Politik

Reaktorkatastrophe in Fukushima Was verursachte den Super-Gau?

Die gängige Erklärung für den Super-Gau im japanischen AKW Fukushima ist, dass die Katastrophe durch das Erdbeben, vor allem aber durch den dadurch ausgelösten Tsunami verursacht wurde. Diese Version erklärt die Ärzteorganisation IPPNW zur Legende.

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Aus den ersten Unglückstagen gibt es nur Bilder aus großer Höhe.

(Foto: dpa)

Knapp ein Jahr nach dem Atomunglück in der japanischen Atomanlage Fukushima hat die atomkritische Ärztevereinigung IPPNW massive Zweifel an der bisherigen Darstellung des Katastrophenverlaufs angemeldet. Der Atomenergieexperte des IPPNW, Henrik Paulitz, vertritt in einer Analyse die Auffassung, dass die Ereignisse bisher ausdrücklich so dargestellt wurden, dass als Ursache der atomaren Katastrophe nicht das Erdbeben, sondern der nachfolgende Tsunami wahrgenommen wird. Dies entspreche aber nicht den Tatsachen.

Der Super-Gau sei vielmehr eingetreten, "weil wichtige Sicherheitssysteme unabhängig von den behaupteten Tsunami-Schäden ausgefallen sind". Für diese Einschätzung listet die Organisation diverse Anhaltspunkte auf. IPPNW habe dafür die vorliegenden offiziellen Papiere analysiert und dabei eine "Reihe von Ungereimtheiten" entdeckt.

Dem Betreiber Tepco zufolge kam es nach dem Erdstoß vom 11. März 2011 um 14.46 Uhr in den Blöcken 1 bis 3 zur Reaktorschnellabschaltung und dem Zusammenbruch der externen Stromversorgung. Danach sei die Notkühlung zunächst ordnungsgemäß angelaufen. Erst als um 15.41 Uhr die Hauptwelle des Tsunami das AKW traf, seien Notstromaggregate und Kühlsysteme so stark beschädigt worden, dass es in den drei Reaktoren zur Kernschmelze und zum Entweichen von Radioaktivität kam.

Mängel werden zum Verhängnis

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Auf den Fotos sind zwar Schäden zu erkennen, aber nicht, wodurch sie entstanden sind.

(Foto: REUTERS)

Die IPPNW sieht indes bereits in dem Erdbeben um 14.46 Uhr das "auslösende Ereignis" des Reaktorunfalls. Drei weitere schwere Nachbeben um 15.08 Uhr, 15.15 Uhr und 15.25 Uhr hätten den Unfallverlauf wahrscheinlich mit beeinflusst. Aufgrund des Hauptbebens sei es in den Blöcken 1 bis 3 zur Reaktorschnellabschaltung gekommen. Gleichzeitig habe es Turbinenschnellabschaltungen gegeben und die reguläre Wärmeabfuhr über die Frischdampfleitungen und das Hauptkühlsystem zum Meer sei abgesperrt worden. Diese Vorgänge hätten laut Paulitz von den Sicherheitssystemen des AKW "eigentlich beherrscht werden müssen".

Wegen gravierender Sicherheitsmängel der Einspeise- beziehungsweise Kühlsysteme im Hochdruckbereich sei dies aber nicht der Fall gewesen, so Paulitz. So sei die Notstromversorgung der Kraftwerksblöcke vollkommen unzureichend gewesen. Die Systeme seien voneinander nicht räumlich getrennt gewesen, es hätten zudem nicht mehrere zur Verfügung gestanden und "sie waren nicht autark".

Probleme bei der Kühlung

Ähnlich lauten die Vorwürfe von IPPNW, was die Kühlung der Reaktoren angeht. Neben dem Meerwasser zur Kühlung habe es keine zweite Möglichkeit gegeben, ausreichend Wasser in die Reaktoren 2 und 3 zu pumpen oder die enorme Wärme über ein Notkondensationssystem wie in Block 1 abzuleiten. Als mangelhaft habe sich auch das System erwiesen, Wasser unter hohem Druck in den Sicherheitsbehälter einzuspeisen. Die zwei vorhandenen Systeme hätten dafür nicht ausgereicht.

Zu den Sicherheitsmängeln komme noch die völlig unzulängliche Ausstattung mit Feuerlöschfahrzeugen in der Atomfabrik. Da die Wagen am Block 1 benötigt wurden, habe es für Block 2 und 3 keine Möglichkeit gegeben, die Reaktoren wenigstens noch von außen zu kühlen. Löschpumpen, die später herangeschafft wurden, hätten nicht mehr eingesetzt werden können, weil der Druck im Reaktor 3 nach Ausfall des Hochdruckeinspeisesystems bereits wieder von 10 auf 40 bar gestiegen war.

Gegen die Tsunami-These spricht Paulitz zufolge auch, dass es keine Belege für Schäden an der Atomanlage durch die Wassermassen gebe. Auch werde die Höhe der Welle mit ca. 14 Metern deutlich zu hoch angesetzt.

