Politik

Generation Gezi-Park "Wir können alles verändern"

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Den Demonstranten geht es schon lange nicht mehr um die bedrohten Bäume im Gezi-Park.

(Foto: REUTERS)

Nach der Räumung des Gezi-Parks und des Taksim-Platzes kehrt Ruhe ein in Istanbul. Der türkische Ministerpräsident Erdogan spricht von einem Sieg über den Aufstand. Aktivisten aber glauben nicht an ein Ende des Protests. Mit n-tv.de sprechen junge Menschen aus Istanbul über ihre Widerstandspläne.

Die Schüsse, verhallt. Die Schreie, verstummt. Auf Istanbuls Taksim-Platz herrscht wieder Ruhe. Ein paar Dutzend Männer und Frauen üben sich in einer stillen Protestform, dem "Duran Adam", dem "Stehenden Mann". Ein türkischer Choreograf hat ihn vor ein paar Tagen erfunden. Stundenlang tat er nichts, als da zu sein auf dem Taksim-Platz und auf das Bildnis des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk zu starren. Nach einer Revolution sieht das aber nicht mehr aus. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verkündete am Dienstag gar schon den Sieg über die Protestler. "Unsere Demokratie hat erneut auf dem Prüfstand gestanden und sie hat bestanden", sagte er.

Ist es Erdogan mit seinem brutalen Polizeieinsatz tatsächlich gelungen, den Widerstand zu brechen? Ebben die Proteste nun langsam ab und geraten dann schnell in Vergessenheit? Die Antwort von jungen Menschen aus Istanbul, dem Rückgrat des Aufstandes, ist einhellig: Nein.

Der Zorn der Unterdrückten

Akın, ein 27 Jahre alter Werbetexter, unterstützt den Protest schon seit Ende Mai. Er war dabei, als es noch allein um den Widerstand von Umweltaktivisten gegen Bauvorhaben im Gezi-Park ging. Akın steckte mitten drin in den international kritisierten Polizeieinsätzen gegen die Aktivisten, und er war dabei als sich der Widerstand in einen Protest gegen die Brutalität der Behörden und den paternalistischen Führungsstil Erdogans wandelte. Auch am vergangenen Wochenende, als Erdogan Gezi-Park und Taksim-Platz mit massiven Tränengas- und Wasserwerfereinsätzen räumen ließ, stand er in den Reihen der Demonstranten. Und die Wut sitzt noch tief.

"Es gab keine Warnung", sagt er. "Ich habe noch nie zuvor eine solche Brutalität gesehen." Wenn er sich an die Worte Erdogans erinnert, der den Einsatz damit rechtfertigte, dass es sich bei den Protestlern um eine radikale Minderheit handele, die versucht, die Mehrheit zu beherrschen, bricht sich sein Zorn Bahn. "Husni Mubarak und Muammar al-Gaddafi (die früheren Machthaber Ägyptens und Libyens) haben ihre Gegner ebenfalls Minderheit genannt", flucht er. Die Polizeieinsätze hätten eines gezeigt: "Die türkische Regierung hat keine Ahnung, wie sie mit ihrem Volk einen Dialog führen kann."

Wut und Selbstbewusstsein

An emotionalem Zündstoff für weitere Proteste fehlt es  jungen Türken wie Akın nicht. Und auch von mangelndem Selbstbewusstsein kann keine Rede sein. Erdogan brüste sich stets mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei, sagt Akin. Aber eines vergesse er dabei: "Wir sind es, die dafür verantwortlich sind." Über die Menschen, die in den vergangenen Wochen den Taksim-Platz und etliche andere Orte in der Türkei besetzten, sagt er: "Wir sind Banker, wir sind Lehrer, wir sind Richter und Doktoren. Wir sind der gut ausgebildete Teil der türkischen Gesellschaft." Der 27-Jährige fügt hinzu: "Wir können alles verändern."

