine Vision von den USA misst sich vor allem an religiösen Idealen - selbst wenn er damit gegen den ersten Verfassungszusatz argumentiert. "Ich glaube nicht an ein Amerika, in der die Trennung von Kirche und Staat absolut sind", sagte Santorum kürzlich in einem Interview. Ganz im Gegensatz zu seinem katholischen Glaubensbruder John F. Kennedy, dessen leidenschaftlicher Appell für religiöse Toleranz von 1960 bei ihm "Erbrechen" auslöst, so Santorum.

Homosexualität verglich Santorum schon mit Sodomie, Inzest und Ehebruch. Es sei "unethisch und gegen die gesunde, stabile, traditionelle Familie" gerichtet. Die Schwulenehe würde er deshalb per Verfassung für illegal erklären, und das kürzliche eingeführte Recht von Homosexuellen, offen in den Streitkräften zu dienen, will er abschaffen.

In der Bildungspolitik verspricht Santorum, die staatliche Schulaufsicht auf ein Minimum zu reduzieren. Ohnehin sei der Bildungssektor ein Hort linker Ideen. Der Mann, der seine eigenen Kindern nicht auf eine Schule schickt, sondern daheim unterrichtet, setzt auf "personalisierte" Bildungsformen, wie er es nennt, am besten in der Hand der Eltern, die ihre Kinder daheim im Sinne ihrer Religion erziehen können. Als Senator versuchte er einst, die christliche Schöpfungslehre des Kreationismus als verpflichtenden Unterrichtsstoff einzuführen - als Gegengewicht zur Evolutionslehre, die Santorum ablehnt.  

Kämpfer gegen rechte Urängste

Am härtesten aber ist Santorums Haltung in Sachen Abtreibung. Die lehnt er prinzipiell ab, selbst bei Frauen, die nach einer Vergewaltigung schwanger geworden sind, oder deren Leben im Kreißsaal in Gefahr ist. Sie sollten "das Beste aus einer schrecklichen Situation machen", meint Santorum. Als Vorbild dient die Geschichte seines tot geborenen Sohnes Gabriel, den er nach der Entbindung mit nach Hause nahm, um ihn den anderen Kindern vorzustellen. Das Leben beginnt für den gläubigen Katholiken mit der Befruchtung, es zu zerstören, nennt er "Mord".

Santorum macht sich zum Streiter gegen die Urängste der konservativen USA: vor der Säkularisierung des Landes, vor dem Vormarsch liberaler Ideen, vor dem Verlust traditioneller Normen.

Werte-Wahlkampf statt Job-Parolen?

Sollte Santorum am Ende der Kandidat der Republikaner werden, würde er daraus sein Wahlprogramm stricken. Ihm bliebe auch kaum etwas anderes übrig, denn in finanz- und wirtschaftspolitischen Fragen fehlt Santorum die Glaubwürdigkeit.

Er war Senator, als der US-Kongress das Schuldenlimit anhob, Milliardenausgaben für die Kriege in Afghanistan und im Irak abnickte oder kontroverse Programme wie George W. Bushs Bildugsoffensive "No child left behind" finanzierte. Der Libertäre Ron Paul ging so weit, Santorum in der letzten Debatte als "Fälschung" eines Konservativen zu bezeichnen.

Santorum ist auch kein ausgemachter Wirtschaftsfachmann wie Romney. Der wird deswegen nicht müde, Santorum als "Washingtoner Karrierepolitiker" zu bezeichnen, als jemand, "der nie ein Geschäft oder einen Bundesstaat geführt hat". Gerade bei Wählern, die Arbeitslosigkeit über Abtreibung stellen, kommt das an.

Obama könnte das eher in die Karten spielen. Die US-Wirtschaft entwickelt sich nur langsam, die Arbeitslosigkeit ist weiter hoch. Gegen Santorum könnten diese Sorgen aber in den Hintergrund rücken. Allerdings treibt nichts die republikanischen Stammwähler so sehr an die Wahlurnen wie ihr Widerstand gegen Abtreibung oder Homosexuellenrechte.

Geteiltes Wahlvolk

Welche Chancen Santorum mit seiner sozial-konservativen Botschaft hat, lässt sich daher kaum sagen. Auf der einen Seite legalisieren zum Beispiel mehr und mehr US-Staaten die Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern, zuletzt Maryland. Andernorts wird jedoch versucht, Abtreibung so schwer wie möglich zu machen. In Virginia wollten die Republikaner gerade eine - medizinisch unnötige - gynäkologische Ultraschalluntersuchung vor der Abtreibung verpflichtend machen. Die Maßnahme traf auf so viel Widerstand, dass das Gesetz entschärft wurde. Allerdings greifen weitere Bundesstaaten, in denen Konservative die Mehrheit im Parlament stellen, die Idee gerade wieder auf.

Die Nominierung von Santorum durch die Republikaner würde die tiefe Spaltung des Landes vermutlich noch stärker zum Vorschein bringen, als es díe von Romney vermag. Denn Gerechtigkeitsdebatten über Arm und Reich dauern in den USA nur so lange, wie die Wirtschaft schwächelt. Sinkt erst einmal die Arbeitslosenrate, wird die Kritik an der sozialen Ungleichheit wohl schnell vergessen sein.

Santorum aber rüttelt an Wurzeln, die tiefer in die US-amerikanische Seele reichen. Er würde prinzipielle Fragen über das "Land der Freien" und "Heimat der Tapferen" aufwerfen. Fragen, die dann auch Obama beantworten müsste.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema