US-Wahl

Ein amerikanischer Trotzkopf Sozialist will US-Präsident werden

Jerry White bei seinem Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Jerry White bei seinem Vortrag an der Humboldt-Universität zu Berlin.

(Foto: Sebastian Schöbel)

Jerry White will mit Marx und Engels das Weiße Haus erobern. Dafür bräuchte der sozialistische Präsidentschaftskandidat allerdings einen Aufstand der US-amerikanischen Arbeiterklasse. Für den wirbt er nicht nur in den USA, sondern weltweit. Auch in Deutschland.

Ob er nicht Angst vor einem Attentat habe, lautet gleich die erste Frage aus dem Publikum. "Es gibt doch sicherlich Leute, die Ihnen ans Leder wollen." Da muss Jerome White, genannt Jerry, erst einmal lächeln. Nein, Angst habe er nicht. Zum Beweis erzählt White die Geschichte von sechs kräftigen Fabrikarbeitern, die sich einmal bei einem Fototermin schützend hinter ihm aufgebaut hätten. "Für dich fangen wir uns jederzeit eine Kugel ein", hätten sie ihm versichert. Der Fragesteller klingt trotzdem skeptisch und murmelt im tiefsten Berlinerisch: "Na ja, ick wünsch' ihnen jedenfalls viel Glück."

Brauchen wird White seine proletarischen Leibwächter wohl nicht. Als Präsidentschaftskandidat der Sozialistischen Gleichheitspartei SEP (Socialist Equality Party) hat der 52-Jährige keine Chance bei den US-Wahlen im November. Bereits 1996 war White erstmals für die SEP angetreten, er holte rund 2400 Stimmen. 2008 versuchte er es erneut, schaffte es aber in keinem Bundesstaat auf den Wahlzettel. Wer für ihn abstimmen wollte, musste Whites Namen schon selber eintragen. 2012 wird es ganz ähnlich sein, nur in Illinois und Louisiana wird man hinter "Jerry White" ein Kreuzchen machen können. "Aber wir starten wieder eine aggressive Einschreibekampagne", sagt er.

Globaler Klassenkampf

Für die "bourgeoise Elite", wie er es ausdrückt, stellt Jerry White aus der Autostadt Detroit damit keine Gefahr da. Schon gar nicht, wenn er tausende Kilometer entfernt Wahlkampf macht. Zum Beispiel im etwas heruntergekommenen Hörsaal 3038 der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Internationale Studentenorganisation für Soziale Gleichheit ISSE hat White eingeladen, damit er über "Sozialismus und die US-Wahlen" spricht. Seine Kandidatur habe "große Bedeutung für Arbeiter auf der ganzen Welt", erklärt ein ISSE-Genosse einführend. Von denen haben an diesem Tag allerdings nur Wenige hierhergefunden. Auf den knarzenden Holzbänken, in die sich etliche Generationen mit spitzen Gegenständen verewigt haben, sitzen vor allem Studenten und Rentner. Ein Dolmetscher übersetzt jeden Satz des US-amerikanischen Gastes. Der wirkt vor der riesigen Tafel und der Powerpoint-Präsentation eher wie ein Professor, und nicht wie ein trotzkistischer Arbeiterführer, als der er sich versteht. Die meisten Menschen hier sind gar nicht wahlberechtigt im November. Aber das waren auch die in England und Sri Lanka nicht, die er direkt vor seiner Reise nach Deutschland besucht hat.

Ein sozialistischer "American Dream"?

White hat den vielleicht schwersten Stand aller Präsidentschaftskandidaten in den USA. Er tritt als Sozialist mit einer Botschaft an, die so gar nicht zum Selbstbild der Amerikaner passt: Kollektiv statt Individuum, ordnende Staatsmacht statt kreative Eigenständigkeit, sozialistische Gleichheit statt kapitalistischer Wettkampf. Zurzeit ist das Wort "Sozialist" hier zwar wieder in Mode - allerdings nur als Beleidigung oder Drohkulisse, hauptsächlich benutzt von Republikanern gegen Demokraten und Präsident Barack Obama.

