Politik

Awakow befürchtet "Blutbad" nach Flughafenbesetzung Ukrainischer Innenminister beschuldigt Russland

Auf der Krim rücken Flughäfen in den Fokus des Interesses. In Simferopol und Sewastopol tauchen bewaffnete Kämpfer auf - die neue ukrainische Regierung in Kiew spricht von einer "bewaffneten Invasion".

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Innenminister Awakow glaubt, dass die Kämpfer auf der Krim russische Soldaten sind.

(Foto: dpa)

Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow wirft der russischen Armee eine "bewaffnete Invasion" auf der Krim vor. Er werte die jüngsten Ereignisse auf der Halbinsel außerdem als Besetzung, schrieb Awakow auf seiner Facebook-Seite. In der Nacht waren Bewaffnete in den Flughafen der Krim-Hauptstadt Simferopol eingedrungen. Nach Angaben von Awakow blockieren "bewaffnete Einheiten" der russischen Schwarzmeerflotte zudem den Flughafen Belbek bei Sewastopol, wo die Schwarzmeerflotte stationiert ist.

Auch das ukrainische Parlament forderte Russland zur Zurückhaltung auf. Moskau müsse alle Handlungen unterlassen, die die territoriale Einheit des Landes gefährdeten, hieß es in einer Entschließung der Obersten Rada. Die Abgeordneten baten zudem den Weltsicherheitsrat, sich mit der Lage in der Ex-Sowjetrepublik zu befassen. Interimspräsident Alexander Turtschinow setzte eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates an.

Die Soldaten trügen zwar keine Erkennungszeichen, schrieb Übergangsminister Awakow. Ihre "Zugehörigkeit" zur russischen Armee versteckten sie jedoch nicht. Es habe vorerst zwar keine bewaffnete Auseinandersetzung gegeben. Der Flughafen, wo ukrainische Soldaten und Grenzschützer stationiert seien, sei aber lahmgelegt. Auch die rund 120 bewaffneten Eindringlinge am Flughafen von Simferopol seien russische Soldaten gewesen.

Mit diesen Aktionen verletze Russland "alle internationalen Abkommen und Regeln", schrieb der Übergangsminister. Auf der Krim solle offensichtlich ein "Blutbad" provoziert werden. Am Donnerstag hatten prorussische Milizen bereits das Parlament und die Regionalregierung in Simferopol unter ihre Kontrolle gebracht. In der autonomen Teilrepublik der Ukraine leben überwiegend ethnische Russen.

Autos ohne Kennzeichnen

Medien hatten am frühen Morgen von rund 50 Bewaffneten berichtet, die kurzzeitig den Flughafen der Stadt Simferopol besetzt haben sollen. Wie der Sender Russia Today berichtete, verließen die Eindringlinge das Gelände wieder, nachdem sie keine ukrainischen Soldaten angetroffen hätten. Der Betrieb des Flughafens sei nicht beeinträchtigt worden.

Die Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine hatte geschrieben, die Männer hätten Militäruniformen getragen. Augenzeugen hätten erklärt, die Bewaffneten hätten dieselbe militärische Kleidung getragen wie die Männer, die am Donnerstagmorgen die Gebäude von Parlament und Regionalregierung auf der ukrainischen Halbinsel Krim besetzt hätten. Die Männer seien in Fahrzeugen ohne Kennzeichen am Flughafen vorgefahren.

Russland dementiert Sewastopol-Blockade

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Bewaffnete und vermummte Kämpfer patroullierten am Flughafen von Simferopol.

(Foto: AP)

Ein Sprecher des Flughafens widersprach Berichten, dass es sich um eine Besetzung gehandelt habe. Ziel sei, eine Ankunft von radikalen und faschistischen Kräften aus Kiew zu verhindern, sagte einer der Männer dem britischen Sender BBC. Damit sind nationalistische und antirussische Kräfte vor allem aus dem Westen der Ex-Sowjetrepublik gemeint, die den Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch vorangetrieben hatten. Der Betrieb des Airports war nicht beeinträchtigt.

Die russische Schwarzmeerflotte hat dagegen eine Beteiligung an der Besetzung eines Militärflughafens von Sewastopol bestritten. Die Soldaten seien nicht in das Gebiet um den Flughafen vorgedrungen und hätten es auch nicht blockiert, zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax einen Militärsprecher. Russland verfügt über eine Marinebasis in Sewastopol.

Putin will weiter mit Ukraine reden

Wladimir Putin wies indes die russische Regierung an, die Gespräche mit der Ukraine über Wirtschafts- und Handelsbeziehungen fortzusetzen. Außerdem solle sie mit ausländischen Partnern wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und den führenden Industrieländern über Finanzhilfen für die Ukraine beraten, teilte das Präsidialamt mit. Daneben solle die Regierung einer Bitte der südukrainischen Krim-Region um humanitäre Hilfe nachkommen.

