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Und plötzlich Ausnahmezustand: Bewaffnete Spezialkräfte blockieren den Zugang zu einer Flüchtlingsunterkunft in Ansbach.
Und plötzlich Ausnahmezustand: Bewaffnete Spezialkräfte blockieren den Zugang zu einer Flüchtlingsunterkunft in Ansbach.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 26. Juli 2016

Würzburg und Ansbach: Wie der Terror nach Deutschland kam

Von Christian Rothenberg

Frankreich und Belgien leben schon seit Langem im ständigen Ausnahmezustand. Deutschland blieb vom islamistischen Terror bisher weitgehend verschont. Bis es innerhalb einer Woche gleich zwei Anschläge gab.

Sie verurteile die "massenmörderische Tat", sagte die Kanzlerin nach dem Anschlag in Nizza. Deutschland stehe fest an der Seite Frankreichs. Es waren ehrliche, wenn auch vorhersehbare Solidaritätsbekundungen. Paris, Brüssel, nun Nizza: In Europa hat sich fast so etwas wie eine Routine eingestellt. Die Routine, Partnerländern tröstende Worte auszusprechen. Still hoffend, selbst möglichst lange verschont zu bleiben.

Deutschland war kaum direkt betroffen. Der Messerangriff einer 15-jährigen Deutsch-Marokkanerin auf einen Bundespolizisten im Februar, ein Bombenanschlag zweier mutmaßlicher Salafisten auf ein Gebetshaus in Essen: Der Bezug zum Islamischen Staat war in beiden Fällen naheliegend, die Miliz bekannte sich jedoch nicht. Aber spätestens am 18. Juli kam der Terror nach Deutschland. Innerhalb von einer Woche ereigneten sich zwei Anschläge. Einer in einem Regionalzug nahe Würzburg, der zweite nicht weit entfernt im ebenfalls fränkischen Ansbach. Aus der bösen Ahnung vieler, aus dem "auch hier passiert bald etwas", ist nun Realität geworden.

Vorzeigeflüchtling aus Ochsenfurt griff zur Axt

Riaz A. kam Ende Juni 2015 nach Deutschland. Bei der Registrierung gab er sich als Afghane aus. Seit Herbst vergangenen Jahres lebte er mit legalem Aufenthaltsstatus in Ochsenfurt, einem kleinen unterfränkischen Ort südlich von Würzburg, in einer Unterkunft für unbegleitete Flüchtlinge. Am 1. Juli zog er zu einer Pflegefamilie. Ein Privileg, das nur gut integrierten Migranten vorbehalten ist. Riaz machte ein Praktikum in einer Bäckerei, hatte sogar eine Lehrstelle in Aussicht. Er galt als nett, höflich, unauffällig - als Vorzeigeflüchtling.

Video

Am 18. Juli verlässt der 17-jährige Flüchtling seine Pflegefamilie. Er gibt vor, eine Radtour machen zu wollen. Kurz später steigt er in die Regionalbahn RB 58130 in Richtung Würzburg. Ab 21.13 Uhr gehen mehrere Notrufe bei der Polizei ein. Der Zug wird per Notbremse  gestoppt. Ein Fahrgast hat andere Passagiere mit einer Axt und einem Messer angegriffen. Fünf Menschen werden verletzt. Der Täter ist Riaz A. Er flüchtet Richtung Mainufer, wird auf der Flucht jedoch von einem Spezialeinsatzkommando erschossen, als er die Beamten angreift.

Stunden später bekennt sich der Islamische Staat zu der Tat. Es ist die erste in Deutschland, die die Terrormiliz für sich beansprucht. In Riaz' Zimmer finden die Ermittler später einen Abschiedsbrief an seinen Vater und eine handgemalte IS-Flagge. Eine IS-nahe Plattform veröffentlicht später ein Video, in dem Riaz Gewalttaten ankündigt. "Im Namen Gottes, ich bin ein Soldat des IS und beginne eine heilige Operation in Deutschland. … Oh, Muslime, wann hört ihr auf, euch gleichgültig schlafen zu legen? Wacht auf. Das Kalifat ist da. Bekennt euch zum Kalifat. Bekennt euch zu Abu Bakr Al-Baghdadi Al Quraishi als Hussaini", sagt er.

