Politik

Von Prag nach Europa Zug der Freiheit

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Der "Zug der Freiheit" im Dresdner Hauptbahnhof.

(Foto: AP)

Als am 1. Oktober 1989 der erste Zug mit DDR-Flüchtlingen hinter Plauen über die innerdeutsche Grenze nach Westen rollte, flossen Tränen der Freude. Teilweise wochenlang hatten die Menschen zuvor in der Botschaft Prag ausgeharrt, um endlich in die selbst gewählte Freiheit zu gelangen. "Ich weiß nicht, wo plötzlich überall die Fahnen herkamen. Manche hatten bayerische Fahnen, manche Deutschlandfahnen", erinnert sich Botschaftsflüchtling René Heymann an den Moment des Grenzübertritts. "Da hat niemand mehr gesessen."

Heymann gehört zu den rund 200 Passagieren, die 20 Jahres später im "Zug der Freiheit" in Originalwaggons und auf historischer Route an jene Ereignisse anknüpfen, die aus Historikersicht den Fall der Mauer ankündigten. Die Dresdner Initiative "Kultur Aktiv" hat den Sonderzug organisiert, Projektmanager Mirko Sennewald sagt: "Meine Motivation war, dass ich damals selbst in Freiberg am Bahnhof stand und dann von den (ostdeutschen) Polizisten mit Hunden vertrieben wurde."

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Einfahrt in Hof am 5. Oktober 1989.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schikanierende Grenzkontrollen und Visaregimes gehören inzwischen der Vergangenheit an, statt durch den "Eisernen Vorhang" zwischen West- und Osteuropa geht die Tour mittlerweile durch die Europäische Union. "Der Zug fährt aus einem freien Land in ein freies Land. Das ist das Schöne, dass das eine Selbstverständlichkeit geworden ist", sagt der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich an Bord.

"Die Leute hatten die Schnauze voll"

Das Interieur der Abteile verströmt mit dem Geruch von Kunstleder und dem Fehlen jeglicher Digitaltechnik die Atmosphäre des vergangenen Jahrhunderts. "Meine Damen und Herren, auf Gleis 6 wurde für Sie bereitgestellt: Zug der Freiheit nach Hof über Freiberg, Chemnitz, Plauen im Vogtland und Gutenfürst", lautet die Durchsage am Hauptbahnhof Dresden. Die Schaffner haben noch mal die alten Uniformen der DDR-Reichsbahn angezogen. "Die Leute hatten die Schnauze voll", sagt Ingo Wlodasch zur Stimmung in der DDR 1989. Sein Kollege Enriko Emmer erzählt: "Ein Bekannter von mir war Rangierer in Dresden und er musste noch mal kurz in den Zug rein - dann fuhr der mit ihm weg."

"Kultur Aktiv" hat die Waggons für Ausstellungen und Kunstprojekte geöffnet, die sich mit dem Wendejahr in Mittelosteuropa beschäftigen. Hingucker sind "Zwerge", die mit orangefarbenen Plastikmützen durch die Gänge wuseln - die polnische Truppe "Orange Alternative" war schon seit 1981 Teil der antikommunistischen Opposition in Polen. Man kann auch in einem Souvenirabteil Miniaturmodelle des "Zugs der Freiheit" und Sondermarken kaufen.

Die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz empfängt die bunte Kolonne mit den Worten: "Der Zug, der die Menschen ins westdeutsche Hof brachte, war bald Symbol für ein ausrangiertes politisches System, das von seinen Bürgern aufs Abstellgleis geschoben wurde." In der Endstation Hof sollte am Abend ein Denkmal enthüllt werden, um ein Kapitel deutscher Geschichte unvergesslich zu machen.

Quelle: ntv.de, Jakob Lemke und Eva-Maria Simon, dpa

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