Politik

Die Neue(n) zur Bundestagswahl Ungeduldige Feministinnen drängen ins Parlament

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Marie Müser erlebt den Umgang mit ihrer Parteivorsitzenden Baerbock als unfair.

Die Kandidatinnen für den Bundestag haben sich in diesem Jahr stark verjüngt, in Sachsen sind viele unter 30 Jahre alt. Es sind vor allem junge Frauen, die den Generationswechsel in den Parteien einläuten. Aber nicht in jeder Partei werden sie gleich stark unterstützt.

Es sind Videos, die wirken wie von einer Werbeagentur konzipiert. Die Botschaften klar: "Leute, nicht euer Ernst, oder? Lasst uns nicht mehr nur zusehen, wie andere Leute unsere Zukunft verspielen. Eine gute Zukunft für alle ist keine Utopie." Die junge Frau, die das sagt und die Videos mit ihrem Wahlkampfteam produziert, ist Marie Müser. Gebürtige Leipzigerin, Direktkandidatin für die Grünen im Wahlkreis Leipzig I, Listenplatz 7.

Ein anderes Setting: Eine junge Frau steht an einem Küchenblock. Sie backt Cupcakes. "Backen ist ja schon so ein bisschen wie Politik. Man brauch die richtigen Zutaten, die richtigen Mengen, die richtigen Instrumente und ganz viel Geduld und dann kann am Ende was richtig Schönes, Fluffiges bei rauskommen." So wie der bunt dekorierte Cupcake vor Rasha Nasr. Gebürtige Dresdnerin mit syrischen Wurzeln, Direktkandidatin für die SPD im Wahlkreis Dresden I, Listenplatz 4.

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Für Rasha Nasr braucht niemand überdeutlich sprechen: "Ich bin Dresdnerin!"

Was die beiden Frauen eint ist ihr Wille, Dinge zu verändern. Klima, soziale Gerechtigkeit und der Kampf gegen rechts sind nur einige Punkte, die die beiden Frauen als politische Themen in ihrem Wahlkampf setzen. Sie wollen beide in den Bundestag, sie sind beide unter 30, weiblich, aus den neuen Bundesländern und eine von beiden hat zusätzlich noch eine Migrationsgeschichte. So repräsentieren beide Kandidatinnen genau die Gruppen, die derzeit im Bundestag nur wenig vertreten sind.

Junge nicht überall vertreten

Ein Blick nach Sachsen zeigt: Nicht jede Partei ist gleich offen oder attraktiv für junge, ambitionierte Frauen. Bei der sächsischen CDU ist nur ein Kandidat von insgesamt 20 unter 30 Jahre alt und der ist männlich. Bei der FDP ist es ebenfalls nur ein junger Mann. Desto linker die Parteien werden, umso jünger und auch weiblicher werden die Kandidatinnen in Sachsen.

Der Politikwissenschaftler Sven Leunig von der Universität Jena hat mehrere Erklärungen dafür. Einerseits könne es sein, dass es zu wenig junge Frauen mit Interesse an politischen Ämtern gibt. Aber "gerade bei der CDU, die lange in Sachsen schon regiert, gibt es eben gewisse Seilschaften, da zieht man die Leute nach, die man da gerne hätte, beziehungsweise die älteren Herrschaften bleiben gerne auf ihrem Sitz sitzen. Da sind auch Platzhirsche dabei und da haben die Jüngeren dann auch Schwierigkeiten."

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Dass so wenig Frauen in Mandate ausüben, ist nicht nur Schuld der Männer, findet Lars Rohwer.

Als Greenhorn gilt auch Lars Rohwer 1991, als er als jüngster sächsischer Abgeordneter für die CDU ein Mandat übernimmt. Abgeordneter ist er immer noch, außerdem jetzt auch Bundestagskandidat. Vor allem, wenn er Politikgrößen wie Alt-Kanzler Kohl vorgestellt wurde, hat er zu spüren bekomme, was es heißt, der Jüngste zu sein. Er findet es gut, dass junge Menschen ab 18 wählbar sind, betont aber auch, als Politiker brauche es Lebenserfahrung. Dass es Frauen schwerer haben könnten als Männer, sieht er nicht. Bei der sächsischen CDU fehle es schlichtweg an Frauen, die bereit seien, ein politisches Amt zu übernehmen. Viele Frauen hätten Sorge, den Anforderungen eines Bundestagsmandats nicht gerecht werden zu können, oder scheuten die Öffentlichkeit. Denn im politischen Diskurs würde es oft auch persönlich, so Rohwer. "Und das ist nicht jeder Fraus Sache."

