Politik
Junge Ägypter solidarisieren sich mit den Protesten in Libyen.
Junge Ägypter solidarisieren sich mit den Protesten in Libyen.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 22. Februar 2011

"Freiheit bedeutet, etwas zu wagen": Umbruch kann brutal werden

Hamed Abdel-Samad kam 1972 bei Kairo zur Welt. Seit 1995 lebt er in Deutschland. Die Revolution in seiner alten Heimat macht ihn stolz. Als Politologe sieht er jedoch auch, dass die Umbrüche in anderen Staaten brutaler verlaufen könnten.

n-tv.de: Sie selbst haben Ägypten verlassen, leben schon lange in Deutschland. Wie ist es jetzt für Sie, in dieses andere Ägypten zurückzukehren?

Hamed Abdel-Samad:Ich habe Ägypten nicht verlassen, weil ich das Land nicht mag, sondern weil ich es zu sehr mag.  Es hat mir weh getan, dass ich dort nicht frei leben konnte und dass sich das Land nicht öffnet und entwickelt. Später habe ich die Verbindung wieder hergestellt und Bücher über nötige Reformen geschrieben. Als jetzt die Revolution losging - und ich bestehe darauf, dass es eine Revolution ist - bin ich sofort hingeflogen. In diesem historischen Moment musste ich dabei sein, da reicht das Schreiben nicht aus. Ich war überrascht, aber auch demütig, angesichts der Menschen, die plötzlich das Schönste aus sich herausbrachten. Sie haben die Welt daran erinnert, was Freiheit bedeutet. Freiheit bedeutet nicht, dass alles beim Alten bleibt. Freiheit bedeutet auch mal etwas zu wagen. Die Aufbruchstimmung und die Hoffnungen allein reichen nicht aus, um aus Ägypten ein demokratisches Land zu machen, aber sie sind der Anfang.

Was hat sich in Ägypten verändert?

Das Land ist kaum wiederzuerkennen. Wir wussten ja, dass in der Jugend Potenzial da war, aber keiner konnte damit rechnen, dass es sich so schnell entfalten würde. Jetzt ist es so, dass sich quasi das ganze Land verändert hat, die Mentalität, die Energien und auch die Ziele der Menschen. Viele hatten die Ägypter als resigniert oder zu geduldig abgestempelt. Vor einigen Monaten galten die jungen Leute noch als Taugenichtse, die im Internet rumhängen und nichts zu tun haben. Aber jetzt haben sie das ganze Land umgekrempelt. Nachdem der Staat praktisch verschwunden war, haben die Ägypter die Organisation ihres Lebens selbst in die Hand genommen. Und das klappt hervorragend. Das ist etwas, was mir große Hoffnung macht, für die nächste Ebene, für die politische Neuorganisation.

Demonstranten beim Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz in Kairo.
Demonstranten beim Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz in Kairo.(Foto: AP)

Es ist jetzt viel die Rede von den Werten des Tahrir-Platzes. Welche Werte sind das?

Die Ägypter waren nicht gerade bekannt dafür, dass sie ihren Müll ordentlich sammelten. Sie waren auch nicht unbedingt diejenigen, die Verkehrsregeln beachteten. Plötzlich haben sie das Gefühl, dass das Land ihnen tatsächlich gehört. Den Verkehr regelt jetzt ein Zivilist, und wenn der Stopp zeigt, stoppen die Autofahrer auch. Weil sie wissen, das Zeichen gilt jetzt für alle. Früher hätten sie gedacht, wenn jetzt der Sohn eines Ministers käme, dürfte der weiterfahren. Das ist eine starke Veränderung im Bewusstsein. Freiwillige haben sich um die Verletzten gekümmert, haben die Demonstranten mit Essen und Wasser versorgt, das war eine Meisterleistung.

Viele Tunesier verlassen ihr Land, weil sie es jetzt können. Inwiefern spielt das in den Überlegungen der Ägypter eine Rolle?

In Ägypten leben über 80 Millionen Menschen. Wenn 40 Millionen davon auf der Flucht wären, müssten wir uns Sorgen machen. Das wäre eine Katastrophe für das Land und für die Region. Aber in einer Zeit des Aufbruchs ist es die natürlichste Sache der Welt, dass die, die immer weg wollten, nun auch gehen. Das ist überall so, wo die staatlichen Strukturen weicher werden. Das war in Ostdeutschland und Osteuropa so, warum ist man da jetzt überrascht? Das ist eine sehr natürliche und normale Entwicklung.

Was ist der Unterschied zu den aktuellen Entwicklungen in den anderen arabischen Ländern?

Hamed Abdel-Samad ist Politikwissenschaftler und Autor mehrerer Bücher.
Hamed Abdel-Samad ist Politikwissenschaftler und Autor mehrerer Bücher.(Foto: Raimond Spekking / Wikimedia unter cc-by-sa-3.0)

In Ägypten und Tunesien sind die Entwicklungen trotz Schießereien zivilisiert und relativ friedlich verlaufen. Das könnte in Algerien, Libyen oder Jemen anders aussehen. Dort kann man mit brutalen Umbrüchen rechnen, aber man kann auch nichts dagegen tun. Der Westen hat diese Diktaturen jahrelang unterstützt und kann nun nicht davon ausgehen, dass der Wandel immer sanft vor sich geht. In Jemen und Algerien haben wir es mit Stammeskulturen zu tun, die sich mit der Politik vermischt haben. Ägypten und Tunesien verfügten über eine zivile Gesellschaft, über eine gebildete Mittelschicht und sehen sich als Nationen, nicht als Stämme.

Wie schätzen Sie die Reaktionen des Westens ein?

Ich bin überrascht von den Ängsten und Bedenken, die sofort hochkommen. Jetzt ist doch die Zeit für Hoffnung und Zuversicht. Die Erdölversorgung, Israels Sicherheit, die Stabilität der Region – das sind alles wichtige Themen, aber erst einmal geht es darum, demokratische Staaten aufzubauen. Mit den Staaten kann man dann verhandeln, wie es weitergeht.

In sechs Monaten soll in Ägypten gewählt werden. Wird die Zeit reichen?

Sechs Monate sind viel zu wenig Zeit, ich hätte mir zwei Jahre für die Übergangsphase gewünscht. In dieser Zeit müsste sich das Militär zurückziehen und Platz für eine Übergangsregierung machen, die die Verfassung ändert. Dann hätten auch die Parteien Zeit gehabt, sich zu etablieren. Nun wird es trotz der Wahlen vermutlich zwei, drei Jahre dauern, bis sich das politische Chaos ordnet. Demokratie ist ein Prozess. Die Revolution von 1918 hat in Deutschland die Monarchie beendet, aber es hat bis 1947 gedauert, bis sich demokratische Strukturen gefestigt haben. Für Historiker und Politologen ist es wichtig, zu schauen, was damals schiefgelaufen ist. Es gab keine Verfassung, die die Gewalten geteilt hat. Es fehlte vielleicht auch an Geduld. Es ist unsere Aufgabe, vor diesen Dingen zu warnen, im arabischen Raum kommt auch noch die Sorge vor dem aufkommenden Islamismus hinzu. Es wird auch politische Bildung nötig sein, um zu vermitteln, wie demokratische Meinungsbildungsprozesse funktionieren.

Wann werden Sie wieder nach Ägypten reisen?

Ich will im März wieder in die Region fahren und auch die Stimmungen in den anderen Ländern erforschen. Aber ich vermisse Kairo und den Tahrir-Platz schon jetzt.

Mit Hamed Abdel-Samad sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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