Politik

20 Schädel aus Deutschland Von Völkermord sprechen und schweigen

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Einer der 20 Schädel vor der Übergabe in der Berliner Charité.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zwischen Deutschland und seiner einstigen Kolonie Namibia gibt es verstärkt Gesprächsbedarf. Doch auch im ehemaligen Südwestafrika bringt die Rückführung von 20 namibischen Schädeln aus den Zeiten der Kolonialkriege alte Kontroversen zutage. Die drehen sich vor allem um die Frage, ob der Krieg gegen Herero und Nama ein Völkermord war. "Hier in Namibia ist es so, dass das eine Lager den Begriff benutzt, das andere Lager nicht", sagt Eberhard Hofmann, Journalist der deutschsprachigen "Allgemeinen Zeitung", der ältesten Tageszeitung Nambias.

n-tv.de: Gibt es in Namibia eine Debatte darüber, warum die Bundesregierung sich weigert, als Völkermord anzuerkennen, was vor mehr als 100 Jahren in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika passiert ist?

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Herero und Nama fordern Reparationen von der Bundesrepublik.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eberhard Hofmann: Dass es da zwei Standpunkte gibt, hat sich erst vor Kurzem, am 5. Oktober, auf dem Heldenacker südlich von Windhuk gezeigt, dem zentralen Kriegerdenkmal des Landes. Dort wurde für die 20 Schädel, die von Berlin nach Namibia gebracht worden waren, ein "Requiem der Märtyrer" abgehalten. Nicht nur der deutsche Botschafter, auch Präsident Pohamba hat dabei in seiner Rede den Begriff Völkermord nicht benutzt. Die anderen Redner - Vertreter von zwei Herero-Gruppen und ein Vertreter der Nama - haben dagegen sehr wohl von Völkermord gesprochen, und sie haben auch Reparationen von Deutschland eingefordert. Das sind die beiden Positionen, die in Namibia offen in den Medien und auf den politischen Plattformen diskutiert werden.

Mit anderen Worten, die namibische Regierung legt gar keinen Wert darauf, dass Deutschland den Krieg gegen Herero und Nama als Völkermord anerkennt?

Der Präsident hat dieses Wort jedenfalls nicht benutzt. Allerding ist er sehr wohl auf den berüchtigten Vernichtungsbefehl des Generals Lothar von Trotha aus dem Jahr 1904 eingegangen. Er hat aber auch betont, dass die Zusammenarbeit zwischen Namibia und Deutschland zum Wohl und im Interesse beider Völker ein großes Anliegen der namibischen Regierung sei.

Wie ist das Verhältnis der Deutschstämmigen in Namibia zu diesem Thema?

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Die 20 Schädel aus Deutschland werden vom Flughafen in die Hauptstadt Windhoek gebracht.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die meisten Historiker in Deutschland sprechen üblicherweise von Völkermord. Hier in Namibia ist es so, dass das eine Lager den Begriff benutzt, das andere Lager nicht. Die Mehrzahl der rund 20.000 Deutschsprachigen lehnt den Begriff ab. Dazu muss man wissen, dass es diesen Begriff hier bis vor etwa 15 Jahren praktisch nicht gegeben hat. Der ist von außen gekommen.

Von außen?

Natürlich hat man auch in Namibia schon vorher kritisch über den Vernichtungsbefehl geschrieben. Aber der Begriff Völkermord taucht zuerst bei einem DDR-Historiker auf, Horst Drechsler, der der Bundesrepublik während des Kalten Krieges vorwarf, sich nicht ordentlich von der Kolonialpolitik des Kaiserreichs distanziert zu haben.

Legt der Wortlaut des Vernichtungsbefehls nicht nahe, von Völkermord zu sprechen?