"Ehrlich gesagt, als 'Kapitalist' bezeichnet zu werden ist heutzutage auch eine Beleidigung", erwidert White trotzig. Die Finanzkrise habe schließlich das wahre Gesicht des "Geldadels" enttarnt, wie er sagt. Im Gespräch mit n-tv.de zitiert White Umfragen, wonach 40 Prozent der Unter-25-Jährigen den Sozialismus befürworten. Die Zeit für den sozialen Umbruch sei gekommen.

Konkurrenz von links

Dennoch fällt es White sichtlich schwer, Karl Marx mit Nationalhelden wie George Washington und Abraham Lincoln in eine Geschichte zu pressen. Lincolns Befreiung der Sklaven sei zum Beispiel "eine der größten Enteignungen der US-Geschichte gewesen", sagt White. Ein Beweis dafür, dass man auch zwischen New York und Los Angeles Besitz neu verteilen kann. Und mit Eugene Debs habe schließlich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein Sozialist nach dem Präsidentenamt gegriffen und dabei rund 1 Million Stimmen gewonnen.

Was White nicht erwähnt: Eugene Debs unterlag insgesamt fünfmal bei Präsidentschaftswahlen, und so viele Stimmen wie zu seiner Zeit holten die Sozialisten nie wieder. Stattdessen zersplitterte die Bewegung in viele Einzelgruppen. 2012 bewirbt sich neben White von der SEP auch ein Team der Sozialistischen Partei der USA um das Weiße Haus. Ausgerechnet am wettbewerbsfeindlichen linken Rand ist die Konkurrenz besonders groß.

Wut auf Gewerkschaften

Wenigstens bei den Gewerkschaften, könnte man meinen, haben die Sozialisten noch Anknüpfungspunkte. Deren Mitgliederzahlen sind zwar seit Jahren rückläufig, doch in einigen Gebieten sind sie noch immer eine Macht. Zum Beispiel im Bundesstaat Wisconsin, wo erst im Sommer Tausende auf die Straße gingen, nachdem der republikanische Gouverneur Gewerkschaftsrechte massiv beschneiden wollte.

Doch White schüttelt den Kopf. Nein, die Gewerkschaften hätten den Arbeitern nur "drei Jahrzehnte des Verrates" geliefert. Seit den 80er Jahren hätten die einst mächtigen "Unions" keine Antworten mehr auf die Globalisierung gefunden. Stattdessen haben sie Löhne nach unten verhandelt, sagt White, damit Jobs in den USA erhalten bleiben. Diesen Nationalismus aber lehnt White ab, schließlich kämpfe seine Bewegung global für die Arbeiterklasse. "Die schuften doch inzwischen alle für dieselben Konzerne."

Von allen verlassen

Selbst von der linken Occupy-Bewegung fühlt sich White im Stich gelassen. "Die haben ziemlich schnell gesagt, dass sie keine Politik machen wollen." Anarchie war in den Camps eine größere Inspiration als Sozialismus, sagt White. "Am Ende gab es nur symbolische Gesten, man warf Gegenstände auf Geldautomaten oder unterbrach Konzernmeetings." Gebracht habe all das nichts. "Am Ende floss die Rhetorik der 99 Prozent in die Reden der Demokraten ein."

Er will jetzt "neue Kampforganisationen bilden", abseits der Gewerkschaften, der linken Gruppierungen. Verknüpft mit dem globalen Klassenkampf sollen sie sein, frei nach dem Motto "Proletarier aller Länder, vereinigt euch." Die Zeit sei reif, und das Weiße Haus müsse er dafür auch nicht erobern. "Ist auch ziemlich unwahrscheinlich", sagt White - und lacht.

Quelle: ntv.de