Politik

Margot Käßmann, Superstar Wie die Theologin den Kirchentag rockt

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In der Messehalle B5 folgen 7000 Zuhörer den Auslegungen Käßmanns.

(Foto: dpa)

Luther-Botschafterin Margot Käßmann zieht den Kirchentag in ihren Bann. Mit einer Geschichte aus dem Lukas-Evangelium schlägt sie den Bogen zu Guantánamo, Flüchtlingen in Berlin-Kreuzberg und den Näherinnen in Bangladesch.

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Margot Käßmann füllt nicht nur Hallen, sondern erfüllt auch die Kirche mit Leben.

(Foto: dpa)

Wer die charismatische Theologin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in Hamburg erleben will, muss früh aufstehen. Die Halle B5 auf dem Messegelände ist bereits eine Stunde vor Beginn ihrer Bibelarbeit gut gefüllt. "Ich wollte sie unbedingt einmal live erleben", sagt die 15-Jährige Merrit aus Reinbek stellvertretend für viele der 7000 Besucher. Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die im Februar 2010 nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten war, ist nach wie vor eine Sympathieträgerin der Evangelischen Kirche. Ihr Umgang mit eigenen Fehlern hatte der 54-jährigen Käßmann viel Respekt verschafft.

"Sie ist einfach grandios, die Frau", schwärmt die 69-jährige Brunhild Kuchenbecker aus Wedel bei Hamburg. "Sie hat Vorbildcharakter für jeden!" Auch Reinhild Hamelmann, 58, aus Castrop-Rauxel, meint: "Ich kann ihr glauben. Das, was sie sagt, ist authentisch." Sie bewundere Käßmann, weil sie zu dem gestanden hat, was sie getan hat. "Da können sich viele Politiker ein Beispiel nehmen." Corinna Linzner, 45, hat Käßmann bereits überzeugt, als sie Landesbischöfin in Hannover war. "Besonders wichtig finde ich ihren Satz: "Wir müssen die Schwellen vor unseren Kirchentüren entfernen."

"Nervensägen werden dringend gebraucht"

"Eine Witwe fordert Gerechtigkeit", hieß die Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, über die Käßmannn eine Stunde lebhaft referiert. Ihre Gedanken reichen dabei vom Gefangenenlager in Guantánamo über Flüchtlinge, die in Berlin-Kreuzberg auf dem Oranienplatz kampieren bis zu den Näherinnen in Bangladesch. "Gerechtigkeit ist und bleibt ein zentrales Thema. Nicht nur in der Ferne, sondern die Ferne und die Nähe sind ja miteinander verbunden", meint Käßmann. "Wenn wir über Gerechtigkeit sprechen, müssen wir sagen, es gibt Zusammenhänge. Und wenn wir einkaufen gehen, sind wir Teil eines Kreislaufs und können uns nicht entziehen."

Anhand der Witwe, die im Gleichnis ihr Recht einfordert, erinnert Käßmann an andere Frauen, die für Gerechtigkeit kämpfen oder kämpften. Sie erwähnt die Theologin Dorothee Sölle, deren Gedichte sie vortrug und Elisabeth Schmitz, die die evangelische Kirche vergeblich aufforderte, etwas gegen die Verfolgung der Juden zu tun. Auch die Inderin Sampat Pal findet Erwähnung, die es wagte, einen Mann, der eine andere Frau geschlagen hatte, zurückzuschlagen. Seitdem gibt es in Indien die "Rosa Gang" von Frauen, die rosa Saris als Kennzeichen tragen. "Ich bewundere schlicht diese Frauen im Gleichnis wie in Uttar Pradesh heute, die Mut haben, für ihr Recht einzustehen. Sie nerven. Und genau solche Nervensägen werden dringend gebraucht", betont Käßmann.

"Ich wünsche mir, dass Christinnen und Christen solche Nervensägen sind. Wenn es um Recht geht, um Menschenwürde, um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung", sagt die 54-Jährige. "Wir müssen weiter nerven und unseren Glauben nicht hinter verschlossenen Türen praktizieren. Wir können Schritte gehen, die Welt zu verändern, weg von der Willkür, weg vom Unrecht, hin zu Gerechtigkeit und Frieden. Uns abfinden mit der Welt, wie sie ist, das werden wir nicht."

Quelle: ntv.de, Carola Große-Wilde, dpa

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