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Porträt zur Landtagswahl Was ist einmal so groß wie das Saarland?

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Kann sich Annegret Kramp-Karrenbauer an der Regierungsspitze behaupten?

(Foto: picture alliance / Oliver Dietze)

Im Saarland sind die Wahllokale geöffnet. Das Bundesland muss wegen Randlage und mangelnder Größe viel Spott ertragen. Dabei ist Hohn unangebracht: An der Saar lebt ein zwar kleines, aber stolzes Völkchen.

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Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker

(Foto: picture alliance / Michael Reich)

Heinz Becker hat das Saarland satt. Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker ist vielleicht der bekannteste Botschafter des Bundeslandes, in dem am Sonntag ein neues Parlament gewählt wird. Auftritte absolviert der Bexbacher hier aber nicht mehr, seit nun schon 19 Jahren. Die lokalen Medien hatten ihn damals verrissen, ein zu negatives Bild des Saarlands gebe er ab – Heinz Becker, der ständig unzufrieden bruddelnde Besserwisser. Dudenhöffer, nach eigenen Worten ein "überzeugter Saarländer", ist seither beleidigt. "Ich komme mit den Leuten klar, ich find's schön, finde die Lebensart gut. Es ist nur schade, dass die Saarländer nicht stolzer sind auf das, was sie haben", sagte er vor ein paar Jahren der "Saarbrücker Zeitung".

Das Saarland und das Selbstbild seiner Bewohner, es ist eine Geschichte zwischen ewigem Zweifel und Lokalstolz. Nichts kränkt den Saarländer mehr als Witze über sein Wesen, seinen Dialekt, die Randlage und Größe der Region. "Bei welchem Schild ist das Wenden auf der Autobahn erlaubt? – 'Willkommen im Saarland'". Solche Scherze sind freilich bösartig und überhaupt nicht komisch. Daher versuchen wir es mit Fakten, schließlich ist nicht alles schlecht im südwestdeutschen Eckchen zwischen Luxemburg, Lothringen und Rheinland-Pfalz.

In mindestens einer Disziplin hat es das Saarland nämlich zu etwas gebracht: als Maßeinheit. In Zeitungen hat sich das Bundesland als beliebtes Vergleichsobjekt etabliert, etwa: "Das Feuer zerstörte ein Waldgebiet, das vier Mal so groß wie das Saarland ist." Nur das Fußballfeld muss wohl noch häufiger als Komparativ herhalten. Im Internet gibt es sogar Rechner, mit denen sich Flächen bequem in Saarländer umwandeln lassen. Woran das liegt? Sprachforscher haben sich darüber schon vergeblich den Kopf zerbrochen. Vermutlich liegt es aber an der Neigung von Journalisten, etwas so sensationell wie möglich erscheinen zu lassen. Da ist es günstig, wenn der Vergleichsmaßstab möglichst klein ist. "Ein Feuer 0,15 Mal so groß wie Bayern" hört sich eben nicht so bedrohlich an.

Man isst gerne

Tatsächlich ist das Saarland mit 2569 Quadratkilometern das kleinste Flächenland Deutschlands. Nur die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen sind kleiner. Bei der Einwohnerzahl lässt das Saarland sogar nur Bremen hinter sich: Vor wenigen Jahren sank sie auf knapp unter eine Million. Das Saarland ist das einzige westdeutsche Bundesland mit negativem Bevölkerungssaldo. Kennen Sie die nach der Landeskapitale Saarbrücken (knapp 178.000 Einwohner) zweitgrößte saarländische Stadt? Sie heißt Neunkirchen, dort leben 46.000 Menschen. Das Landesmarketing macht aus der Not eine Tugend: "Großes entsteht immer im Kleinen", lautet der Werbeslogan des Saarlands.

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Wahrzeichen des Landes: die Saarschleife.

(Foto: picture alliance / Oliver Dietze)

Apropos Entstehen: Das Saarland ist das jüngste westdeutsche Bundesland. Vorangegangen ist seit 1920 das, was man wohl eine bewegte Geschichte nennt: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es im Versailler Vertrag zu Völkerbund-Gebiet unter Verwaltung Frankreichs. In der festgeschriebenen Volksentscheidung votierten 1935 über 90 Prozent für die Vereinigung mit dem Deutschen Reich, in dem kurz zuvor die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten. Nach dem Krieg wollte sich Frankreich das Saarland einverleiben, es blieb jedoch ein selbstregiertes Staatsgebilde unter französischem Protektorat. Per erneutem Referendum wandten sich die Saarländer 1955 der Bundesrepublik zu, 1957 kam dann die Aufnahme als zehntes deutsches Bundesland – man spricht von der "kleinen Wiedervereinigung".

