Politik

Im Land des langen Lebens "Wir brauchen ein neues Bild vom Altern"

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Wir alle leben immer länger. Meist sind die gewonnenen Jahre auch gesunde Jahre.

(Foto: REUTERS)

Nichts wird unser Land so sehr verändern wie der demografische Wandel. Statistiken beweisen: Die Menschen werden immer älter, bleiben gesünder und sind fitter. Alte Denkmuster und übernommene Strukturen passen immer weniger zusammen, sagen Experten. Dem düsteren Bild vom Alter muss mit neuem Optimismus begegnet werden.

Die Welt altert, unaufhaltsam, dauerhaft. In fast allen Ländern der Erde steigt die Lebenserwartung, der Altersdurchschnitt und der Anteil der Alten. In Deutschland sind seit Mitte des letzten Jahrhunderts für jeden Einzelnen 15 Jahre gewonnene Lebenszeit dazugekommen. Wer heute geboren wird, hat eine 50-prozentige Chance, seinen 100. Geburtstag zu erleben. Im Jahr 2020 wird knapp ein Viertel der Menschen in Deutschland 65 Jahre oder älter sein. Weitere 20 Jahre später macht diese Gruppe bereits knapp ein Drittel unserer Bevölkerung aus. Diese Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden zeigen, dass Deutschland immer mehr zu einem Land des langen Lebens wird.

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Das Potenzial der Älteren darf nicht länger ungenutzt bleiben, fordern Experten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nichts wird unser Land so sehr verändern wie der demografische Wandel, konstatiert Margaret Heckel. "Es wird höchste Zeit, mit alten Vorurteilen aufzuräumen", sagt sie n-tv.de. "Es gilt, den zukünftigen Älteren Mut zu machen." Die zweite Lebenshälfte sei nicht Verzicht und Vergreisung, so die Autorin des Buches "Midlife-Boomer - warum es nie spannender war, älter zu werden". Glaubt man Heckel, dann gab es nie bessere Aussichten für die zweite Lebenshälfte als für die heute 40- bis 50-Jährigen. "Wir sind dann auf dem Arbeitsmarkt gefragt wie nie, gesund wie nie und geistig fit wie nie."

Krankheit, Demenz, Einsamkeit. Das Wort Alter ist bis heute vor allem negativ konnotiert. In der öffentlichen Diskussion wurde lange überwiegend das Schauergemälde vom Pflegenotstand gezeichnet. Noch in den 1980er und 1990er Jahren wurden ältere Arbeitnehmer in den Vorruhestand gedrängt. "Diese Frühverrentungsphase, wo praktisch kaum mehr Menschen über 55 in den Betrieben gearbeitet haben, diese Phase hat uns negativ geprägt. Damals entstand das düstere Bild: Die Alten brauchen wir nicht mehr, sie leisten nichts, sie sind unproduktiv!"

Wir brauchen die Alten

In absehbarer Zeit werden die Alten die größte Bevölkerungsgruppe darstellen, 2050 werden fast 40 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Die Pyramide, lange das Sinnbild für den Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland, wird immer mehr durch ein Bild ersetzt, das an einen Dönerspieß erinnert. (Klicken Sie auf diesen Link und dann "Start", um sich die Entwicklung von der Pyramide zum Dönerspieß anzuschauen.)

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Körper und Geist müssen gefordert werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Bevölkerungsschrumpfung zeigt sich am deutlichsten in der Gruppe der unter 20-Jährigen: Im Jahr 2030 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts voraussichtlich 17 Prozent weniger Kinder und Jugendliche in Deutschland leben als heute. Statt 15,6 Millionen heute werden es nur noch 12,9 Millionen unter 20-Jährige sein. Die Personen im erwerbsfähigen Alter - heute üblicherweise zwischen 20 und 65 Jahren - werden um 7,5 Millionen Menschen zurückgehen.

