Politik

Wieduwilts Woche Verschiebt die Ampel den Ausstieg aus der FDP?

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FDP-Chef Christian Lindner erholt sich gerade auf der IWF-Herbsttagung vom Streit in der Ampel.

(Foto: IMAGO/photothek)

Die Koalition ist müde und besonders die Liberalen haben eine harte Woche hinter sich. Sie suchen nach Profil und sie finden - eine geradezu brüderliche Sexismusdebatte.

Wie schnell die Politik ein Image ruinieren kann! Das gilt für Regierungsbündnisse wie für Gartenwerkzeug. Selig sind die Erinnerungen ans Kindsein, als ich die erste und bislang letzte Pflanzenarbeit meines Lebens verrichtete, nämlich mit einer knallgrünen Gießkanne ein bisschen in den Beeten herumzupütschern. Heute ist nach allerlei ungezielten Entlastungspaketen dieses Plastikutensil in Verruf geraten - ich würde mich nur noch mit einem Zahnputzbecher an die Rhododendren wagen.

Den Reputationsverfall der Gießkanne teilt die Zitrone: Als sich damals Grün und Gelb zum Koalieren trafen, um der SPD gemeinsam Paroli zu bieten, nannte man sie "Zitruskoalition". Das klang sauer, frisch und cool, ein bisschen wie die Punkband "Die Goldenen Zitronen". Man machte ein berühmtes Selfie und war super gut drauf. Seither altert vor allem der Gelbanteil der Frucht. Ich will niemanden auf Ideen bringen - aber das britische Blatt "Daily Star" filmt derzeit einen feuchten Salatkopf, weil es wettet, der halte länger durch als Premierministerin Liz Truss.

"Lindner im Streckbetrieb"

Selbst die liberale F.A.Z. bricht beißfreudig die vier Landtagswahlen herunter: "vier Spiele, vier Niederlagen" seien das, Lindner, "im Streckbetrieb", blicke "in den Abgrund". Der Staat ist in Krisenzeiten eben gefragt, da kann auch eine FDP nicht drumherum - und nun hebt, geweckt von Oktoberfest, sommerlicher Lässigkeit und Erkältungssaison, auch das Monster Corona wieder seinen hässlichen Quadratschädel.

Der einzige Trost: An der Spitze steht noch immer Olaf Scholz. Wäre da ein Bundeskanzler mit mehr Charisma als ein Faxgerät, sähe es deutlich schlimmer aus für die Liberalen. Falls Sie nicht wissen, was ich meine - Scholz sagte in dieser Woche zum AKW-Streit dies: "Es geht nicht darum irgendwie, dass es nicht dazu kommt." Nein, das ist kein Vertipper, das klang wirklich so lahm und wirr und beige und matt.

Neben so einem Scholz gähnt Raum fürs Bezirzen der Öffentlichkeit. Doch die FDP tastet nach Potenzialen wie ein Elektriker in einer alten Steckdose. Wie die Union kann die FDP sich nicht entscheiden, ob sie ein bisschen progressiv sein will oder doch lieber ein Terrier, der die linksgrüne Regierung auf den Pfad der bürgerlichen Vernunft zerrt.

Schwüle Männer-Übergriffigkeit

Der Vorsitzende hat sich in Sachen AKW-Streckbetrieb entschieden und auf die Hinterbeine gestellt. Was auch sonst? Womit sollen die Liberalen, bitte, punkten? Mit dem Verhindern eines Tempolimits? Für "Modernisierungsprojekte" warb FDP-Vize Johannes Vogel kürzlich. Digitalisierung ist aber komplizierter als eine Gießkanne: Eine Modernisierung des Handelsregisters etwa führte dazu, dass sich jeder online auf handelsregister.de eine fremde Ehe-Urkunde anschauen konnte. Mittelerfolgreich.

Immerhin, beim Verkehr macht die Partei auf sich aufmerksam. Einerseits ist da das 49-Euro-Ticket von #WissingWirkt, das irgendwie kommt, auch wenn nicht ganz klar ist wie. Lauter als Volker Wissing ist aber Geschlechtsverkehrsminister Wolfgang Kubicki: Er gab bei "Maischberger" fröhlich zu, die spätere Generalsekretärin Silvana Koch-Mehrin bei der Personalakquise angeflirtet zu haben, bis schließlich deren (kräftiger) Mann auftauchte. Koch-Mehrin sagte später, sie habe das Eingreifen des Gatten verabredet, weil sie "vermutete, da ist mehr im Spiel".

