Politik

50 Jahre "Aktion Sühnezeichen" Zivi betreut alte Menschen in Israel

Seit 50 Jahren kommen junge Deutsche mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zum Zivildienst nach Israel. Der 19-jährige Philipp Haye aus Kiel arbeitet in Jerusalem mit alten Menschen. Er will Holocaust-Überlebenden zeigen, dass es ein neues Deutschland gibt.

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Philipp Haye liest in einem Jerusalemer Altersheim einer alten Dame Tolstois "Anna Karenina" auf Deutsch vor.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Damen sitzen um einen runden Tisch, ein älterer Mann beugt sich neugierig vor, als Philipp Haye aufzählt, was er alles in Geschichte gelernt hat: "Deutsches Kaiserreich, 19. Jahrhundert: Industrialisierung und deutsche Revolution...". "Dit war keine richtige Revolution", raunzt der alte Mann auf Berlinerisch dazwischen und lässt dabei seine Faust laut auf den Tisch fallen. Es ist ein heikler Moment für den Zivildienstleistenden Haye, der im Jerusalemer Altersheim Beit Moses mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) seinen Zivildienst macht. Alle, die am Tisch sitzen, sind einst vor Hitler und seinen Schergen geflohen. Eine der Damen hat den 19-Jährigen nun gebeten, von seinem Geschichtsunterricht zu erzählen, daheim in Kiel.

Die ASF in Israel wird jetzt 50 Jahre alt. Anfang März gibt es dazu Jubiläumsfeiern in Jerusalem. Seit 1961 sind 1500 junge Deutsche mit der Organisation ins Heilige Land gekommen, um Versöhnungsarbeit mit den Opfern des NS-Regimes zu leisten. Damit nahm die ASF auch eine Vorreiterrolle ein. Offizielle diplomatische Beziehungen mit dem jüdischen Staat begannen erst 1965. Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein, sagt dazu: "Die ASF hat im Rahmen der Zivilgesellschaft einen Beitrag zum Aufbau und im Laufe der Jahre zur Festigung der Brücke zwischen den beiden Ländern geleistet."

"Hier haben schon viele Deutsche gesessen"

Dazu gehörten von Anfang an auch Israelis, die vor den Nazis in Europa geflohen waren und sich trotzdem früh um einen Kontakt mit den jungen Deutschen bemühten. So eine Israelin ist Marianne Karmon. Sie sitzt auf der Couch - "hier haben schon viele Deutsche gesessen" - in ihrer Jerusalemer Wohnung.

Karmon ist fast 90 Jahre alt, die Knie wollen nicht mehr richtig, doch das Gedächtnis ist frisch. Lange ist es her, erzählt sie, als sie sich noch von ihren israelischen Landesleuten den Spruch anhören musste: "Die Deutschen wollten aus uns Seife machen, und jetzt möchtest Du mit denen sprechen." Dabei wäre Karmon fast selbst zum Opfer geworden: 1921 in Berlin geboren, floh die Jüdin 1937 vor dem Naziregime nach Schweden und kam 1949 nach Israel. Heute ist sie die Ehrenvorsitzende des Freundeskreises von ASF in Israel. In dieser Funktion war sie auch dabei, als Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem jüngsten Israelbesuch die ASF-Freiwilligen traf.

Die Arbeit mit den jungen Deutschen sei ihr wichtig, sagt Karmon: "Vor allem mit Menschen, die mehr als nur an Fußball und Bier interessiert sind." Zuhause spielt auch Philipp Haye in der heimischen Jugendfußballmannschaft als Mittelfeldspieler. Was ihn aber von vielen Altersgenossen unterscheidet: Er möchte den alten Menschen durch seinen Freiwilligendienst "Einblick in ein neues Deutschland anbieten", sagt er. Dies ist oft schwierig: Eine der älteren Damen wollte zu Beginn nichts mit dem jungen Deutschen zu tun haben. Erst nach einer Weile hat sie vorsichtig Kontakt aufgenommen.

Vorlesen, Spiele spielen, unterhalten

Die tägliche Arbeit im Altersheim ist vielseitig. Einer alten Frau liest er Tolstois "Anna Karenina" vor, mit anderen spielt er Schach und Scrabble. Oft unterhält sich der junge Abiturient einfach mit den Leuten. 20 Stunden pro Woche ist er im Beit Moses - und 20 weitere im Leo-Baeck-Institut, wo er im Büro arbeitet. Ihn motiviert der Gedanke an die Verantwortung, die er mitzutragen habe, sagt der große junge Mann. "Ich finde es bedrückend, wenn junge Leute meinen, sie hätten mit der Vergangenheit Deutschlands nichts zu tun".

Quelle: n-tv.de, Miguel Zamorano, dpa

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