Die Folgen dieser demografischen Entwicklung für den Arbeitsmarkt sind schon jetzt spürbar. In verschiedenen Regionen und Qualifikationen gehen dem Land bereits die Lehrlinge aus. Dieser Trend werde sich weiter fortsetzen, mahnen Experten. Für mindestens zwei Jahrzehnte werden jedes Jahr mehr Menschen den Arbeitsmarkt verlassen, um in Rente zu gehen, als junge Arbeitnehmer nachkommen. Der Jahrgang 1955 erreicht 2020 das Alter von 65 Jahren. In den Jahren von 2020 bis 2035 erreichen dann die geburtenstarken Jahrgänge das Alter 65 und der Altenquotient verschlechtert sich stetig. Im Jahr 2035 stehen 100 jüngeren Bürgern dann fast 50 Rentner gegenüber, 1957 - als unser heutiges Rentensystem eingeführt wurde - waren es nur 17.

Ab Mitte der 2020er Jahre werden in Deutschland Wohlstandsverluste spürbar sein, prognostiziert Rainer Thiehoff vom Demografie Netzwerk. Um diese zu kompensieren, müssten die Aktiven produktiver werden und die Älteren ihren Beitrag dazu leisten, zum Beispiel, indem sie länger arbeiten und helfen, dass die Jüngeren von ihrer Erfahrung lernen - die generationenübergreifende Zusammenarbeit müsse besser gestaltet werden, als wir das bisher tun.

"Hans lernt anders als Hänschen"

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"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an, mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran, ..."

(Foto: picture-alliance/ ZB)

"Wir brauchen ein neues Bild vom Altern" mahnt auch Heckel. Nichts sei unsinniger als die Volksweisheit "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Hans lernt anders als Hänschen - projektorientierter, das Ziel immer im Blick. Dem Mythos, dass man mit den Jahren seine Leistungsfähigkeit einbüße, begegnen Hirnforscher längst mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Korrekt sei, dass die Geschwindigkeit des Gehirns, mit dem es arbeitet, und bestimmte Gedächtnisleistungen schlechter werden, bemerkt Neurowissenschaftler und Lernexperte Martin Korte im Gespräch mit n-tv.de. "Was man dabei allerdings nie bedenkt ist, dass erfahrene Mitarbeiter auch nur noch einen Bruchteil ihrer Gehirnressourcen brauchen, um bestimmte Lösungen für Probleme zu finden, weil sie eben ganz viele vorgefertigte Muster an Lösungen haben." Einer der Stärken des Alters bestehe darin, dass das Gehirn die Abkürzungen kenne, so Korte.

Dass sich die Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit jedem Lebensjahr jenseits der 50 verschlechtern, liege an der gesellschaftlichen und der eigenen Erwartungshaltung. Korte wagt die These, dass "ein Teil des Leistungsverlustes im Alter" aus einer selbsterfüllenden Prophezeiung resultiert. Dabei könnten Ältere gerade aufgrund ihrer Erfahrung vielfach mit Jüngeren nicht nur mithalten, sondern sie sogar ausstechen. Um sein Gehirn bis ins hohe Alter leistungsfähig zu halten, müsse man es trainieren, so Korte. "Alles was für das Gehirn eine Herausforderung ist, hält das Gehirn auch länger am Leben."

Die klassische Dreiteilung des Lebens in die Phasen Ausbildung, Arbeit, Rente hat sich nach Meinung von Heckel in einer Gesellschaft des langen Lebens überholt. Jeder Mensch sollte sich darüber im Klaren sein, dass ihm mehr gesunde Lebensjahre zur Verfügung stehen. Diese müssten mit Sinn gefüllt werden. Heckel plädiert für eine längere Lebensarbeitszeit, bis an die 70 Jahre heran, und fordert einen fluideren Arbeitsmarkt für Deutschland. Die starren Renteneintrittsgrenzen müssten abgeschafft werden. "Für ein langes Leben brauchen wir Systeme mit Teilrenten wie in Skandinavien schon verwirklicht. Ab 60 können die Menschen dort schon einen gewissen Rentenbezug haben, aber gleichzeitig noch weiterarbeiten. Das dreht die Motivation. Bei uns in Deutschland wird jedes zusätzliche Jahr als Schreckensjahr empfunden, jedenfalls bei den meisten Menschen."

Quelle: n-tv.de

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