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Ende der Epidemie in Sicht Was kommt nach dem Ebola-Schrecken?

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Ein Freiwilliger übt in Liberia die Arbeit im Schutzanzug.

(Foto: REUTERS)

Sehr spät reagierte die internationale Gemeinschaft auf die Ausbreitung von Ebola in Westafrika. Experten zeichneten auch deshalb die furchtbaren Horrorszenarien. Es kam anders.

Damit hat niemand gerechnet: Im Herbst erwartete die US-Seuchenschutzbehörde noch 1,4 Millionen Ebola-Infizierte zum Jahreswechsel. Doch es sind jetzt gerade mal 22.000. Im Herbst rechnete sie noch mit bis zu 10.000 Neuinfektionen pro Woche. Doch in den Ebola-Hotspots Sierra Leone, Guinea und Liberia sind es laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht einmal mehr 100 Fälle. Ein Horrorszenario epischen Ausmaßes ist in ein paar Monaten auf ein Maß geschrumpft, das Experten bald schon als kontrollierbar einstufen werden. Jetzt heißt es umdisponieren, denn die Welt hatte sich bereits auf das Schlimmste eingestellt.

Als sich das Virus im vergangenen Jahr in Westafrika ausbreitete - erste Fälle tauchten im Januar auf - passierte zunächst einmal nichts. Die Menschen wurden krank, sie starben, eine koordinierte internationale Rettungsaktion ließ auf sich warten. Die Welt reagierte viel zu langsam auf das Drama. Am 9. August erklärte die WHO die Epidemie zu einer internationalen Angelegenheit. Ende August lag eine "Roadmap" vor. Erst im September ging der internationale Kampf gegen das Virus richtig los.

"Wir waren zu spät", sagt Walter Lindner, Sonderbeauftragter der Bundesregierung für die Ebola-Krise. "Aber danach haben wir alles richtig gemacht." Lindner ist gerade aus den Seuchengebieten zurückgekehrt und sitzt im Auswärtigen Amt in Berlin. Er berichtet von seinen Besuchen in Waisenhäusern und an Beerdigungsstätten. Er hat auch Quarantäne-Anlagen begutachtet und Tracing-Teams begleitet - Männer und Frauen, die die Spuren des Virus nachverfolgen. Lindner sagt jetzt: "Wir sehen Licht am Ende des Tunnels." Er habe gar die Hoffnung, dass es gelingt, Ebola noch in diesem Halbjahr in den Griff zu bekommen. Die Schulen und Märkte öffneten schon wieder, berichtet er. Wichtig sei jetzt, dass die "Alertness", die Wachsamkeit, nicht nachlasse.

Stolz auf das deutsche Aufgebot

Der Ebola-Sonderbeauftragte berichtet stolz vom deutschen Engagement, von den betagten, aber widerstandsfähigen Transalls, die sich bei den widrigen Witterungsbedingungen mittlerweile bestens als Luftbrücke bewährten. Er berichtet von den "Flying Technicians" des Technischen Hilfswerks, die Desinfektionsanlagen bauen und Generatoren reparieren. Und er erzählt von der Welthungerhilfe, die die Menschen in Quarantäne ernährt.

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Mehr als 22.000 Menschen infizierten sich in Westafrika mit Ebola. Fast 9000 verloren ihr Leben.

(Foto: REUTERS)

Laut Experten war es allerdings gar nicht so sehr das gewaltige Aufgebot, dass Deutschland und andere Staaten mobilisierten, als nach einigen Einzelfällen die plötzliche Panik ausbrach, die Seuche könnte in Afrika vollkommen außer Kontrolle geraten und auch die Bevölkerung Europas und Amerikas in Schrecken versetzen. "Wir glauben, dass vor allem in Liberia, wo Ebola im Herbst am schlimmsten wütete, die Verhaltensänderung der Menschen entscheidend war", sagte Tankred Stöbe, Chef der deutschen Sektion von Ärzten ohne Grenzen der "Süddeutschen Zeitung". Laut Stöbe mieden sie vermehrt Körperkontakt, hielten Hygieneregeln ein und änderten ihre Bestattungsrituale.

Das Ergebnis: Nach Angaben der WHO gibt es mittlerweile viel mehr Betten für Ebola-Erkrankte als Patienten. So ist es auch im deutschen Ebola Treatment Unit (ETU), einem speziellen Krankenhaus in Liberia. Auch der deutsche Medevac, ein umgebauter Airbus, der erkrankte Helfer in besonders dramatischem Zustand aus dem Krisengebiet holen sollte, ist im "Stand-By-Betrieb". Nach Angaben der Bundesrepublik sind mehr als 160 Millionen Euro aus Deutschland in den Kampf gegen Ebola geflossen. Mittlerweile stellen sich allerdings ganz andere Anforderungen.

Malaria und Tuberkulose statt Ebola

Statt auf eine großflächige Epidemie zu reagieren, gilt es jetzt, sich um teils weit verstreute, kleinere Keimzellen zu kümmern. Besonders wichtig ist darum der Einsatz mobiler Helferteams, die schnell überall sein können. Auch eine lückenlose Nachverfolgung aller Kontakte von Ebola-Patienten wird immer wichtiger. Schließlich ist das Ziel, die Zahl der Neuinfektionen auf null zu drücken, keine Utopie mehr.

Zugleich müssen die Nationen, die sich am Kampf gegen Ebola beteiligt haben, den Übergang von der Rettungs- und Eindämmungsaktion hin zur Entwicklungszusammenarbeit ebnen. Das wütende Virus hat die Infrastruktur, aber auch den sozialen Zusammenhalt der ohnehin gebeutelten Länder schließlich schwer beschädigt.

Das Großaufgebot mit Maßnahmen wie Medevac, ETU und Co. war laut Lindner trotzdem notwendig. Es als "Überreaktion" zu bezeichnen, hält er schlicht für falsch. Dass sich die Zahl der Infektionen derart positiv entwickeln würde, hätte schließlich niemand vorhersehen können, sagt er. So gesehen gilt: Deutschland und etliche andere Staaten sind auf Nummer sicher gegangen. Jetzt heißt es, die Ressourcen, die nach Westafrika verschoben wurden, sinnvoll einzusetzen.

Ihren Medevac-Airbus hat die Bundesrepublik in den Dienst der EU gestellt. Ziel sei es, die Fähigkeiten der Staatengemeinschaft so zu stärken, dass man künftig effizient und schnell auf internationale Epidemien reagieren könne, heißt es in einer Mitteilung.

Im ETU in Liberia werden mittlerweile Menschen mit Malaria und Tuberkulose behandelt. Laut Lindner leistet das einen Beitrag dazu, die Zeit zu überbrücken, bis das nahe JFK Krankenhaus in der Hauptstadt Monrovia ausreichend für Patienten allerart gewappnet ist. Lindner spricht von einem "Modell-Projekt", das bei Erfolg viele Nachahmer finden könnte.

Obendrein kann derzeit niemand ausschließen, dass Ebola nicht bald doch wieder wütet. Zwar gibt es viel Grund zur Hoffnung. Der Chef der deutschen Mediziner ohne Grenzen, Stöbe, sagt aber auch: "Es ist ermutigend, dass die Zahl der Patienten insgesamt sinkt, aber Ebola ist noch längst nicht besiegt. In unseren acht Behandlungszentren in Westafrika beobachten wir, dass es immer noch viele Patienten gibt, deren Ansteckungswege wir nicht kennen."

Quelle: n-tv.de

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