Berlin Tag & MachtWer mit Israel fühlt, kann nicht mit Israels Feinden regieren
Eine Kolumne von Marie von den Benken
Zwischen Erinnerung, Antisemitismus und Berliner Regierungsbildung liegen nur 900 Meter. Plus die Frage: Gelten rote Linien auch, wenn dahinter das Rote Rathaus wartet? Und warum applaudiere ich eigentlich plötzlich Alexander Dobrindt?
In den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 2023 überwanden Terroristen der Hamas die Grenze zu Israel. In ihrem Windschatten folgten weitere bewaffnete Angreifer, die in späteren Statistiken als "Zivilpersonen" geführt wurden. Ein hasserfüllter Mob massakrierte rund 1.200 Menschen und verschleppte 251 Geiseln nach Gaza, darunter Babys, Kinder und Senioren. Der schlimmste Angriff auf Juden seit dem Holocaust. Viele Täter dokumentierten ihre Morde per Bodycam und feierten ihre "Heldentaten" wie Trophäen auf Social Media. Es gibt Mitschnitte von Telefonanrufen bei Eltern, in denen sie stolz berichteten, wie viele Juden sie getötet hatten. Bis heute romantisieren linke Erzählungen diese Männer zuweilen als Freiheitskämpfer.
"Wo man Liebe aussät, da wächst Freude empor." Dieser Spruch hing über dem Esstisch im Haus einer meiner Freundinnen zur Schulzeit. Ihr Vater war Pfarrer in einer Hamburger Kirche. Ich saß oft unter diesem fein säuberlich gestickten Satz, der mir damals nicht viel bedeutete. Heute weiß ich: Wo man Liebe aussät, wächst tatsächlich Freude empor. Wo man jedoch Hass aussät, da erwächst Gewalt. Auf eine surreale Art musste ich daran bereits vor drei Jahren denken.
Der 7. Oktober war ein Samstag. Ich verfolgte Bilder, die an Grausamkeit kaum zu überbieten waren. Meine Freundin Stav schickte mir Videos von ihren Großeltern, zitternd in einem Schutzbunker kauernd. Stav lebt in Los Angeles, weit weg von ihrer Heimat, die gerade angegriffen wurde. Sie hatte unbeschreibliche Angst um ihre Großeltern. Selbst in Kalifornien fühlte Stav sich wie die knapp 10,2 Millionen Einwohner Israels. So, als hätte ein Krieg gegen alle freiheitlichen Werte begonnen, dessen Tragweite und Auswirkungen verheerend sein würden. Sie war schon immer klüger als ich. Auch hier sollte sie, leider, recht behalten.
Houellebecq for Good
Ich selbst fühlte mich überwältigt von der Hilflosigkeit, Menschen zu sehen, die wie selbstverständlich Jagd machten. Jagd auf jeden, den sie für israelisch hielten. Sie richteten sie hin und lachten. Aus Hilflosigkeit wurde Scham. Ich schämte mich, obwohl ich keine Waffe trug, niemanden angriff, niemanden dazu ermutigte und niemandem den Tod wünschte. Nicht mal denen, die auf das Leben eines vermeintlichen Feindes selbst keinen sogenannten Pfifferling gaben.
Ich schämte mich, weil ich mich fast 3.000 Kilometer entfernt in den Vormittag heulte und nichts tat. Vielleicht resultierte diese Scham aus einer unterbewusst aufkeimenden Vorahnung, dass mein Land, das kaum 80 Jahre zuvor mit der Shoah einen Genozid über das jüdische Volk gebracht hatte, nicht konsequent mit der Verteidigung des Existenzrechts von Israel reagieren würde. Stattdessen formulierten einige Milieus Einladungsschreiben an eine neue Realität, die Michel Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" noch als Dystopie fiktionalisiert hatte.
Exakt drei Jahre später finde ich mich auf dem Bebelplatz wieder. Der Ort, an dem sich am 10. Mai 1933 die nationalsozialistische Bücherverbrennung abspielte. In jener Nacht wurden hier im Rahmen der reichsweiten Kampagne "Wider den undeutschen Geist" mehr als 20.000 Bücher öffentlich verbrannt. Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels hielt dort, wo heute Alexander Dobrindt steht, eine Rede. Werke von Erich Kästner, Heinrich Heine, Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Karl Marx und Else Lasker-Schüler wurden vernichtet.
Ich empfinde ein gespenstisch inexistentes Gefühl des Zwiespalts. Noch nie in meinem Leben habe ich CDU/CSU gewählt. Und doch blicke ich nun in der warmen Oktobersonne zwischen Staatsoper und Juristischer Fakultät auf israelische und auch viele iranische Flaggen. Getragen von Menschen mit spürbarer Trauer, aber auch einer unstillbaren Sehnsucht nach Frieden. Ich erwische mich dabei, wie ich mehrfach Alexander Dobrindt beklatsche. Er spricht von seinem Besuch an den Schauplätzen des Hamas-Terrors. Aber auch von Bildern der Bodycams, die er in der israelischen Botschaft sah. Davon, wie seine Bundestags-Kollegen danach tränenüberströmt und schockiert damit haderten, dass Menschen zu solch bestialischen Taten fähig sind. Und wie die Bilder ihn noch heute gelegentlich im Schlaf verfolgten. In ein, zwei Momenten bricht ihm, kaum wahrnehmbar, leicht die Stimme weg. Ich nehme Dobrindt seine Worte ab. Auch seine Emotionen.
