Politik

Angriff mit 59 Tomahawk-Raketen USA bombardieren syrische Luftwaffenbasis

Der Militärflugplatz, von dem aus vor drei Tagen ein Giftgasattacke der Assad-Regierung verübt worden sein soll, wird in der Nacht das Ziel eines massiven US-Bombardements. Die syrische Armee meldet schwere Schäden und mehrere Tote.

Als Vergeltung für einen mutmaßlichen Giftgasangriff haben die USA einen Luftwaffenstützpunkt in Syrien attackiert. Nach Angaben des Pentagons wurden 59 Marschflugkörper des Typs "Tomahawk" abgeschossen. Es war das erste Mal, dass die USA in dem seit sechs Jahren andauernden Bürgerkrieg die Regierungstruppen attackierten, bisher hatten sie sich auf den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) konzentriert.

In einer kurzen Ansprache erklärte US-Präsident Donald Trump am späten Donnerstagabend (Ortszeit), er habe den Luftschlag angeordnet. Unklar war zunächst, ob es sich um einen einmaligen Einsatz handelte oder die Angriffe fortgesetzt werden sollten. Trump bezeichnete die Operation bei seinem kurzen Auftritt vor der Presse in seinem Privatdomizil Mar-a-Lago im Bundesstaat Florida als "grundlegend für die nationale Sicherheit" seines Landes. Es liege im Interesse der USA,  die Verbreitung von chemischen Waffen zu verhindern.

Nach US-Regierungsangaben wurden die Tomahawk-Geschosse auf die Luftwaffenbasis Al-Schairat abgefeuert. Dies sei der Stützpunkt, von dem aus der Giftgasangriff auf die von Rebellen kontrollierte Stadt Chan Scheichun geflogen worden sei, sagte Trump.

Trump warf Assad vor, durch den Einsatz von Nervengas "das Leben von hilflosen Männern, Frauen und Kindern erwürgt" zu haben: "Es war ein langsamer und brutaler Tod für so viele." Mit dem Giftgasangriff vor wenigen Tagen, bei dem zahlreiche Menschen getötet wurden, habe Syrien seine internationalen Verpflichtungen und UN-Resolutionen verletzt.

Diese Attacke sei ein "barbarischer Akt" gewesen. "Ich rufe heute alle zivilisierten Nationen auf, sich uns anzuschließen", sagte Trump. Das Blutvergießen in Syrien müsse beendet werden. Bei dem mutmaßlichen Giftgasangriff kamen Aktivisten zufolge mehr als 80 Menschen ums Leben. Der syrische Staatschef Baschar al-Assad hatte die Verantwortung für den Angriff zurückgewiesen. Trump hatte Assad bereits am Mittwoch gedroht und dabei bereits militärische Schritte angedeutet. Ein Pentagon-Sprecher bekräftigte, die USA würden den Einsatz chemischer Waffen nicht tolerieren.

US-Angriff kostet Menschenleben

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So sieht es aus, wenn ein Tomahawk-Marschflugkörper von einem Zerstörer gestartet wird.

(Foto: AP)

Die Raketen wurden von den beiden US-Kriegsschiffen "USS Porter" und "USS Ross" abgefeuert. Die beiden Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse sind im östlichen Mittelmeer stationiert. Ziel des US-Angriffs war die syrische Luftwaffenbasis Al-Schairat bei Homs in Zentralsyrien. Der Militärflugplatz ist mit zahlreichen Bunkern ausgestattet und liegt abseits dreier kleinerer Siedlungen östlich der Straße von Homs nach Damaskus.

Nach Angaben des Gouverneurs von Homs kamen bei dem US-Angriff mehrere Menschen ums Leben. "Es gibt Märtyrer, aber wir haben noch keine Bilanz der Märtyrer und Verletzten", erklärte Talal Barasi. Der Begriff "Märtyrer" steht im Sprachgebrauch des syrischen Militärs für Todesopfer.

Tillerson: Luftschlag "angemessen"

Bei den eingesetzten US-Waffensystemen handelt es sich um rund eineinhalb Tonnen schwere Marschflugkörper, die mit nahezu Schallgschwindigkeit fliegen und je nach Version bis zu 500 Kilogramm Sprengstoff GPS-gesteuert ins Ziel tragen. Der Stückpreis liegt Schätzungen zufolge bei rund einer Million Dollar. Bei dem Angriff sollten nach US-Angaben vor allem Flugzeuge und Hubschrauber der syrischen Luftwaffe zerstört werden. Die Präzisionsschläge dienten demnach dazu, die Luftwaffenbasis für weitere Einsätze unbrauchbar zu machen.

Auf dem Stützpunkt seien mehrere Feuer ausgebrochen, die noch nicht unter Kontrolle seien, sagte Barasi. Menschen hätten Verbrennungen erlitten. Barasi verurteilte die Angriffe. Die in Al-Schairat stationierten Flieger seien eine wichtige Stütze im Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in der Region Palmyra.

Keine Reaktion aus Moskau

Von der russischen Regierung gab es zunächst keine Reaktion zu dem US-Angriff. Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sagte aber, die USA hätten Russland vorab über den Angriff informiert. Russland bezweifelt, dass das syrische Regime für den Giftgasangriff verantwortlich ist.

In dem attackierten Stützpunkt ist nach Angaben eines Pentagon-Sprechers auch russisches Militär stationiert. Es seien die notwendigen Vorkehrungen getroffen worden, um die Risiken für das dortige russische wie syrische Personal zu minimieren, sagte ein Pentagon-Sprecher. Die russische Regierung hatte zuvor vor "negativen Konsequenzen" von US-Angriffen gegen die syrische Regierung gewarnt.

US-Außenminister Rex Tillerson erhob nach dem US-Luftangriff schwere Vorwürfe gegen Russland. Russland habe in seiner Verantwortung versagt, sagte Tillerson. Er verwies auf Zusagen Russlands, chemische Waffen in Syrien zu sichern und zu zerstören. Die USA hätten vor dem Luftangriff keine Kontakte mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehabt. Die Warnung vor dem militärischen Eingriff im syrischen Luftraum wurde demnach direkt an die russischen Streitkräfte übermittelt.

Russland ist der wichtigste Verbündeter des syrischen Staatschefs Baschar al-Assad. Seit September 2015 fliegt Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen die Terrormiliz IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Tillerson sagte, der Angriff demonstriere, dass Trump gewillt sei zu handeln, wenn "Linien überschritten" würden. Der Luftangriff sei "angemessen".

Opposition lobt "sehr wichtige Reaktion"

Die syrische Opposition lobte den US-Angriff auf den Flugplatz als "sehr wichtige Reaktion". US-Präsident Trump und Außenminister Rex Tillerson hatten nur Stunden zuvor den Druck auf die Regierung Assads erhöht. Trump sagte mit Blick auf Assad: "Ich denke, er ist der, der die Dinge verantwortet. Und ich denke, es sollte etwas passieren." Die USA wollten eine internationale Koalition schmieden, um Assad abzulösen, sagte Tillerson.

Die US-Regierung vollzog damit bereits die zweite Kehrtwende in der Syrien-Politik. Tillerson hatte vor einer Woche bei einem Besuch in der Türkei gesagt, das Schicksal Assads werde vom syrischen Volk entschieden. Das war eine Abkehr von der Linie der Vorgängerregierung, die dem Machthaber in Damaskus die Hauptverantwortung für den blutigen Konflikt in dem Bürgerkriegsland zuschob und auf seinen Sturz hinarbeitete.

Quelle: n-tv.de, mmo/jve/AFP/dpa