Politik

Interview mit Femen-Aktivistin Schewtschenko "Wir waren Opfer eines Patriarchen"

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Das Markenzeichen von Femen: der Protest mit entblößten Brüsten. Die Darstellung von Brustwarzen gilt in den USA als unschicklich.

(Foto: www.femen.org/Reka Nyari)

Sie kämpfen gegen Sexismus und männliche Unterdrückung. Doch wie n-tv.de schon berichtete, litten die Femen-Frauen selbst jahrelang unter einem autoritären Anführer. "Jetzt sind wir frei", sagt Aktivistin Alexandra Schewtschenko. Im Interview mit n-tv.de spricht sie über den schwierigen Kampf der Gruppe und den Rauswurf des ehemaligen Chefs.

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Eine der Femen-Anführerinnen: Alexandra Schewtschenko.

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Beim Filmfestival in Venedig wurde "Die Ukraine ist kein Bordell", eine Dokumentation über Femen, vorgestellt. Wie gefällt Ihnen der Film?

Alexandra Schewtschenko: Wir haben lange geschwiegen über die Geschichte unserer Gruppe. Aber Kitty Green, die Regisseurin, wollte unseren Kampf gegen das Patriarchat unbedingt zeigen. Nicht nur den, der in der Öffentlichkeit stattfindet, sondern auch den im Inneren.

Der Film sorgt weltweit für Aufsehen, weil er ein ganz neues Bild von Femen zeichnet. Die Gruppe wurde demnach jahrelang autoritär geführt von einem Mann namens Wiktor Swjatskij. Er hat die schönsten Mädchen ausgesucht, um auf die Titelseiten der Zeitungen zu kommen.

Ja, wir waren Opfer eines Patriarchen. Das war uns lange peinlich und unangenehm. Aber ich bin fest davon überzeugt: Unsere Geschichte hilft allen Frauen. Sie zeigt, dass selbst die stärksten Feministinnen Opfer einer männlichen Diktatur werden können.

Welche Funktion hatte Swatskij bei Femen?

Das ist Femen

Femen wurde im April 2008 in Kiew gegründet. Die Organisation setzt sich für Frauenrechte ein und kämpft gegen Unterdrückung durch Männer und Sextourismus. Bekannt sind die Aktivistinnen für ihre Oben-ohne-Aktionen. Weltweit zählt Femen derzeit etwa 300 Mitglieder und hat unter anderem Basen in Frankreich, Deutschland, den USA, Polen, Kanada und Spanien. Die Gruppe finanziert sich über Spenden und den Verkauf von T-Shirts im Femenshop.

Als das mit Femen 2008 begann, haben wir von vielen Menschen Rat geholt. Einer von ihnen war Wiktor. Wir brauchten seine Hilfe in vielen Bereichen, in denen wir uns nicht auskannten. Aber irgendwann wurde er zu dominant. Er wurde unser Anführer und wir wussten nicht, wie wir davon wieder loskommen sollten. Das ist typisch für die Ukraine.

Inwiefern?

Ich bin in der Ukraine aufgewachsen. Meine Eltern haben mich mit dem Ziel aufgezogen, einen Mann zu finden. Darauf war meine ganze Erziehung ausgerichtet. Eine gewisse männliche Dominanz wird in der Ukraine als selbstverständlich angesehen.

Swatskij hat sich also benommen wie ein durchschnittlicher ukrainischer Mann?

Ja, aber als er bei Femen so dominant wurde, haben wir das nicht sofort verstanden. Wir haben ihn zuerst machen lassen, aber irgendwann gemerkt, dass seine Schizophrenie langsam alle Grenzen überschritten hat. Seine Art wurde immer verletzender, er hat unserer Gruppe geschadet. Er wollte über uns herrschen, nur weil er ein Mann ist und wir Frauen sind.

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Patriarch unter Feministinnen: Wiktor Swatskij.

(Foto: www.femen.org)

Ist das nicht ein Widerspruch, dass eine Gruppe, die für Frauenrechte und gegen Unterdrückung kämpft, unter einem Patriarchen leidet?

Feminismus kommt ja nicht von irgendwo. Wenn wir das nicht selbst erlebt und diese Art des Patriarchats gespürt hätten, wären wir nie so wütend und extrem geworden. Wenn man so will, dann hat Wiktor uns das geschenkt. Diese Geschichte hat uns den Willen gegeben, uns zu rächen. Warum soll uns jemand dominieren, nur weil er ein Mann ist? Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir zwar gegen das Patriarchat kämpfen, aber gleichzeitig selbst Opfer davon sind. Wir mussten uns von ihm trennen, um wieder selbstständig zu sein. Das war ein großer Umbruch für uns.

