Politik

Bodentruppen oder humanitäre Hilfe? Zwei Fotografen in Misrata getötet

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Die Hand eines Arztes in einem Krankenhaus in Misrata.

(Foto: REUTERS)

In der zwischen Gaddafi-Truppen und Rebellen schwer umkämpften Stadt Misrata sterben zwei Foto-Journalisten, ein dritter wird verletzt. Die UN werfen dem libyschen Machthaber Gaddafi Kriegsverbrechen vor. Die Rebellen bitten um den Einsatz ausländischer Truppen - diese sollen Zivilisten schützen, aber nicht zusammen mit den Rebellen kämpfen.

Bei Straßenkämpfen in der libyschen Stadt Misrata sind am Mittwoch zwei bekannte Fotojournalisten ums Leben gekommen, ein dritter wurde schwer verletzt. Der Filmemacher und Fotograf Tim Hetherington sowie der Fotograf Chris Hondros seien unter Beschuss geraten, sagte ihr spanischer Kollege Guillermo Cervera. Sie hätten gerade versucht, den Schauplatz zu verlassen, wo sich Rebellen und Truppen des Machthabers Muammar Gaddafi bekämpften. Dann sei eine Mörsergranate gelandet und er habe Explosionen gehört.

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Tim Hetherington (r.) und Chris Hondros.

(Foto: REUTERS)

Der britische Fotograf Guy Martin wurde schwer verletzt. Nach Angaben der Agentur Panos, für die Martin arbeitet und auch Hetherington gearbeitet hat, wurden sie von einer Panzerabwehrgranate getroffen. Nach einem Bericht des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira starben bei den Kämpfen in Misrata mindestens fünf weitere Zivilisten.

Krankenhausärzte aus Misrata sagten, Hetherington sei gestorben. Die Agentur von Hondros teilte mit, dass der Fotograf seinen Verletzungen erlag.

Hondros arbeitete für die Agentur Getty. Er war ein erfahrener Krisenreporter. Vor Libyen war er bereits in Unruhegebieten wie dem Kosovo, Angola, dem Irak, Afghanistan oder Liberia unterwegs. Für seine Arbeit in Liberia erhielt er eine Nominierung für den renommierten Pulitzer-Preis.

Hetherington hatte für seinen Film "Restrepo" über US-Soldaten in Afghanistan erst Anfang des Jahres eine Oscar-Nominierung erhalten. Der Film, den er mit dem deutschstämmigen Journalisten Sebastian Junger ("Der Sturm") machte, dreht sich um den Tod des amerikanischen Militärarztes Juan Restrepo. Der Filmemacher hatte sich für die Dokumentation mitten ins Korengal-Tal - ein Kampfgebiet im Osten des Landes - begeben, das beim amerikanischen Militär als "Tal des Todes" bekannt ist.

NATO will Druck auf Gaddafi-Truppen aufrechterhalten

Die NATO forderte die libyschen Bürger auf, sich so weit wie möglich von Gaddafis Truppen fernzuhalten. Der Kommandeur des internationalen Militäreinsatzes, der kanadische General Charles Bouchard, erklärte, man bemühe sich, bei den Angriffen die Gefahr für Zivilisten so gering wie möglich zu halten, "aber wir können das Risiko nicht auf Null reduzieren". In den nächsten Tagen werde der Druck auf Gaddafis Truppen aufrechterhalten.

Nach einem Bericht des libyschen Staatsfernsehens haben NATO-Kampfjets erneut Ziele in der Nähe der Hauptstadt Tripolis angegriffen. Das Ziel sei die Region Chellat el Ferdschan südwestlich von Tripolis gewesen, berichtete der Sender. Es habe Tote und Verletzte unter den Einwohnern gegeben. Häuser seien zerstört worden. Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Jana wurden bei dem Angriff sieben Zivilisten getötet und 18 weitere verletzt.

Rebellen bitten um ausländische Truppen

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Abdelhafizh Ghoga ist Sprecher des Nationalen Übergangsrates der Rebellen.

