Verfassungsschutz und Bahn-Chaos "Wir müssen mit kaltem Herzen und klarem Verstand das Lagebild anschauen"
Von Frauke Niemeyer
Bei der Deutschen Bahn steht am späten Dienstagabend alles still. Diesmal ist es offenbar kein Hacker-Angriff - aber mit der KI steigen die Risiken, sagt Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen ntv.de.
Wenn in Deutschland alle Züge stehen bleiben und sich über Stunden nichts mehr bewegt, liegt der Gedanke nicht so fern: "Mal wieder ein russischer Hybridangriff?" Verfassungsschutzchef Sinan Selen kann solche Gedanken nachvollziehen, "es passiert nämlich sehr, sehr viel. Wir erleben eine weitläufige hybride Bedrohung, und das betrifft auch Cyberoperationen", sagt Selen ntv.de. Er warnt zugleich vor Paranoia. "Wir müssen mit kaltem Herzen und klarem Verstand das Lagebild anschauen."
Im Ausland habe man auch gesehen, dass es "richtig handfest werden kann, bis hin zu Tötungsoperationen". Versuche gibt und gab es auch in Deutschland bereits - auf den Chef des Rüstungskonzerns Rheinmetall, Armin Papperger, war 2024 ein Anschlag geplant, der jedoch frühzeitig vereitelt wurde.
Das Bahn-Chaos vom Dienstagabend sieht dem obersten Verfassungsschützer zufolge jedoch bislang nicht nach einem Angriff von außen aus. Das Risiko solcher Attacken steigt allerdings, zumal es Künstliche Intelligenz Angreifern sehr viel einfacher macht, Schwachstellen in Systemen zu entdecken - und auch zu nutzen. "Man darf es nicht schönreden", sagt Selen. KI biete sehr viele Chancen - in der Bildung, in der Medizintechnik, aber die Risiken würden steigen. "Uns stehen da unruhige Zeiten bevor. Das muss man auch in der Deutlichkeit sagen."
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) verzeichnet eine deutliche Verkürzung der Zeit, die Angreifer benötigen, um eine erkannte Schwachstelle für eine Cyberattacke zu nutzen. Vergingen vor einem Jahr noch 47 Tage, bis Hacker eine offene Flanke nutzen konnten, um das System anzugreifen, so ist diese Zeitspanne laut BSI inzwischen auf 14 Tage zusammengeschmolzen. KI hilft da enorm, um im Design des Angriffs schneller zu werden.
Verfassungsschutzchef Selen plädiert dafür, solche Fähigkeiten auch für die Schützer des Systems offen zu halten. Denn die können mit KI-basierten Mechanismen das Tempo ihrer Abwehrmaßnahmen ebenso erhöhen. "Wenn nur ein einzelnes Land, eine Firma, eine Entität diese Analysen durchführen kann und die Hoheit darüber hat, wer Information erhält und wer nicht, dann bekommen wir Probleme", sagt Selen.
Ebenso werde versucht, moderne Datenschutzgesetze technologieoffen zu halten. Da ein Innovationszyklus in der IT-Branche meist nur wenige Monate umfasst, die Entwicklung eines Gesetzes aber deutlich langfristiger ist, läuft man aus Selens Sicht Gefahr, am Ende eine Verordnung zu verabschieden, die nicht mehr zur Lebenswirklichkeit passt, sondern "total überholt ist".
Darum hält der Verfassungsschützer es für entscheidend, Gesetze nicht auf aktuelle Werkzeuge zu fokussieren. "Wenn ich ein Gesetz ausrichte auf ein bestimmtes Tool, dann habe ich eigentlich schon verloren." Technologieoffene Gesetze können das vermeiden, denn die rechtlichen Herausforderungen sind häufig vergleichbar, unabhängig davon, wie sich die Vorgehensweise der Angreifer verändert.