900 Meter bis zum Roten Rathaus
Auf der Bühne folgen zahlreiche Appelle, der Renaissance des Antisemitismus Einhalt zu gebieten. "Nie wieder ist jetzt" kann entweder ein Slogan sein oder ein Versprechen. Unser Land wird sich noch in vielen Jahren danach beurteilen lassen müssen, für welche Variante wir uns in diesen Tagen entscheiden. Selbstverständlich adressiert Dobrindt als Erstes die Gefahr, die von der AfD ausgeht: "Wir müssen alarmiert sein, wenn Rechtsextreme in Sachsen-Anhalt ein deutsches Landesparlament anführen." Es wäre grotesk, selbst für einen CSU-Minister, das Comeback des Antisemitismus in die Salonfähigkeit des Mainstreams allein linken Strömungen zuzuordnen.
Der Jubel, als Dobrindt ankündigt, neben dem Kampf gegen Rechtsextremismus ebenfalls alles Menschenmögliche zu tun, um zu verhindern, dass Antisemiten aus dem linken Spektrum in politische Verantwortung kommen, ist jedoch ungleich größer. Die Menschen hier unterschätzen die Gefahr von Rechtspopulisten nicht. Doch das Rote Rathaus ist näher als Sachsen-Anhalt. Nur 900 Meter. Die Angst vor einer Rot-Grün-Roten Regierung ist greifbar. Auch bei vielen meiner Freunde. Mit einigen bin ich hier verabredet.
Aber auch viele unverhoffte Gesichter fallen mir in die Arme. Sie alle eint ein Gefühl: Unwohlsein. Keiner von ihnen ist Jude. Ihr Leben lang haben sie Grün gewählt oder Links. Sie kritisieren Benjamin Netanjahu und die israelische Regierung häufig, hart und, aus meiner Sicht, überwiegend zurecht. Sie wünschen den Menschen in Gaza wie den Menschen in Israel Frieden und eine Zukunft in Freiheit. Jeder, der seine Menschlichkeit nicht am Altar der ideologischen Blindheit geopfert hat, tut das. Und zwar ohne dafür Applaus zu erwarten, schon gar nicht aus einer anonymen Krawall-Bubble.
Nie wieder ist keine Himmelsrichtung
24 Stunden vor uns war die SPD-Bundestagsfraktion vom Reichstag durch das Brandenburger Tor marschiert. Viele Abgeordnete mit dem Grundgesetz in der Hand. Anlass war die Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt. Boris Pistorius sprach von einem "einzigartigen Tabubruch der parlamentarischen Demokratie". Ein enorm wichtiger Protest.
Doch wer mit dem Grundgesetz in der Hand zum Bebelplatz marschiert, weil Rechtsextreme politische Macht erlangen, kann Antisemitismus nicht weniger streng beurteilen, sobald er aus anderer politischer Richtung kommt. Und so gehört zu unserem Unwohlsein auch die seltsame historische Volte, dass ausgerechnet an diesem 7. Oktober, während auf dem Bebelplatz der ermordeten Israelis gedacht wird, nebenan über eine Berliner Regierung verhandelt wird, bei deren Bildung der Umgang mit Antisemitismus im Zentrum der Vorverhandlungen steht.
Einstige Selbstverständlichkeiten müssen heute offenbar zunächst sondiert werden. Wer sich für palästinensisches Leben einsetzt, darf jüdisches Leben nicht relativieren. Wer gegen Rechtsextremismus demonstriert, darf bei linkem Antisemitismus nicht verharmlosen. Wer "Nie wieder" sagt, darf dahinter kein Sternchen setzen, das die eigenen politischen Freunde beruhigt. Welche roten Linien bleiben rot, wenn dahinter ein Regierungsamt lockt?
Wo Hass wächst
Als alle Reden beendet sind, stehe ich noch immer auf dem Bebelplatz. Unter meinen Füßen liegt Micha Ullmans Bibliothek. Durch eine Glasscheibe blickt man hinab in einen weißen Raum mit leeren Bücherregalen. Platz für jene rund 20.000 Bücher, die hier am 10. Mai 1933 verbrannt wurden. Auf einer Tafel steht Heinrich Heines Satz: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Heine hat ihn 1821 geschrieben. 112 Jahre später brannten auf diesem Platz Bücher. Weitere zwölf Jahre später wusste die ganze Welt, dass Heine recht gehabt hatte.
Vielleicht denke ich deshalb an den Spruch über dem Esstisch meiner Schulfreundin. Wo man Hass aussät, wächst irgendwann Gewalt. Am 7. Oktober 2023 konnte die Welt sehen, wie diese Ernte aussieht. Drei Jahre später stehen wir auf dem Bebelplatz und sagen: "Nie wieder." Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung dieses Satzes darin, dass er keine Erinnerung beschreibt. Sondern eine Aufgabe.
"Nie wieder" bedeutet nicht, sich einmal im Jahr an die richtige Stelle zu stellen. Es bedeutet nicht, die richtigen Reden zu halten oder unter dem richtigen Hashtag das richtige Entsetzen zu formulieren. Es bedeutet, das eigene "Nie wieder" gerade dann ernst zu nehmen, wenn es politisch unbequem wird. Bei Rechtsextremen. Bei Islamisten. Und auch bei Menschen, mit denen man gerne eine Regierung bilden würde.
Langsam leert sich der Bebelplatz. Die israelischen Fahnen wehen Richtung Unter den Linden davon. Menschen umarmen sich, verabschieden sich in einen Berliner Alltag, in dem Geschichte manchmal so erschreckend nah sein kann. Politische Verantwortung auch. Und während ich den Platz verlasse, denke ich an Stav. An ihre Großeltern im Schutzbunker. An diesen Samstag vor drei Jahren. An meine Hilflosigkeit. An meine Scham. Und an einen gestickten Satz über einem Hamburger Esstisch. Wo man Liebe aussät, da wächst Freude empor. Was aus Hass wächst, haben wir gesehen.