Sicherlich ist es möglich, die Völkermord-Definition der Vereinten Nationen rückwirkend auf den Krieg gegen Herero und Nama anzuwenden. Auf der anderen Seite war es so, dass die Reichsregierung diesen Befehl sofort rückgängig gemacht hat, als er zwei Monate später in Berlin bekannt wurde. Die Frage ist also, ob es in den zwei Monaten, in denen von Trothas Anordnung hier Gültigkeit hatte, Vernichtungsaktionen gab. Zum Beispiel haben Missionare Herero und Nama gesammelt und in Lager gebracht. Dort sind sehr viele umgekommen. Gleiches gilt für den verhängnisvollen Treck der Herero durch die wasserlose Omaheke, eine trockene Savannenlandschaft im Osten Namibias, wo Tausende auf der Flucht vor den deutschen Truppen verdursteten.

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Überlebende Herero nach ihrer Flucht durch die Omaheke.

(Foto: Ullstein Bilderdienst / wikimedia)

Wie bewerten Sie das Verhalten der Bundesregierung der namibischen Delegation gegenüber, die nach Berlin kam, um die Schädel abzuholen - keine Begrüßung am Flughafen, keine Teilnahme von Union und FDP bei der Podiumsdiskussion im Haus der Kulturen, der Auftritt von Staatssekretärin Pieper in der Charité?

Ich muss sagen, das ist bedauerlich. Wenn ein Minister aus Namibia mit einer Delegation nach Deutschland kommt, dann, meine ich, gehört es sich, ihn als Gast auf Regierungsebene zu empfangen. Man braucht ja nicht in jedem Punkt einer Meinung zu sein. Zumal es in der Völkermordfrage und in der Reparationenfrage ohnehin eine Differenz zwischen der namibischen Regierung und den Herero und Nama gibt.

Unter anderem fordern Herero und Nama eine Rückübertragung von Land, das ihnen von den deutschen Kolonialherren genommen wurde.

Das ist auch ein sehr kontroverses Thema. Herero und Nama fordern dies als Teil von Reparationen. Aber es gibt eine staatliche Landreform in Namibia, die übrigens massiv von der Bundesregierung unterstützt wird - nicht politisch, das sind Entscheidungen der namibischen Regierung, aber in technischer Hinsicht, durch Infrastrukturprojekte und Fortbildungen. So soll sichergestellt werden, dass die Produktivität möglichst erhalten bleibt, im Idealfall sogar noch gesteigert wird. Bislang ist das sehr oft ist nicht der Fall, da werden produktive Farmen von der Regierung aufgekauft und dann an schwarze Neusiedler vergeben, die am Ende auf Subventionen und Nothilfen angewiesen sind.

In einem Artikel über die Trauerzeremonie auf dem Heldenacker haben Sie geschrieben, Präsident Pohamba habe angedeutet, dass Deutschland auch andere Objekte an Namibia zurückgeben könnte. Was hat er damit gemeint?

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Eberhard Hofmann schreibt für die "Allgemeine Zeitung". Nach Namibia kam er 1954 im Alter von neun Jahren.

Man weiß, dass es in Deutschland noch sehr viel mehr Schädel aus Namibia gibt, und darum geht es wohl vor allem. Offenbar wurden zur Kaiserzeit mit solchen Schädeln allerhand anthropologische und sonstige Studien betrieben; auch aus anderen Kolonien und von Forschungsreisen in andere Gebiete wurden Schädel mit nach Deutschland gebracht. Pohamba hat die Wissenschaftler beider Länder aufgefordert, diese Überreste zu identifizieren.

Und diese anderen kulturellen Objekte, die er angesprochen hat?

Die hat er nicht näher bezeichnet. Vielleicht meinte er Sammlerstücke, ethnische Werkzeuge und Waffen.

Es gibt Spekulationen, dass es auf deutscher Seite die Befürchtung geben könnte, auch Kulturgüter wieder zurückgeben zu müssen - was für Deutschland eine heikle Frage ist, nicht nur im Verhältnis zu Namibia, sondern viel stärker noch zu Ländern wie Ägypten.

Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Es wird sicherlich ethnische Gebrauchsgegenstände in Deutschland geben, wie sie hier bis heute teilweise noch in Gebrauch sind. Vielleicht sind auch Objekte darunter, die heute nicht mehr verwendet werden. Aber als für Namibia unverzichtbare Kulturgüter würde ich solche Gegenstände nicht ansehen.

Mit Eberhard Hofmann sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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