Ähnlich selbstbewusst tritt auch Kolat auf, ein 20-jähriger Student. Als er von der Gewalt in Istanbul erfuhr, kehrte er aus seiner Wahlheimat Italien zurück, um sich dem Protest anzuschließen. Kurz nach der Räumung am Wochenende sei die Enttäuschung gewaltig gewesen, sagt er. "Doch schon nach ein paar Stunden fühlten wir uns wieder stark." Wie es nun weitergeht, jenseits des stillen "Duran Adam", weiß er nicht. Tatsächlich weiß das derzeit keiner der Aktivisten. Doch das muss nicht bedeuten, dass die Proteste enden.

Der Protest organisiert sich

"Mir ging es anfangs darum, die Natur zu schützen", sagt die Schuh-Designerin Evrim. "Aber mit jedem Tag der Polizeigewalt wurde mir mehr und mehr bewusst, wie sehr ich über die Verbote der Regierung, die unser Privatleben betrafen, verärgert war." Auch für viele andere habe sich der Weg in den Widerstand spontan so entwickelt. "Wir kamen ohne Plan und ohne Anführer zusammen." Und nicht nur eine junge, gebildete Schicht nahm an den Demonstrationen teil. Schnell waren auch Gewerkschaftsleute und Mitglieder von Fußballfanclubs dabei, Angehörige linksgerichteter Gruppen und nationalistischer Vereine, Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Diese breite Front war allerdings von Anfang an nicht organisiert, kam nur spontan zusammen. Darum bilden derzeit immer mehr Aktivisten Foren. Es gilt, Pläne zu schmieden. Dann wird es weitergehen, davon sind Demonstranten wie Evrim überzeugt. "Niemand will aufhören", sagt die 34-Jährige.

Angst vor einem Militäreinsatz, mit dem Vize-Regierungschef Bülent Arinc bei einem Wiederaufkeimen der Proteste drohte, haben die jungen Demonstranten nicht. Oft heißt es: Brutaler als die Polizei könne die Armee kaum sein. Eine Sorge treibt sie dagegen um. Sie fürchten, dass die türkische Gesellschaft an dem Aufstand zerbricht.

Angst vorm Zerfall der Gemeinschaft

"Erdogans Politik setzt immer auf die Diskriminierung von Bevölkerungsschichten", sagt Derya. Die Istanbuler Architektin hält es für gefährlich, die Aktivisten als "Terroristen" zu diffamieren, wie es Erdogan getan hat, um seine Anhänger zu besänftigen. Der Ministerpräsident weiß noch immer große Teile der türkischen Gesellschaft hinter sich. "Erdogans diskriminierender Kurs sät Hass in der Bevölkerung", sagt sie. Doch die junge Frau klingt nicht so, als würden sich die Erdogan-Gegner von dieser Befürchtung bremsen lassen. Derja beschreibt ihre Bewegung vor allem als eine Bewegung der apolitischen Generation, die in den 1980er Jahren auf die Welt kam. "Viele von ihnen nehmen das erste Mal an einer politischen Bewegung teil." Sie beschreibt ein politisches Erwachen der türkischen Jugend. Und sie sagt: "So lange, bis die Regierung versteht, was wir wirklich wollen, machen wir weiter."

Noch erweckt Erdogan nicht den Eindruck, als wolle er seine Gesetze, die jene Generation als eine Einschränkung ihrer individuellen Freiheit versteht, überdenken. Aller Siegesrhetorik zum Trotz scheint aber selbst der Ministerpräsident nicht mehr wirklich daran zu glauben, dass der Protest bald abebbt, nur weil er dieser Tage in einer stillen Form daherkommt. Laut dem Bericht der türkischen Zeitung "Milliyet" will die Regierung kurzfristig 100.000 Patronen Tränengas und Pfefferspray ordern, um die geschröpften Vorräte schnell aufzufüllen. Auch 60 neue Wasserwerfer stehen auf Erdogans Einkaufsliste.

Die Redaktion hat die Namen aller Aktivisten geändert: Einige befürchten Repressalien durch die Regierung der Türkei.

Quelle: ntv.de

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