In Kubickis Auftritt steckt so viel schwüle Männer-Übergriffigkeit, dass sie bestimmt gut das Dirndl von Rainer Brüderle füllen könnte. Wer glaubt, die Wünschelrute für wichtige Parteipersonalien baumele zwischen den eigenen Beinen, vertritt damit den Gestus lebensabendlicher Herren - aber nicht die liberale Zukunft. Die Ampel in der Krise ist eine Last für die Liberalen, aber zerschießen können sie sich auch gut allein.

Wie ein pubertierendes Kind

Die FDP teilt das Schicksal der Union: Ihre Klientel ist zur gefühlten Hälfte Boomer im Geiste, zur Hälfte sind es Menschen, die einfach keinen Bock auf linksgrüne Ideologie haben und trotzdem nicht mehr in den 50er Jahren feststecken. Diese Leute sind derzeit von politischer Heimatlosigkeit bedroht.

Einziger Trost: Ähnlich gerupft wie die FDP sieht die ganze Ampel aus. Selbst Bundeswuschelminister Robert Habeck hat sein Charisma verloren. Sein Auftritt in den Tagesthemen klang, als würden Eltern am Freitagabend ihr pubertierendes Kind fragen, wie es in der Schule so läuft. So stellte Ingo Zamperoni fest, es gebe viel Streit mit der FDP. Habeck: "Ja. Wassis die Frage?" Zamperoni: "Wollen Sie das nicht beilegen, dieses Hickhack?" Habeck: "Selbstverständlich." Es ist Einsilbigkeit, die man sonst nur vom Bundeskanzler kennt.

Eigentlich spulen Politiker in Interviews ab, was sie wollen. Nur Anfänger antworten auf die Fragen der Journalisten. Der Profi sagt, was der Profi sagen will:

  • "Wie stehen Sie zur Verlängerung der AKW-Betriebe?" - "Wir haben in der Bundesregierung viel erreicht!"
  • "Was halten Sie von Rassismus?" - "In Vilnius ist es besonders schön im Oktober!"
  • "Wie spät ist es?" - "Ich habe Durst."

So geht das in etwa.

An einem Strick

Das Regierungsbündnis zieht "an einem Strick", wie es der frühere Regierungssprecher Georg Streiter einmal formuliert hat. Sofern Scholz nicht ohne die Liberalen regieren zu können glaubt, sollte er den Ausstieg der Ampel aus der FDP verschieben, auch wenn aus der Opposition derzeit wenig droht. Die CDU baut sich weiter um zur Ressentiment-Rampe, das hat sie diese Woche wieder gezeigt. So hat Ex-Agrarministerin Julia Klöckner nun eine groteske regierungsfinanzierte Webseite gefunden, auf der Kindern die Einnahme von Pubertätsblockern empfohlen wurde - so sah es jedenfalls aus. Die links-grüne Ampel will unsere Kinder kaputtgendern, war wohl das, was Klöckner eigentlich mitteilen wollte.

Es ist allerdings eine Webseite aus der GroKo-Zeit, als Klöckner mit am Tisch saß. Zudem ist die Seite in "leichter Sprache" verfasst, also etwa für Menschen mit Leseschwächen, was zwar wie volkspädagogische Gender-Ideologie klingt, sie aber nicht belegt. Solche Empörungen sind Oppositionsarbeit für den Stammtisch - insofern hat sich seit Friedrich Merz’ "Sozialtourismus"-Fauxpas nichts verändert. Derweil schauen wir der AfD zu, die wie ein über die Sommerferien im Ranzen vergessenes Brötchen aufblüht.

Gewinner ist derzeit Rot-Grün, das ließ sich auch in die Niedersachsenwahl hineinlesen. Der Bundeskanzler muss der FDP nun ein wenig Leine lassen, wenn die Koalition noch drei Jahre halten soll. Manch ein Terrier wäre lieber ein Gelber Retriever.

Quelle: ntv.de

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