Dossier

Kurden im Nordirak Angst und martialische Töne

Während sich türkische Soldaten und Kämpfer der PKK in den verschneiten Bergen im Nordirak blutige Gefechte liefern, schauen die irakischen Kurden mehr oder weniger tatenlos zu. Die kurdische Autonomieregierung, die ihren Sitz in der Stadt Erbil hat, sieht sich nicht als Partei in diesem Kampf zwischen den Türken und der radikalen Kurdenpartei aus der Türkei. Doch die Spekulationen und Gerüchte, die in diesen Tagen in Erbil die Runde machen, zeigen, wie schwierig dieses Stillhalten für manche irakischen Kurden ist. Schließlich haben viele von ihnen als Parteimilizionäre in den vergangenen Jahrzehnten selbst gekämpft: Gegen die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein und gegen die Milizionäre der jeweils anderen Kurdenpartei. Sie sind enttäuscht über das "Schweigen unserer Autonomieregierung".

"Wir fürchten uns nicht vor militärischen Auseinandersetzungen und vor Krieg, schließlich haben wir damit jahrzehntelange Erfahrungen", sagt der Beamte Kamal Abdulhamid (45). Er wünscht sich, dass die Türken mit ihrer Militäroperation gegen die PKK-Kämpfer scheitern, "denn diese sind die Einzigen, die sich den Feinden der kurdischen Sache entgegenstellen". Auch die Lehrerin Sahra Baber gibt sich betont unerschrocken. "Dieser Krieg ist nicht mehr als eine Sommerwolke, die bald vorüberziehen wird", sagte sie. Die irakischen Kurden hätten wahrlich schon größere Schwierigkeiten gemeistert.

Öl-Stadt Kirkuk im Visier?

Doch nicht alle irakischen Kurden sind so sorglos wie die 35 Jahre alte Lehrerin. Viele von ihnen befürchten, dass sich die Kämpfe aus den Bergen früher oder später in die bewohnten Gebiete verlagern werden. Außerdem vermuten sie, dass es die Türken nicht nur auf die PKK abgesehen haben, sondern auch die irakischen Kurden im Visier haben - vor allem weil diese die Öl-Stadt Kirkuk dem kurdischen Autonomiegebiet einverleiben möchten, was die von Ankara unterstützte turkmenische Minderheit in Kirkuk beunruhigt.

"Wir Kurden sind ein Volk, das kein Glück hat. Jetzt haben wir im Nordirak zum ersten Mal ein halbwegs unabhängiges Gebilde geschaffen, in dem wir uns fühlen können wie ein normales Volk, da wird uns dies auch schon wieder kaputt gemacht", klagt der Lehrer Hama Abdul Raouf (49). "Alles ist zum Stillstand gekommen, seitdem ich den Lärm der türkischen Artillerie und der Kampfflugzeuge höre", sagt Seven Ali (33), der aus der momentan umkämpften Region Al-Amadija nahe der türkischen Grenze stammt. Was die wirtschaftliche Entwicklung des nordirakischen Kurdengebietes angeht, so sieht der Händler für die kommenden Wochen und Monate erst einmal schwarz.

Irakische Regierung nicht beunruhigt

Langfristig könnten unter der angespannten Lage im Norden auch die restlichen Provinzen des Iraks leiden. Weil die Sicherheitslage in den Kurdengebieten in den vergangenen Jahren deutlich stabiler war als in den übrigen Landesteilen, hat sich vor allem die Stadt Erbil zu einem Handelszentrum für das ganze Land entwickelt. Die Regierung in Bagdad, in der die kurdischen Parteien der Juniorpartner der religiösen Schiiten-Parteien sind, scheint dies jedoch bislang nicht sonderlich zu beunruhigen.

"Den Nachbarstaaten und auch unseren irakischen Brüdern gefällt es wohl nicht, dass wir unsere Angelegenheiten hier im Norden selbst in die Hand genommen haben", erklärt Abdul Raouf verbittert. Dass der schiitische Regierungschef Nuri al-Maliki sich in London einer ärztlichen Routineuntersuchung unterzieht, während die türkischen Truppen "im Norden des Landes nach Belieben umherspazieren", empfindet der Lehrer aus Erbil als Zeichen völliger Missachtung.

Von Ziad Haris und Anne-Beatrice Clasmann, dpa

Quelle: ntv.de

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