Aufs Äußerliche reduziert

Das Argument, zu wenig Lebenserfahrung für ein politisches Amt zu haben, kennen auch Nasr und Müser. Zumal sie den üblichen politischen Werdegang, die sogenannte Ochsentour, ausschlagen. Meisten beginnt eine politische Karriere in einem Kommunalparlament, danach geht es vielleicht in den Landtag, dann erst, Jahre später, kommt eventuell der Aufstieg nach Berlin. Die Kandidatinnen unter 30 in Sachsen sprengen diesen Lebenslauf. Sie sind zwar meist seit Jahren politisch engagiert, aber sie waren oft noch keine Mandatsträger. Folglich könnte ihnen die politische Kompetenz für den Bundestag abgesprochen werden. Den Frauen noch mehr als den Männern, einfach nur, wegen des Geschlechts.

Marie Müser erlebt das zwar während ihrer politischen Arbeit selten, dafür aber in ihrem Alltag. Sie erzählt von Beleidigungen, davon auf Äußerlichkeiten und Geschlecht reduziert zu werden. Was sie aber mehr mitnimmt, ist der Umgang mit der Grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Für sie ist es "systematisch, dass jüngeren Frauen die Kompetenz abgesprochen wird, ein Land zu regieren und die Verfehlungen von Männern wie Scholz und Laschet keine Rolle mehr spielen". Das zeige ihr, dass es Frauen in der Politik schwerer haben, dass es aber auch starke Frauen dort brauche, damit der Deutsche Bundestag auch wirklich den gesellschaftlichen Querschnitt widerspiegele. Da gehören, so Müser, junge Frauen eben genauso dazu wie ältere Männer.

"Ich bin Dresdnerin."

Rasha Nasr leitet das Büro eines Landtagsabgeordneten und wird regelmäßig gefragt, ob sie die Praktikantin sei. Sie hat in diversen Gremien auch häufig das Gefühl, besser sein zu müssen als alle anderen, um auch die oft männlichen Zweifler zu überzeugen. Doch sie kämpft auch noch auf einer anderen Ebene. Ihre syrischen Wurzeln sind ihr anzusehen. Das sollte 2021 eigentlich kein Thema sein, ist es aber doch: "Manchmal reden die Menschen mit mir extra laut und langsam, weil sie denken, ich würde sie sonst nicht verstehen. Ich sage dann, dass ich Dresdnerin bin und sie normal sprechen können." Sie sagt, es bringe nichts, sich darüber zu empören. "Ich nehme sie mit in meine Gedanken- und Gefühlswelt in der Hoffnung, dass sie bereit sind, das zu verstehen."

"Da gibt es, vor allem im konservativen Milieu, viele Platzhirsche und auch die Meinung, dass wenn eine Frau zum Beispiel Kinder hat, sie keine Politik machen könne", bestätigt Sven Leunig den Eindruck, dass es Frauen auf dem politischen Parkett schwerer haben als Männer. Auch Emotionen werden, wenn sie von Politikerinnen kommen, oft als Schwäche ausgelegt. Ein Fehler, sagt Leunig. "Denn Politiker und Politikerinnen mit Gefühlen könnten der Politik einen Kick geben, sie für die Wähler zugänglicher machen."

"Erfahrung an sich ist kein Wert"

Der Generalsekretär der sächsischen SPD, Henning Homann, sitzt seit 2009 durchgängig im sächsischen Parlament, ein alter Hase. Er spürt bei den jungen Frauen eine aus seiner Sicht gerechtfertigte "feministische Ungeduld". Homann beobachtet, dass es "junge Frauen durchaus schwerer haben als mittelalte oder alte Männer". Auch er sieht einen Unterschied in den Fraktionen. In der CDU-Fraktion haben es junge Frauen, aus seiner Sicht, schwerer als bei der SPD oder bei den Grünen, was auch an der Ausrichtung der Parteien an sich läge. Lebenserfahrung spiele für ihn bei einem politischen Amt nur eine untergeordnete Rolle. "Erfahrung an sich ist kein Wert. Man kann auch 30 Jahre alles falsch gemacht haben."

Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag beträgt gerade einmal 31 Prozent, weniger noch als in der vorangegangenen Legislaturperiode, was vor allem am Einzug der extrem männerlastigen AfD 2017 lag. Doch auch in der Union kommen auf eine Bundestagsabgeordnete vier Herren mit Mandat. Die CDU debattiert seit Jahren, selbst eine Frauenquote einzuführen; hat einen Vorstandsvorschlag hierzu aber auf den nächsten Parteitag verschoben. Grüne, SPD und Linke sind schon weiter. Die Wahl entscheidet sich bis zum 26. September. Erst dann wird klar sein, ob moderne Videos, in denen alle geduzt werden, oder in denen Politik am Beispiel von Cupcakes erklärt wird, bei den Wählern ankommt. Die neue Generation Politikerinnen jedenfalls scharrt mit den Füßen, auch und vor allem junge Frauen.

Quelle: ntv.de

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