(Foto: AP)

Der von den libyschen Aufständischen gebildete Übergangsrat sprach sich für den Einsatz ausländischer Truppen zum Schutz der Zivilisten in Misrata aus. "Um Zivilisten schützen zu können, benötigen wir Korridore, um Hilfsgüter zu liefern", sagte der Sprecher des Nationalen Libyschen Rates, Abdelhafizh Ghoga, auf einer Pressekonferenz in der Rebellen-Hochburg Bengasi. Wenn dies nur mit Bodentruppen möglich sei, gehe von diesen keine Gefahr aus.

Der Nationale Rat sei nicht der Meinung, dass eine solche Hilfsaktion auf einen Militäreinsatz am Boden hinauslaufe, sagte Ghoga. "Wenn dies nötig ist, um humanitäre Hilfe zu leisten oder sichere Zonen für Zivilisten zu schaffen, so wäre dies auch durch die UN-Resolution 1973 gedeckt." Die Rebellen wollten aber nicht, dass diese Truppen mit ihnen an der Front gegen die Soldaten Gaddafis kämpfen.

UNO wollen noch nicht um Hilfe bitten

Die Bundesregierung lehnt den Einsatz von Bodentruppen ab, schließt aber die Teilnahme an einem humanitären Einsatz nicht aus. Auch die EU-Kommission erwägt, Bodentruppen zum Schutz von Hilfslieferungen einzusetzen. Allerdings wollen die Vereinten Nationen die Europäische Union vorerst nicht um militärischen Schutz für die humanitären Korridore in Libyen bitten. Dies sei momentan nicht nötig, da die UNO in der Lage sei, "zivile Mittel zu nutzen", sagte die Leiterin der humanitären Einsätze der Vereinten Nationen, Valerie Amos, in New York. Die UNO hatte mit der EU und der NATO vereinbart, im Bedarfsfall militärischen Schutz für die humanitären Hilfseinsätze anzufordern. "Aber da sind wir noch nicht", sagte Amos.

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Ein Libyer an Bord eines Schiffes, das verwundete Libyer und Flüchtlinge von Misrata nach Bengasi bringt.

(Foto: AP)

Frankreich, Großbritannien und Italien haben die Entsendung von kleinen Gruppen von Militärberatern angekündigt. Grundsätzlich sollen solche Berater dazu beitragen, dass die libyschen Aufständischen ihre militärischen Aktivitäten besser mit der NATO abstimmen. Darüber hinaus sollen sie die Rebellen in militärischer Kommunikation ausbilden und an Waffensystemen schulen. In der Vergangenheit hatten Missverständnisse dazu geführt, dass die Flugzeuge der Allianz auch Aufständische bombardierten.

USA liefern Medizin und Uniformen

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Dieser Mann hat gerade erfahren, dass sein Name nicht auf der Liste der Passagiere steht.

(Foto: AP)

Die USA wollen die libysche Opposition jetzt erstmals direkt unterstützen. Wie Außenministerin Hillary Clinton mitteilte, sollen die Regimegegner medizinische Artikel, Uniformen, Schutzausrüstung, Radios und Nahrungsmittel im Wert von 25 Millionen Dollar (17,2 Millionen Euro) erhalten. Vorausgegangen seien wochenlange Beratungen mit dem Übergangsrat in Bengasi über die am dringendsten benötigten Güter. Der Übergangsrat hat auch um Waffenhilfe gebeten, aber die USA haben bisher nicht darüber entschieden.

UN werfen Gaddafi Kriegsverbrechen vor

Die UN warfen Gaddafi einen schmutzigen Krieg vor. "Nach internationalem Recht ist der Beschuss von medizinischen Einrichtungen ein Kriegsverbrechen. Und es ist ein ernster Verstoß gegen das Völkerrecht, rücksichtslos auf Zivilisten zu feuern", sagte die Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Navi Pillay. "Der Einsatz von ungenauen Waffen wie Streubomben, Raketenwerfern und Mörsern in dicht bevölkerten Gebieten führt zwangsläufig zu zivilen Opfern."

Quelle: n-tv.de, dpa/AFP/rts

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