Kein abschließendes Urteil

Noch liegen zu den Vorgängen in Fukushima keine abschießenden Berichte vor, allerdings haben sowohl die japanische Regierung als auch die Betreiberfirma Tepco und verschiedene Atomexperten Zwischeneinschätzungen vorgelegt, welchen Verlauf sie in den Tagen seit dem 11. März 2011 für wahrscheinlich halten.

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Durch die Explosionen in den Gebäuden kam es zu immer neuen Zerstörungen.

(Foto: REUTERS)

Die Umweltorganisation Greenpeace hat beispielsweise nach dem Bericht der Fact Finding Mission der Internationalen Atomenergiebehörde im Juni 2011 ihren Nuklearexperten John Large mit einer eigenen Zusammenfassung beauftragt. Large bezeichnet es darin als sehr wahrscheinlich, dass essentielle Teile des Kraftwerks bereits durch das Erdbeben geschädigt wurden. Tobias Riedl, Greenpeace-Experte für das Thema Reaktorsicherheit betonte im Gespräch mit n-tv.de, dass es deshalb dringend eine "Überprüfung der internationalen Standards bezüglich der Erdbebensicherheit bei Atomkraftwerken geben" müsse.

In Deutschland beschäftigt sich zudem die Gesellschaft für Reaktorsicherheit in mehreren Forschungsvorhaben mit dem zeitlichen Unfallverlauf am Standort Fukushima. GRS-Sprecher Sven Dokter sagte n-tv.de, dass die Meinung aller mit den Vorgängen in Fukushima befassten fachlichen Institutionen bisher eindeutig sei: "Es war der Tsunami." Es herrsche jedoch ebenfalls Einigkeit darüber, dass die Sicherheitsvorkehrungen für die Atomanlage in Fukushima vollkommen unzureichend gewesen seien.

So seien beispielsweise die zum Betrieb der Kühlsysteme notwendigen Notstromdiesel  extrem ungünstig auf der Wasserseite positioniert worden. Diese Anlagen seien zwar nach dem Erdbeben angesprungen, dann aber beim Tsunami zerstört worden. Dokter zufolge hätte die Kraftwerksbesatzung ohne den Tsunami eine realistische Chance gehabt, den Notfall nach dem Erdbeben zu beherrschen. Dabei müsse man bereits berücksichtigen, dass das Erdbeben am 11. März das stärkste In Japan seit Beginn der dortigen Erdbebenaufzeichnungen war. Für diese Stärke sei die Atomanlage schon nicht mehr ausgelegt gewesen.

Nicht alles aufzuklären

Noch gebe es im Unfallverlauf "blinde Flecken" und "Unstimmigkeiten". Dennoch sei die Schlussfolgerung der IPPNW, das Unglück sei alleine auf die Beben zurückzuführen, für die GRS "unplausibel".  Für zahlreiche Behauptungen ließen sich deutliche Gegenbeweise finden, so Dokter. Der GRS-Sprecher verweist auf technische Aufzeichnungen aus den Reaktoren und  Bildmaterial, das seiner Meinung nach die "enormen Zerstörungen durch die Wucht des Wassers" in Fukushima belege.

Ausdrücklich wehrte sich Dokter gegen die Sichtweise der IPPNW, dass es sich bei den bisherigen Darstellungen ausschließlich um "interessengeleitete Geschichtsumschreibungen" handele. Allerdings werde sich wahrscheinlich nicht mehr in jedem Detail nachvollziehen lassen, was genau zu welchem Zeitpunkt geschehen sei, was durch automatisierte Vorgänge und was durch Handlungen der Arbeiter ausgelöst worden sei.  Wichtig sei vor allem die Erkenntnis, dass es viel mehr Möglichkeiten an externen Einwirkungen in einer Notsituation gebe, als bisher bedacht wurden. Dies müsse eine der Hauptlehren für künftige Überlegungen sein.

Noch mehr Fragen

Für die Menschen in der Umgebung der Atomanlage sei eine andere Frage wahrscheinlich noch entscheidender: "Welche Stoffe wurden bei dem Unglück freigesetzt und mit welcher Strahlung müssen wir leben?" 

In Japan laufen deswegen eine Reihe von Untersuchungen, auch, um die Bevölkerung zu beruhigen. So führt die Präfektur Fukushima seit Ende Juni 2011 eine Befragung unter allen seinen zwei Millionen Bürgern durch, um herauszufinden, welcher Strahlung sie ausgesetzt waren. Sie werden befragt, wo sie am 11. März und an den folgenden Tagen zu welcher Uhrzeit waren und auch, was sie in den ersten zwei Wochen gegessen haben. Die Daten werden dann mit der Verbreitung der radioaktiven Wolke abgeglichen und so die Strahlendosis nachträglich berechnet. Bisher hat allerdings nur ein Bruchteil der Befragten seinen Fragebogen abgegeben.