Politik

Interview mit Dr. Sumaya Farhat-Naser "Wir wollen Befreiung"

Ist die Eskalation der Gewalt in Israel noch zu stoppen? Die palästinensische Friedensaktivistin und Leiterin des "Jerusalem Center for Women", Sumaya Farhat-Naser, sieht die gemäßigten Kräfte Israels in der Minderheit. Die 54-jährige promovierte Botanikerin gehört auch dem Beirat der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft an. Zurzeit hält sie sich unweit von Ramallah auf. Im Interview mit n-tv.de fordert sie von Europa eine stärkere Rolle im Bemühen um den Frieden und zeigt Perspektiven für eine Entwicklung auf.

n-tv.de: Sehen Sie die aktuellen Vorgänge in Palästina noch als Intifada oder schon als Krieg?

Farhat-Naser: Es ist ein Krieg. Die Gewalt geht vom Staat Israel aus und wird in erster Linie an ziviler Bevölkerung verübt. Es ist ein Krieg zwischen Ungleichen, zwischen Besatzern und Besetzten.

n-tv.de: Was verhindert Ihrer Meinung nach die Suche nach einer politischen Lösung des Konflikts?

Farhat-Naser: Die Vorgänge zeigen, dass die Intention zum Frieden auf der Basis der Rückgabe der besetzten Gebiete von Anfang an nicht gegeben war. Die Vereinbarungen von Oslo wurden nicht ernst genommen und auf unterschiedliche Weise interpretiert. Die palästinensische Seite ging davon aus, dass die Besatzung beendet wird und ein palästinensischer Staat mit voller Souveränität entstehen kann. Israel hat meiner Meinung nach aus Oslo vor allem Zeitgewinn geschöpft, um weiter die volle Kontrolle über die Gebiete zu behalten.

n-tv.de: Welche Seite muss sich zuerst auf die andere zu bewegen?

Farhat-Naser: Die Palästinenser haben nichts mehr zu bieten. Die Gesellschaft ist kaputt. Sollen sie sich ergeben? Die Geschehnisse haben noch mehr Angst, noch mehr Verbitterung und Verletzung gebracht – auf beiden Seiten.

n-tv.de: Hat Scharon den Bogen überspannt? Die schon bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten geäußerten Befürchtungen um ein Aufflammen von Gewalt und Terror haben sich erfüllt.

Farhat-Naser: Ich glaube, Sharon hat es auch beabsichtigt, um alles kaputt zu machen, was man in Oslo erreicht hatte. Er vertritt die alte Ideologie. Ihm allein gehört das Land, die Siedlungen werden ausgeweitet, die totale Trennung von Israelis und Palästinensern und vor allem: den Palästinensern das Leben so schwer machen, dass sie von selbst das Land verlassen. Das Problem ist aber nicht allein Sharon. Die alte Ideologie ist sehr verbreitet und auch in der Arbeitspartei ist die Gruppe derer, die den Frieden wollen, sehr klein geworden. Aber auf die vertraue ich.

n-tv.de: Wer in Arafats Gefolgschaft genießt in den extremistischen arabischen Gruppen so hohes Ansehen, dass ihm eine stabilisierende Rolle zuzutrauen ist?

Farhat-Naser: Es gibt niemanden. Die Art und Weise, wie die palästinensische Autorität zerstört wurde, wie die Israelis Arafat erniedrigt haben, das bewirkt, dass kein Palästinenser es wagt, nach Arafat normal zu handeln und einen Friedensweg einzuschlagen. Wir sind in einem großen Dilemma, und niemand auf palästinensischer Seite wird auf das Minimum, nämlich Rückgabe der besetzten Gebiete und volle Souveränität, verzichten.

n-tv.de: Ohne Kronprinz droht in der Zeit nach Arafat ein Autoritätsvakuum. Ist das nicht noch gefährlich, denn immerhin ist er trotz seiner Machtlosigkeit eine Integrationsfigur?

Farhat-Naser: Natürlich ist das gefährlich. Aber wir Palästinenser wollen keinen Kronprinz, der als Marionette oder Regierungschef von Israels Gnaden handelt. Wir wollen Befreiung.

n-tv.de: Tut Amerika genug, um eine Befriedung zu ermöglichen?

Farhat-Naser: Nein. Die US-Amerikaner stehen voll auf der Seite Israels, und es ist ihnen gelungen, eine Analogie herzustellen zwischen dem Terror in Israel und dem Terror in Afghanistan. Das ist für Amerika ein und derselbe Krieg. Deshalb war Amerika von Anfang an kein fairer Partner.

n-tv.de: Genießt Europa genug Vertrauen im arabischen Lager, um eine erfolgversprechende Initiative zur Befriedung der Region zu starten?

Farhat-Naser: Die EU hat Vertrauen. Man darf die Amerikaner nicht allein im Spiel lassen. Die Europäer bemühen sich zurzeit, aber Israel lehnt das ab. Was heute geschieht, birgt langfristig große Gefahren nicht nur für die Juden in Israel, sondern in der ganzen Welt. Der Fundamentalismus und Extremismus in der arabischen Welt erzeugt neuen Extremismus auch in Israel.

n-tv.de: Welches Szenario werden wir Ihrer Meinung nach in einem Jahr in der Region vorfinden?

Farhat-Naser: Wir werden in einem Jahr immer noch besetzt sein. Die Israelis werden eine Militärverwaltung aufbauen, die sie Zivilverwaltung nennen, und versuchen, Palästinenser zu finden, die mitarbeiten, und das wird viel, viel schwieriger werden als zum Beispiel 1967. Wir müssen mit neuen Gesetzen rechnen, die es erlauben, im Namen der Sicherheit noch mehr Land wegzunehmen.

n-tv.de: Gibt es Alternativen zu dieser pessimistischen Sicht?

Farhat-Naser: Diese Phase wird fünf bis sieben Jahre andauern. Ich fürchte, dass dann eine noch größere Explosion kommen wird. Auch die israelischen Friedensaktivisten, mit denen ich die ganze Zeit zusammen arbeite, sagen, dass die Gebiete geräumt werden müssen und dass eine Souveränität für die Palästinenser geschaffen werden muss. Die Basis von Oslo war richtig, der Fehler war, was man daraus gemacht hat. Es wurde zu viel über Sicherheit geredet und zu wenig über Erziehung zum Frieden, über Infrastruktur des Friedens und über die Entwicklung von politischen Ideologien. Wir Palästinenser können das allein nicht schaffen, wir sind unter dem Nullpunkt angelangt. Wir brauchen Hilfe nicht finanziell, sondern vor allem beim Aufbau von Friedensstrukturen, wir brauchen moralische Unterstützung.

(Das Interview führte Axel F. Busse)

Quelle: n-tv.de