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Schnellstart für die schnelle Truppe Was man über die "Speerspitze" wissen muss

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Geschwindigkeit ist alles: Die neue Eingreiftruppe soll binnen Tagen am Einsatzort sein können. Die bestehende Eingreiftruppe der Nato braucht eher Monate.

(Foto: REUTERS)

Die Nato treibt den Aufbau einer besonders schnellen Eingreiftruppe voran. Schon 2015 soll sie in Ansätzen einsatzbereit sein. Was wird sie kosten? Welche Rolle spielt Deutschland? Wo liegen ihre Grenzen? n-tv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Schon auf dem Nato-Gipfel in Wales hat das Militärbündnis den Aufbau einer besonders schnellen Eingreiftruppe beschlossen. Beim Außenministertreffen in Brüssel hat sie nun noch einmal nachgelegt und besiegelt: Eine abgespeckte Variante soll schon im Januar ihren Dienst antreten.

Warum braucht die Nato die superschnelle Eingreiftruppe so dringend?

Die Nato verfügt bereits seit 2004 über eine schnelle Eingreiftruppe, die Nato Response Force (NRF). Die Einheit mit mehreren zehntausend Soldaten kann im Idealfall innerhalb eines Monats an ihrem Einsatzort sein. Die Annektion der Krim durch Russland hat dem Verteidigungsbündnis vor Augen geführt: Sollte sich ein ähnliches Szenario in einem Nato-Mitgliedstaat ereignen, wäre die NRF viel zu langsam. Die sogenannte Very High Readiness Joint Task Force (VJTF), die oft als "Speerspitze" bezeichnet wird, soll diese Schwäche ausgleichen. Sie soll schon binnen weniger Tage vor Ort sein können. Da die Staaten an der Ostgrenze der Nato, die Balten und Polen, die Sorge vor einer russischen Intervention umtreibt, entschied die Nato nun eine Zwischenlösung aufzubauen, um die Zeit bis zur vollen Einsatzbereitschaft der VJTF, geplant im Jahr 2016, zumindest zu überbrücken. Es geht dabei vor allem darum, den Balten den Schutz durch das Bündnis zu versichern und Moskau abzuschrecken.

Warum dauert es so lange, die VJTF aufzubauen?

Die Nato war auf das Krim-Szenario nicht vorbereitet: Sie muss nun in kürzester Zeit neue hochkomplexe Strukturen aufbauen. Zudem brauchen die Soldaten, die sich am Ende an der VJTF beteiligen, Training. Die vorübergehende superschnelle Eingreiftruppe ist damit auch so etwas wie ein Prototyp, an dem das Bündnis testet, was überhaupt möglich ist. Im Februar wollen sich die Außenminister der Nato auf eine genaue Größe und ein Design einigen. Derzeit sind 4000 Mann im Gespräch, die in einem Rotationsverfahren ausgetauscht werden. Was sich zudem abzeichnet, ist, dass die "Speerspitze" vor allem aus leicht bewaffneten Fußsoldaten bestehen wird, die von Luft- und Seekräften unterstützt werden. Überdies wird für sie wohl schwereres Material und Munition an strategischen Standorten vorgehalten. In der Militärsprache heißt das Prepositioning. All das soll nicht nur ihre Mobilität sicherstellen, sondern auch dafür sorgen, dass die Maßnahme im Einklang mit der Nato-Russland-Grundakte steht. Darin heißt es: Die Nato verspricht, "in der derzeitigen und vorhersehbaren Sicherheitsumgebung" keine "substanziellen Kampftruppen" in den östlichen Staaten der Allianz "dauerhaft" zu stationieren.

Welche Rolle spielt Deutschland in der vorübergehenden Speerspitze?

Die Bundeswehr nimmt - eher durch einen Zufall - 2015 einen Sonderstatus ein. Die Speerspitze wird ein Teil der bereits bestehenden schnellen Eingreiftruppe NRF. Turnusgemäß ist die Bundesrepublik dabei im nächsten Jahr mit rund 4000 Soldaten der Haupttruppensteller. Ein Teil davon kommt nun in die Interims-Speerspitze. Betroffen sind davon insbesondere das deutsch-niederländische Korps in Münster, das 450 Soldaten stellt. Hinzu kommen rund 900 Mitglieder des Panzergrenadierbatallions 371 aus Sachsen und hunderte Männer und Frauen aus der Streitkräftebasis. Unter anderem Norwegen füllt das Kontingent auf. Wie sich der Beitrag der Nato-Mitglieder im Detail gestaltet, wenn die VJTF 2016 voll einsatzfähig ist, ist noch nicht bekannt.

Wer trägt die Kosten für den Einsatz?

Teuer wird es stets für die Länder, die turnusgemäß Truppen stellen. Wie teuer es genau wird, ist allerdings noch ein großes Rätsel. Sicher ist: Je schneller eine Truppe ist, desto mehr kostet sie. Aus Militärkreisen heißt es: Allein die erste Verlegeübung könnte 25 Millionen Euro verschlingen. Ein gewaltiger Kostenfaktor könnte auch das Prepositioning darstellen. Denn die Nato verfügt nicht über einheitliche Waffensysteme. Deshalb müssten zum Beispiel alle Munitionstypen vorgelagert oder die Munition müsste mit jedem Truppensteller-Wechsel ausgetauscht werden.

Ist die VJTF ein Garant für die Sicherheit an der Nato-Ostgrenze?

Nein: Militärexperten sind sich zwar sicher, dass die Speerspitze eine große Abschreckungswirkung haben dürfte. Nur ist auch klar: Viele der Methoden, die Moskau bei der Annektion der Krim eingesetzt hat, lassen sich nicht durch Soldaten bekämpfen. An erster Stelle steht dabei die Propaganda. Auch die allerschnellste Eingreiftruppe kann nicht verhindern, dass Moskau die russischsprachigen Minderheiten in den Balten-Staaten gegen die Regierung ihres Heimatlandes aufstachelt. Die Speerspitze kann, genauso wir die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, nur ein Element der Strategie sein. Ohne Diplomatie geht es nicht.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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