Vorwurf: "Diese Wahl stehlen"Wie Russland mit Fakes und KI Frankreichs Wahlkampf beeinflussen soll

Im kommenden Jahr wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Schon jetzt wird der Wahlkampf wohl aus Russland beeinflusst - zugunsten der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Künstliche Intelligenz ist dabei ein starkes Mittel.
Gefälschte Dokumente, Fake-Videos, KI-Stimmen: Acht Monate vor der Präsidentschaftswahl in Frankreich verdächtigen die Behörden Russland der Wahleinmischung. Sicherheitskreise stellten in den vergangenen Tagen erstmals seit Beginn des Wahlkampfs die Verbreitung von Gerüchten gegen mehrere Kandidaten fest. Die Versuche zur Destabilisierung werden prorussischen Netzwerken zugeschrieben, die Justiz ermittelt.
Von den Online-Attacken betroffen waren laut Sicherheitskreisen die beiden Mitte-Rechts-Politiker Édouard Philippe und Gabriel Attal, die bereits ihre Kandidatur für die Nachfolge von Amtsinhaber Emmanuel Macron verkündet haben, sowie der linksgerichtete Europaabgeordnete und Kreml-Kritiker Raphaël Glucksmann, der ebenfalls kandidieren dürfte. Die Kampagnen rückten demnach vermeintliche Schwächen der Kandidaten in den Fokus - und zielten darauf ab, ihnen acht Monate vor dem ersten Wahlgang zu schaden.
Im Falle von Philippe, dem am ehesten zugetraut wird, dem rechtspopulistischen Rassemblement National (RN) Paroli zu bieten, wurden ebenso wie bei Attal Gerüchte über seinen Gesundheitszustand verbreitet. Bei Glucksmann zielte die mutmaßliche russische Destabilisierungskampagne auf dessen Lebensgefährtin Léa Salamé. Der Journalistin wurde unterstellt, Medien zugunsten der künftigen Kandidatur ihres Partners bestochen zu haben. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen zu der Frage eingeleitet, ob Glucksmann Ziel einer Destabilisierungskampagne wurde.
"Komplette Lüge viral gehen zu lassen"
Die gegen den früheren Premierminister Attal gerichtete Aktion sei mit einigen Tausend Aufrufen "kaum sichtbar" gewesen, erklärte sein Umfeld gegenüber der Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Sicherheitskreise. "Wenn wir nichts tun, um uns zu schützen, könnte die Wahl verfälscht werden", warnte der Chef der von Macron gegründeten Partei Renaissance nach Bekanntwerden des Vorfalls im Sender RTL. Attal warf Moskau vor, "den Franzosen diese Wahl stehlen zu wollen".
Ähnliche Vorwürfe erhob sein möglicher Rivale Glucksmann, der das Vorgehen Russlands in der Ukraine wiederholt scharf kritisiert hat. "Die russischen Sicherheitsdienste haben ihre Operationen zur Destabilisierung des Wahlkampfs für 2027 begonnen", schrieb der Europaabgeordnete in Onlinenetzwerken. Er warnte davor, dass "der Wahlkampf 2027 von massiven Einmischungen geprägt sein" werde.
Die ihn betreffende erfundene Geschichte sei auf einer Website erschienen, die das seriöse Onlinemedium "Blast" imitierte, erklärte Glucksmann. Sie habe gefälschte Dokumente, mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) reproduzierte Stimmen und ein vollständig gefälschtes Video enthalten. "Das Ziel besteht darin, eine komplette Lüge viral gehen zu lassen, um Persönlichkeiten zu diffamieren, die vom russischen Regime als feindlich angesehen werden", erklärte Glucksmann.
Präsidentschaftswahl beginnt im April 2027
Die erste Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich findet im April kommenden Jahres statt. Amtsinhaber Macron tritt nach zwei Amtszeiten nicht erneut an. Die besten Chancen auf einen Wahlsieg werden derzeit dem RN um die Rechtspopulistin Marine Le Pen eingeräumt.
Russland pflegt zu vielen rechtspopulistischen Parteien Europas gute Kontakte und wird immer wieder der Einmischung in Wahlen in westlichen Demokratien bezichtigt. Parteien wie der RN vertreten häufig prorussische Positionen. Laut einem Bericht des französischen Parlaments von 2023 bestehen zwischen dem RN und dem Kreml seit Jahren enge Verbindungen.
Im rechtspopulistischen Lager war zu den Vorfällen der vergangenen Tage nichts zu hören. Auch wenn Parteichef Jordan Bardella 2025 Moskau als "mehrdimensionale Bedrohung" für Frankreich bezeichnete - politisch ist das Thema für den RN heikel.
Außenminister will "große Onlineplattformen" regulieren
Frankreichs Regierung kündigte indes scharfe Gegenmaßnahmen an. Paris werde acht Monate vor der Wahl "keinen Versuch ausländischer Einmischung in seine demokratischen Debatten dulden, geschweige denn in seine Wahlprozesse", erklärte Außenminister Jean-Noël Barrot. Als "Teil der Lösung" nannte er hierbei die "Regulierung der großen Onlineplattformen".
Glucksmann forderte die französischen und europäischen Behörden auf, nicht "zu zögern", wenn es darum geht, diese Netzwerke zu sanktionieren. Er verwies unter anderem auf das EU-Land Rumänien - dort hatte 2024 der zuvor weitgehend unbekannte Rechtsradikale Călin Georgescu überraschend die erste Runde der Präsidentenwahl gewonnen. Das Verfassungsgericht erklärte den Urnengang damals wegen des Verdachts der Wahleinmischung durch Russland unter anderem auf TikTok für ungültig.
Die französische Grünen-Chefin Marine Tondelier ging sogar noch einen Schritt weiter: Sie forderte ein vorübergehendes Verbot von Onlinediensten wie X von US-Tech-Milliardär Elon Musk für die Zeit des Wahlkampfs, sollte Wahleinmischung festgestellt werden. Musk warf ihr daraufhin "Verrat an Frankreich" vor.