Politik

Verrat unterm Kreuz Vatikan macht Gabriele Prozess

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(Foto: dapd)

Über Wochen kommen geheime Informationen aus dem Vatikan ans Licht der Öffentlichkeit. Die Kurie ist lange ahnungslos, bis sie die vermeintliche undichte Stelle findet: Benedikts Kammerdiener Paolo Gabriele soll geplaudert haben. Hinter den Mauern den Vatikan wird ihm dafür ab heute der Prozess gemacht.

Die Affäre hat den Vatikan in Aufruhr versetzt. Geheime und brisante Dokumente aus den privaten Gemächern des Papstes landeten in den Medien, Informationen über Intrigen und Missstände sickerten durch die sonst so undurchdringlichen Mauern. Monatelang suchten die Ermittler nach der undichten Stelle. Heute muss sich in der Enthüllungsaffäre "Vatileaks" der Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, vor dem Tribunal des Vatikans als Hauptangeklagter verantworten - in einem kleinen Gerichtssaal innerhalb des Vatikanstaates.

Gabriele wird schwerer Diebstahl vorgeworfen - nach Paragraf 403 des vatikanischen Strafrechts stehen darauf bis zu vier Jahre Haft. Ob Gabriele aber überhaupt vor Gericht erscheint, ist offen: Denn nach den an das italienische Recht angelehnten Vorschriften muss der Angeklagte nicht am Verfahren teilnehmen.

Der Prozess ist zwar öffentlich. Dennoch darf nur eine Handvoll Journalisten direkt dabei sein, wenn das Richtertrio unter Vorsitz von Präsident Giuseppe Dalla Torre in dem ehrwürdigen, holzvertäfelten Saal mit lederbezogenen Stühlen zusammenkommt. Es soll keine Bilder aus dem Gerichtssaal geben, weder Fotos noch Fernsehaufzeichnungen.

Gabriele bittet um Vergebung

Der 46-jährige Gabriele, der auf so vielen Fotos direkt neben Benedikt zu sehen ist, war dem Papst so nah wie kaum ein anderer. Er half Benedikt beim Ankleiden, bediente ihn beim Essen und begleitete ihn auf Reisen. Noch nie wurden so gravierende Vorwürfe gegen einen so engen Mitarbeiter des Papstes bekannt. Angeklagt ist neben ihm wegen Beihilfe ein Informatiker aus dem Staatssekretariat.

Anfang des Jahres hatte die Serie von Veröffentlichungen geheimer Dokumente eingesetzt und die Kirche nach dem Missbrauchsskandal unter Druck gebracht. Es ging um mögliche Kungeleien an der Spitze der Kirche. Von einem angeblichen Mordkomplott gegen den deutschen Papst war die Rede, von Ränkeschmieden um den Posten eines künftigen Kirchenführers, von undurchsichtigen Geschäften der wiederholt in Verruf geratenen IOR-Bank des Vatikans. Unter den Namen, die immer wieder auftauchten, war der des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone. Den vatikanischen Augias-Stall auszumisten, ist dem 85-jährigen Oberhaupt der katholischen Weltkirche ein dringendes Anliegen. Er berief dafür eigens eine Kardinalskommission ein.

Der Vatikan setzte Ermittler ein, im Mai nahmen sie Gabriele fest. Wochenlang saß der Familienvater in Untersuchungshaft, dann wurde er in den Hausarrest entlassen. Er hat mit den Ermittlern kooperiert, Reue für seine Tat bekundet und den Papst um Vergebung gebeten.

War das schon alles?

Sollte Gabriele verurteilt werden, könnte der Papst ihn begnadigen. Ein Gefängnis, das auf dauerhafte Häftlinge eingerichtet ist, gibt es im Vatikan ohnehin nicht - Gabriele müsste dann auf italienischem Staatsgebiet hinter Gitter. Gabriele habe sich als "Verbindungsmann des heiligen Geistes gegen das Böse und die Korruption" gesehen und die Kirche wieder auf den rechten Weg bringen wollen, hieß es aus den Vernehmungen. Seelische Probleme habe er, und dennoch gelte er als schuldfähig, hielt Radio Vatikan zum Ex-Kammerdiener fest.

Wie lange der Prozess dauern wird, sei völlig offen, sagte Giovanni Giacobbe, Jurist am vatikanischen Berufungsgericht vor Verfahrensbeginn. "Es gibt Prozesse, die am selben Tag zu Ende sind, und andere, die Monate dauern. Es gibt keine Regel."

Derweil spekulieren die Medien, ob dies nur die Spitze des Eisberges ist. Papst-Sprecher Federico Lombardi hatte bereits klar gemacht, dass die Ermittlungen noch lange nicht abgeschlossen sind. Und der Buchautor Gianluigi Nuzzi, der geheime Dokumente veröffentlichte, sagte vor der Presse, der Kammerdiener sei "eine meiner Quellen" gewesen. In den Medien und in einem Interview, das Nuzzi lange vor Gabrieles Festnahme geführt hatte, war von etwa 20 involvierten Personen die Rede. Es ist also keineswegs sicher, ob nach dem Prozess das Kapitel "Vatileaks" geschlossen sein wird.

Quelle: ntv.de, Hanns-Jochen Kaffsack und Sabine Dobel, dpa