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Fragen an Jürgen Trittin "Atomkraft erhöht die Terrorgefahr"

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Jürgen Trittin musste wegen eines Herzinfarkts eine zweimonatige Auszeit nehmen. Seit Ende März ist er zurück.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin begründet die Forderung nach einem Ende der Atomenergie mit sicherheitspolitischen Erwägungen: "Wer AKW neu baut oder ihre Laufzeiten verlängert, erhöht die Gefahr eines nuklearen Terroranschlags", sagt Trittin im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Jürgen Trittin ist wieder da. Was macht er anders als vor seiner Erkrankung?

Jürgen Trittin: Ich achte z.B. darauf, das ich meine Pausen einhalte.

Vielleicht ein wenig mehr Sport?

Nein, ich habe schon vorher viel Sport getrieben. Das halte ich weiterhin so. An mangelnder Bewegung hat es bei mir mit Sicherheit nicht gelegen.

Hat es Sie manchmal gejuckt, zum Handy zu greifen, als Sie in der 17. Etage der Charité lagen, und Statements und Anweisungen zu geben?

Ich hatte ja Kontakt mit meinem Büro, mit meinen Mitarbeitern, und auch viel Besuch. Aber ich war mir bewusst, dass ich eine Auszeit brauche, um mich zu erholen. Die Zeit habe ich mir genommen.

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Jürgen Trittin im Gespräch mit Manfred Bleskin.

In Washington tagt der sogenannte Atomgipfel. Macht so ein Treffen Sinn, wenn Staaten wie der Iran und Nordkorea nicht dabei sind?

Das Treffen macht Sinn. Wenn sich die zivilisierte Welt einig ist, dann wird es auch für Staaten wie Nordkorea und den Iran schwieriger, sich nicht an den Atomwaffensperrvertrag zu halten. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, auch Russland und China mit ins Boot zu holen. Zweitens geht es darum, aus den eigenen Erkenntnissen die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Wenn man erkannt hat, dass die größte Gefahr darin besteht, dass Terroristen Zugriff auf nukleares Material erhalten, dann darf Atomtechnologie nicht weiter weltweit exportiert werden. Genau das fördern aber Merkel und Westerwelle. Vielmehr müsste dafür gesorgt werden, dass jeglicher Umgang mit nuklearen Stoffen unter internationale Kontrolle kommt - nicht nur im Iran, sondern auch in Gronau in Nordrhein-Westfalen. Und schließlich darf nicht immer mehr nukleares Material entstehen. Die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, wie sie Schwarz-Gelb will, führt zu einer Mehrproduktion von nuklearem Müll, genau wie die Subventionierung des Neubaus von AKW in den USA. Wer AKW neu baut oder ihre Laufzeiten verlängert, erhöht die Gefahr eines nuklearen Terroranschlags.

Es gibt Länder, die dem Atomwaffensperrvertrag gar nicht beigetreten sind wie Israel. Premier Netanjahu nimmt nicht an dem Gipfel in Washington teil.

Das ist nicht überraschend. Israel hat den Besitz von Atomwaffen nie dementiert und nie zugegeben. Bei diesem Gipfel müssen wirkliche Schritte hin zu einer internationalen Kontrolle über spaltbares Material, Wiederaufbereitung und Anreicherung beschlossen werden. Das ist die eigentliche Herausforderung.

Kommen wir zum Afghanistan-Einsatz, der ja auch in Ihrer Partei nicht unumstritten ist. Derzeit diskutiert die Bundesregierung über eine Verbesserung der Ausrüstung der Soldaten. Ist der Einsatz eine Frage der Bewaffnung?

Nein. All die Schreibtischstrategen, die den Einsatz auf die Frage der Ausrüstung reduzieren, haben offensichtlich von der Realität in Afghanistan keine Ahnung. Die neue NATO-Strategie heißt, stärker auf die Bevölkerung zuzugehen. Mit Haubitzen und schweren Panzern dürfte man genau das Gegenteil von Vertrauen erreichen. Die neue Strategie der Vermeidung von zivilen Opfern, der auf Druck der USA ja auch Deutschland folgt, heißt aber auch, dass die Soldatinnen und Soldaten ein größeres Risiko eingehen. Entscheidend ist deshalb, dass sie gut ausgebildet sind. Das Defizit besteht darin, dass sie in Deutschland nicht an den Geräten, Fahrzeugen und Waffen trainiert werden, die in Afghanistan zum Einsatz kommen. Einen solch schrecklichen Vorfall wie den am Karfreitag wird man aber weder durch Training noch durch Technik zu hundert Prozent vermeiden können.

Sie regieren in Hamburg mit der CDU, im Saarland mit Christdemokraten und Liberalen. Wenn nach der Wahl in NRW nur Rot-Rot-Grün oder Schwarz-Grün möglich wäre, wofür würde Ihr Herz schlagen?

Das ist keine Frage meines Herzens oder der Bundesgrünen. In Bremen regieren wir mit der SPD und streben ein solches Bündnis auch und gerade für NRW an. Das hat einfache Gründe: Sozialdemokraten und Grüne sind gegen weitere Steuersenkungen zugunsten von Besserverdienenden und zu Lasten unserer Kommunen. Wir sind beide für eine solidarisch finanzierte Krankenversicherung und gegen die Kopfpauschale, bei der Hartz-IV-Bezieher das Gleiche zahlen wie Besserverdienende. Wir wollen beide eine wirkliche Energiewende. Bei allem Streit um die Kohle, den wir mit der SPD, aber auch mit CDU und FDP haben, sind wir gemeinsam der Meinung, dass es dem Ausbau erneuerbarer Energien schadet, wenn man wieder in die Atomenergie einsteigt. Deshalb ist unser Ziel in NRW Rot-Grün. Wir sind da auf einem sehr guten Weg. Wir liegen mit Rot-Grün vor Schwarz-Gelb …

Rot-Rot-Grün liegt vor Schwarz-Gelb.

Nein, Rot-Grün liegt vorn und bekommt auch als Koalition die meiste Zustimmung, aber wir haben noch keine Mehrheit. In den drei Wochen Wahlkampf, die noch vor uns liegen, geht es um klare Verhältnisse: Wer Rot-Grün will, muss Grün wählen.

Mit Jürgen Trittin sprach Manfred Bleskin

Quelle: n-tv.de

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