Wie lief die Trennung genau ab?

Das war im Juni 2012. Zunächst wussten wir nicht, wie wir das anstellen sollten. Wir haben - das zeigt der Film auch - viele schwierige Gespräche darüber gehabt. Doch durch unsere Aktionen bei der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine haben wir viel Kraft gewonnen und sind schließlich zu dem Schluss gekommen, dass wir Wiktor nicht mehr brauchen. Dann haben wir ihn rausgeschmissen.

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Femen protestierte unter anderem gegen die Fußball-EM in der Ukraine.

(Foto: REUTERS)

Hat er das einfach akzeptiert?

Nein, es fiel ihm sehr schwer. Wiktor hat mit uns gestritten und viel geschimpft, aber dann ist er gegangen. Seitdem sind Anna Huzol, Inna Schewtschenko und ich die Anführerinnen von Femen. Wir wussten dann monatelang nicht einmal, wo Wiktor ist. Später haben wir ihn dann wieder getroffen. Es war wie zwischen alten Bekannten.

Heute spielt er keine Rolle mehr bei Femen?

Nein.

Wie kann das sein? Noch im Juli dieses Jahres wurde Swatjskij auf der Femen-Webseite als Ideologe und Freund der Gruppe bezeichnet, nachdem er in Kiew von Unbekannten verprügelt worden ist.

Das stimmt. Es war eine besondere Situation, er wurde schließlich fast zu Tode verprügelt. Die Ärzte haben gesagt, dass er das nicht überleben wird. Natürlich lieben wir ihn nicht. Aber da konnten wir nicht einfach sagen: "Das ist uns egal, stirb doch einfach."

Weil Sie ihm trotz allem verpflichtet sind?

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Swjatskij wurde im Juli in Kiew übel zugerichtet.

(Foto: www.femen.org)

Man hat ihn schließlich wegen seiner Beziehungen zu Femen verprügelt. Egal, was er getan hat - wir konnten ihn nicht einfach sterben lassen. Im Krankenhaus hat man uns geraten, ihn nicht alleine zu lassen. In der Ukraine ist das nämlich so: Wenn es diesen Menschen nicht gelingt, ihn auf der Straße zu töten, kommen sie wieder. Dann gehen sie ins Krankenhaus, schmeißen die Ärzte aus dem Zimmer und töten ihn dort. Die schrecken vor nichts zurück. Und das wollten wir einfach nicht.

Was würde Swatskij sagen, wenn er den Film sieht?

Das ist schwierig zu sagen. Er ist ein Mann, daher würde er sich vermutlich freuen, wenn sein Name in den Nachrichten erscheint. Ihm wäre es wohl egal, dass der Kontext so negativ ist. Ich kann das nicht richtig einschätzen, aber Männer wie er ticken so. Jeder, der das Patriarchat in sich trägt, arbeitet wohl auf so etwas hin.

Sind Sie Kitty Green dankbar dafür, dass sie die Widersprüche von Femen mit ihrem Film öffentlich gemacht hat?

Ja, wir sind ihr dankbar. Sie hat uns Kraft gegeben, das Patriarchat loszuwerden, unter dem wir gelitten haben. Das kann man im Film gut sehen. Vor einem Jahr hätten wir diese Geschichte nie erzählt, wir hatten Angst. Jetzt sind wir frei und zu 100 Prozent selbstständig. Wir haben eine innere Revolution vollzogen. Daher ist es auch unsere Pflicht, diese Geschichte für alle anderen Frauen zu erzählen, die das Gleiche erleben - im Beruf oder in der Familie. Patriarchate gibt es überall.

Haben Sie nicht die Befürchtung, der Film könne Femen schaden? Schließlich könnte der Eindruck entstehen, es handle sich um einen inszenierten und kommerzialisierten Protest.