Zunächst gehen die Behörden davon aus, dass Riaz Afghane ist, doch das Video und andere Dokumente lassen auch eine pakistanische Herkunft möglich erscheinen. Er war gläubiger Muslim, soll jedoch nur an Feiertagen in die Moschee gegangen sein. Hinweise auf eine mögliche Radikalisierung gibt es nicht. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich der Jugendliche erst in letzter Zeit radikalisiert hat. Er habe keinen Auftrag vom IS erhalten, sondern sei ein "angestachelter" Einzeltäter, sagt Innenminister Thomas de Maizière.

"Rambo" aus Ansbach war kein fanatischer Muslim

Sonntag, 24. Juli, nur knapp 60 Kilometer entfernt von Ochsenfurt: In der mittelfränkischen Stadt Ansbach feiern 2500 Menschen das "Ansbach Open". Gegen 22 Uhr explodiert am Eingang vor dem Festivalgelände ein Sprengsatz. Der Täter, Mohammad D., der die mit scharfen Metallteilen angereicherte Splitterbombe in einem Rucksack bei sich trug, stirbt. Er ist der erste Selbstmordattentäter in Deutschland. 15 Menschen werden verletzt, vier schwer.

Der Syrer stellte im August 2014 einen Asylantrag, der im Dezember 2014 abgelehnt wurde. Die erste Abschiebeandrohung wird mit medizinischen Attesten ausgesetzt. Zweimal soll der Flüchtling versucht haben, sich umzubringen. Vor einigen Wochen erhielt er den zweiten Ausweisungsbescheid. Nach Bulgarien, wo ihm vor Jahren Schutz zuerkannt worden war. Mohammad D. war wegen Drogen- und Nötigungsdelikten mehrfach aufgefallen. Bis zu dem Wochenende, an dem er die Bombe zündet, lebte der 27-Jährige mit einer Duldung in einem Hotel in Ansbach zusammen mit anderen Flüchtlingen. Sie hätten Mohammad niemals beten sehen, er sei sicher kein fanatischer Muslim, sagen Mitbewohner. Wegen seines muskulösen Körperbaus nannten sie ihn "Rambo".

Innenminister de Maizière hält sich am Tag nach dem Anschlag in Ansbach bedeckt. Weder ein Bezug zum internationalen IS-Terror noch eine psychische Störung sei auszuschließen, sagt er über den Attentäter. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann gibt Minuten später preis, dass die Ermittler bei der Durchsuchung von Handys und Laptop auf islamistische Gewaltvideos gestoßen seien. Auf einem kündigt Mohammad D. einen Racheakt gegen Deutsche an. Er bezieht sich auf IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi. Kurz später meldet sich IS-Sprachrohr Amak zu Wort. Der Ansbach-Attentäter sei ein "Soldat des Islamischen Staates". Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Es bestehe der Verdacht einer IS-Mitgliedschaft.

Am Montag ist de Maizière merklich bemüht, Panik zu verhindern. Er empfehle, Flüchtlingen freundlich, aufgeschlossen, nicht misstrauend, aber auch nicht naiv gegenüberzutreten. "Besonnenheit ist in der aktuellem Stimmung die wichtige Tugend", so de Maizière. Eine absolute Sicherheit gebe es jedoch nicht. Herrmann sagt, es gehe nun darum, gerüstet zu sein und nicht erst nach dem nächsten Anschlag darüber nachzudenken.

Am gleichen Tag erreichen die Bundesrepublik und ihre Regierung Solidaritätsbekundungen aus Frankreich und Belgien. Das Land diskutiert plötzlich über schärfere Waffengesetze, den Einsatz der Bundeswehr im Innern und die Einrichtung einer Reservisten-Armee. Die Befürchtung liegt nahe, dass Würzburg und Ansbach nur der Anfang waren. Der Terror ist auch in Deutschland angekommen.

Quelle: n-tv.de