Knapp eine Woche nach seiner Entmachtung als ukrainischer Präsident will sich Viktor Janukowitsch an diesem Freitag um 14.00 Uhr MEZ erstmals öffentlich zu Wort melden. Nach Berichten russischer Agenturen plant der 63-Jährige eine Pressekonferenz in der Stadt Rostow am Don. Am Wochenende war er vom Parlament in Kiew abgesetzt worden und geflohen. Janukowitsch beharrt darauf, dass er weiter der rechtmäßige Präsident sei. Die Beschlüsse des Parlaments seien rechtswidrig.

Krim bleibt im Fokus

Die prorussische Volksvertretung auf der Krim sprach sich für eine Volksbefragung über die Autonomie der Region aus. "Durch die verfassungswidrige Machtübernahme in der Ukraine von radikalen Nationalisten und mit Unterstützung bewaffneter Banden sind Friede und Ruhe auf der Krim gefährdet", sagte eine Parlamentssprecherin. Die Mehrheit der Krim-Bewohner sind ethnische Russen.

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Diese Frauen auf der Krim fühlen sich als Russinnen. Mit Heiligenbildern demonstrieren sie am Hafen von Sewastopol gegen die neue Regierung in Kiew.

(Foto: AP)

Sie fürchten infolge des Umbruchs in Kiew um ihre Autonomierechte. Das besetzte Regionalparlament beschloss am Donnerstag, dass zeitgleich mit den landesweiten Präsidentenwahlen am 25. Mai ein Referendum auf der Krim abgehalten werden soll. Darin soll es um eine Ausweitung der Autonomierechte gehen. Russland hatte am Mittwoch mit einem massiven Militärmanöver auf die Spannungen reagiert und den Schutz für seine Schwarzmeerflotte erhöht.

Die neue Übergangsregierung in Kiew warnte ihren Nachbarn Russland vor Truppenbewegungen auf der Krim, die vor 60 Jahren der Ukraine zugeschlagen worden war. Interimspräsident Alexander Turtschinow erklärte: Sollten sich Soldaten der Schwarzmeerflotte in Sewastopol unangemeldet außerhalb der in Abkommen festgelegten Zonen bewegen, werde dies als "militärische Aggression" gewertet.

Rückkehr zum Kalten Krieg?

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Jazenjuk spricht vor dem ukrainischen Parlament.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

In Kiew wählte das Parlament den 39 Jahre alten Arseni Jazenjuk zum neuen ukrainischen Regierungschef. Der Gefolgsmann von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko soll das Land aus der schwersten Krise seit der Unabhängigkeit führen.

Die USA forderten Russland zur Zurückhaltung in der Ukraine-Krise auf. Verteidigungsminister Chuck Hagel sagte in Brüssel, die Vereinigten Staaten würden die Militär-Übungen an der ukrainischen Grenze sehr genau beobachten. "Ich erwarte von Russland Transparenz bei diesen Aktivitäten", sagte er. Zudem forderte er Moskau auf, "keine Schritte zu unternehmen, die falsch verstanden werden könnten oder zu falschen Einschätzungen führen könnten in einer sehr schwierigen Zeit, einer Zeit starker Spannungen".

Die USA und Deutschland wollen Russland in die internationalen Bemühungen um Finanzhilfen einbinden. "Wir werben darum, dass Russland sich an den wirtschaftlichen Stabilisierungsbemühungen beteiligt, weil niemand einen Vorteil davon hat, wenn dieses Land einem Bankrott entgegengeht", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Die Ukraine brauche dringend internationale Unterstützung, um nicht "auf nächster Strecke auszutrocknen".

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen appellierte an Moskau, "nichts zu tun, was die Spannung verschärfen oder zu einem Missverständnis führen kann". Rasmussen sagte, die Nato habe "keine Informationen, die darauf hindeuten, dass Russland irgendwelche Pläne für ein militärisches Eingreifen hat".

Russland kündigte an, im Rahmen eines großen Manövers auch seine Kampfbomber-Flotte im Westen des Landes sowie seine Flotte in der Ost- und in der Barentssee zu testen. Dabei würden etwa Kampfflugzeuge an der Grenze zur Ukraine eingesetzt. Die dortigen Luftstreitkräfte sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums im Dauereinsatz. Dies habe nichts mit der Lage in der Ukraine zu tun, behauptete Moskau.

Quelle: n-tv.de, vpe/bad/dpa/AFP

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