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Femen-Aktivistinnen mit Regisseurin Kitty Green bei der Filmvorstellung in Venedig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Film zeigt den inneren Kampf junger Frauen, die sich nicht einfach hinstellen und wie Puppen gegen das Patriarchat kämpfen. Wir haben das Patriarchat am eigenen Leib erfahren und demonstrieren, dass es echt ist. Wenn man so eine Geschichte erzählt, gibt es natürlich immer dumme Menschen, die den Mut solcher Frauen nicht verstehen. Aber Femen hat nie Angst gehabt vor solchen Leuten. Unsere Aktionen sind so provokativ und kontrovers, dass sie eben nicht jeder versteht. Der Film richtet sich an kluge Menschen, die wissen, dass es in jedem Kollektiv und in jeder Ideologie Kämpfe gibt. Wir hätten das auch verheimlichen können, aber wir stehen zu unserer Geschichte, die Menschen müssen sie anerkennen. Uns ist es wichtig zu zeigen, wie leicht Feminismus entstehen kann.

Also gibt es für Femen keine negativen Konsequenzen?

Vielleicht gehen einige Aktivistinnen weg, vielleicht schließen sogar manche Basen. Aber ich denke, die meisten Frauen merken dadurch eher, dass wir authentisch sind und dass wir das am eigenen Leibe erfahren haben. Viele, die den Film sehen, sagen hinterher: "Wenn ich sehe, wir ihr am Ende siegt, dann bin ich stolz, Femen zu sein." Das ist doch der größte Lohn. Die, die uns verlassen, haben es nicht verstanden. Wissen Sie: Das ist wie bei Opfern von Vergewaltigungen, wenn sie sich entscheiden, darüber zu reden, und dann selbst beschuldigt werden. Dann heißt es: Warum hattest du einen so kurzen Rock an? Dachtest du, wir hätten Mitleid mit dir? Du bist doch selbst schuld. Das Gute ist: Es gibt immer Menschen, die verstehen, warum du es erzählst.

Ende August wurden im Femen-Hauptquartier in Kiew bei einer Razzia Waffen gefunden. Daraufhin sind Sie ziemlich plötzlich nach Paris geflohen. Was ist damals genau passiert?

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Alexandra Schewtschenko mit einer weiteren Femen-Aktivistin während der Polizei-Razzia in Kiew Ende August.

(Foto: www.femen.org)

Das war ein Spektakel. Es gab angeblich einen anonymen Anruf, dass wir Waffen besitzen würden. Die Polizei wollte daraufhin unser Haus durchsuchen. Es hieß, wir müssten es verlassen, weil es angeblich gefährlich sei und die Waffen explodieren könnten. Dann haben sie eine Pistole, eine Handgranate und ein Porträt von Putin gefunden. Das waren nicht unsere Sachen, aber wir können uns schon vorstellen, wie sie in das Haus gelangt sind. Im Prinzip hätte das gereicht, um uns ins Gefängnis zu bringen. Da war uns klar: Das ist die letzte Warnung. Also sind wir geflohen.

Und jetzt sind Sie in der französischen Hauptstadt …

Es gefällt mir gut. Aber wir wollen hier nicht irgendwelche Sehenswürdigkeiten anschauen, sondern unsere Arbeit fortsetzen. Wir haben inzwischen eine neue Basis aufgebaut und wissen, dass wir hier sicher sind.

Offenbar verlagert Femen seinen Mittelpunkt von Ost- nach Westeuropa. Hat Putin als Feindbild damit ausgedient?

Nur weil wir weg sind, werden wir nicht aufhören, gegen Putin zu kämpfen. Diese Polizeiaktion in Kiew wurde nicht von ukrainischen Leuten durchgeführt, sondern von russischen. Das geschah im Auftrag von Putin.

In Paris und Berlin gibt es neue Femen-Basen, wo neue Aktivistinnen ausgebildet werden. Wie geht es weiter mit Femen?

Unsere Ziele bleiben die gleichen. Wir kämpfen gegen das Patriarchat, gegen religiöse Diktaturen, auch in islamischen Staaten, und gegen die Sexindustrie. Neben Deutschland und Frankreich haben wir auch neue Basen in Spanien, Belgien, Kanada, Polen und den USA. Wir träumen davon, auch eine Station in Israel zu haben.

Wären Sie eigentlich auch Feministin geworden, wenn Sie in Deutschland oder Frankreich aufgewachsen wären?

Ich wäre sicherlich eine Feministin, aber ich weiß nicht, ob ich mich hier so bezeichnen würde. Deutschland und Frankreich sind sehr viel offener, die Gesellschaften sind post-feministisch. Ich zweifle daran, dass ich hier so radikal geworden wäre wie bei Femen. Im Vergleich zu ukrainischen Frauen sind hier alle Frauen Feministinnen.

Mit Alexandra Schewtschenko sprachen Anastasia Tscheprassow und Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de