Das alles ist wichtig, weil es die saarländische Identität geprägt hat. Das Gezerre zwischen Deutschland und Frankreich schweißte zusammen. Man ist stolz auf diesen Flecken Erde, der nach dem Moselzufluss Saar benannt ist (obwohl der Nebenfluss Blies eine deutlich längere Strecke durch das Land strömt). Oben sitzend auf der Cloef, einem berühmten Aussichtspunkt auf die pitoreske Saarschleife, sinniert der Saarländer gerne über Identitätsstiftendes: den Saarwein etwa. Oder die kulinarischen Spezialitäten der Region wie Dibbelabbes und Schales, zwei beliebte Kartoffelgerichte; oder die über die Landesgrenzen hinweg verkaufte Lyoner Wurst. Überhaupt: Essen. Saarländer treffen sich gerne im Garten am Schwenker, einem Schwenkgrill, oder sie gehen in eines der überdurchschnittlich häufig vertretenen Sterne-Restaurants des Landes. "Hauptsach gudd gess, geschafft hann mir dann schnell", lautet ein geflügeltes Wort. Das mutet alles sehr französisch an.

Rot-Rot, Rot-Rot-Grün - oder Teil von Rheinland-Pfalz?

Doch in der kulinarischen wie geografischen Nähe erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten so ziemlich. Der Ausgang der beiden Volksentscheide im vergangenen Jahrhundert, wenn auch mit unterschiedlichsten Vorzeichen, spricht Bände. Dass Saarländer zweisprachig seien, ist eine verbreitete Mär – auch wenn das Saarland das einzige Bundesland mit Französisch als Pflichtfach in der Schule ist und die Haltestellen in der Bahn zweisprachig angekündigt werden. Hier spricht man Deutsch mit starkem Dialekt. Ein "Saarländisch" gibt es nicht, die Region ist zerklüftet in rhein- und moselfränkische Mundarten. Quer durch das Saarland verläuft die "Dat-das-Linie" – nördlich davon sagen die Menschen "dat", wenn sie "das" meinen und in ihrem traditionellen Dialekt sprechen.

Wichtig für das Verständnis des Saarlands ist auch seine Vergangenheit als Industrie- und Bergbauregion. Kohle und Stahl – das waren über Jahrzehnte die Quellen des bescheidenen Wohlstands der Region. Bis heute hat das Saarland die höchste Eigenheimdichte. Das Saarland ist die Heimat des Kleinbürgertums, man ist "Vereinsmeier": 9000 Vereine gibt es bei einer Million Einwohner. Nirgendwo sonst ist die Dichte so hoch. Doch mit dem Strukturwandel ging es bergab. 2012 schloss die letzte Zeche. Mit 7,2 Prozent liegt die Arbeitslosenquote über dem westdeutschen Schnitt. Das Saarland, wegen seiner Ressourcen einst heiß umkämpftes Gebiet, hat buchstäblich an Wert verloren. Mit über 18.000 Euro pro Kopf ist das Saarland nach Bremen das Bundesland mit den höchsten Schulden.

Es ist freilich gehässig, wenn man in diesem Zusammenhang schreibt: Und dennoch gibt es Interessenten, sich an die Spitze der Regierung des Landes wählen zu lassen (letzte Umfragewerte finden Sie unten). Derzeit regiert hier Schwarz-Rot, es ist gut möglich, dass sich das nach der Wahl am Sonntag ändert. Durch eine Koalition mit der Linkspartei und eventuell mit den Grünen könnte SPD-Kandidatin und Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ablösen. Es wäre das große Comeback von Saar-Ikone und derzeitigem Oppositionsführer Oskar Lafontaine, der selbst 13 Jahre lang das Land regierte. Lafontaine macht wieder gemeinsame Sache mit der SPD – das könnte interessant werden. Schließlich macht das Saarland den Auftakt für ein deutsches Wahljahr, an dessen Ende ein rot-rot-grünes Bündnis auch im Bund stehen könnte.

Bliebe nur noch eine, seit 1957 immer wieder diskutierte Frage: Sollte das Saarland ein Teil von Rheinland-Pfalz werden? Zwar sind der Landtag mit nur 51 Abgeordneten und das Kabinett mit lediglich sechs Ministern so klein wie in sonst keinem Bundesland. Dennoch: Was ließe sich da nicht alles sparen bei der Verwaltung und ohne die landeseigene Rundfunkanstalt? Doch abgesehen davon, dass auch der Nachbar tief in den Schulden steckt, dürfte es dazu niemals kommen. Eine solche Neuordnung bedarf eines Volksentscheids. Dass die Saarländer mehrheitlich für die Aufgabe der Eigenständigkeit stimmen würden, ist zumindest zweifelhaft. Zu stolz ist das kleine Völkchen an der Saar. Und außerdem: Die hässlichsten Saarland-Witze erzählt man sich in der Pfalz.

Quelle: n-tv.de

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