Dossier

Der Drei-Schluchten-Staudamm China zahlt einen hohen Preis

Die Kosten und Risiken des Drei-Schluchten-Dammes in Zentralchina sind größer als bisher angenommen. Zur Bewältigung der Probleme durch das größte Wasserkraftwerk der Welt müssen über die nächsten zehn Jahre voraussichtlich weitere 100 Milliarden Yuan, umgerechnet elf Milliarden Euro, ausgegeben werden. Die Gefahr von Erdrutschen ist viel größer als erwartet, so dass das Reservoir nicht - wie eigentlich für die Stromproduktion geplant - komplett gefüllt werden kann. Sowohl die Verschmutzung des Wassers als auch die Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden steigen. Auch für die Umsiedlung der 1,4 Millionen Menschen, die dem gigantischen Damm am Jangtse-Strom weichen mussten, wird noch mehr Geld benötigt.

All die Langzeitfolgen listet ein Bericht der Wasserkommission des Jangtse-Stromes auf, in dessen Entwurf nach chinesischen Presseberichten die erwarteten Kosten von 98,9 Milliarden Yuan enthalten sind. Kritiker sehen ihre schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen. "Ist es angemessen, noch einmal 100 Milliarden Yuan in das Drei-Schluchten-Projekt zu stecken?", fragte die bekannte Dammgegnerin Dai Qing. "Und wird das Geld wirklich für den Damm ausgegeben?", verweist die Journalistin auf Korruptionsfälle, die auch offiziell zugegeben werden. "Wann wird das ein Ende haben?"

Erdbebengefahr steigt

Große Sorgen macht sich Dai Qing über die geologischen Probleme: Es geht nicht nur um Erdrutsche, sondern auch um Erdbeben. Die Betreiber des Dammes tun die Gefahr ab, doch schon das verheerende Beben vor einem Jahr in Sichuan mit mehr als 80.000 Toten ist nach Angaben von Wissenschaftlern möglicherweise durch den Druck der Wassermassen im großen Zipingpu-Staudamm ausgelöst worden. Die Gefahr ist besonders groß, wenn der Pegel schnell steigt oder sinkt, wie die Erfahrung mit Beben gezeigt hat, die nachweislich durch Staudämme ausgelöst wurden. "Geologische Katastrophen können vom Menschen nicht kontrolliert und nicht verhindert werden", warnte Dai Qing.

Die neuen Probleme begannen im November, als das 600 Kilometer lange Reservoir erstmals gefüllt werden sollte. Das Vorhaben musste bei 172 Metern gestoppt werden. "Eine Reihe ernster Schwierigkeiten traten auf", berichtete der Experte Fan Xiao vom Geologischen Amt der Provinz Sichuan. Einige Gebiete, die nicht überflutet werden sollten, standen plötzlich unter Wasser. Um Platz für das im Juni erwartete Hochwasser zu machen, wurde der Wasserstand seither wieder gesenkt - mit fast 30 Metern dreimal mehr als zuvor. Da die Ufer aufgeweicht waren, folgten unerwartet viele Erdrutsche. Nach amtlichen Angaben gibt es 3000 erdrutschgefährdete Stellen.

Gefahren für den Schiffsverkehr

"Der Pegel ist noch nie so stark gefallen, deshalb haben die geologischen Gefahren zugenommen", sagte der Geologe, der die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Erdbeben in Sichuan und dem Zipingpu-Damm aufgedeckt hatte. "Die ständigen Veränderungen sind fatal für ein junges Erdbebengebiet", warnte auch Kritikerin Dai Qing. In einem Reservoir werde das Wasser zwangsläufig steigen und fallen. "Der Druck verändert sich ständig, was sehr gefährlich ist." Nach dem Sommerhochwasser soll der Pegel von September an wieder auf mehr als 170 Meter angehoben werden, um die ursprünglich geplante Elektrizitätsproduktion zu erreichen. "Wenn nur an die Stromerzeugung gedacht wird, wird es negative Folgen haben", sagte Fan Xiao.

Nachdem beim bisherigen Pegelhöchststand im November schon ein Stück Ufer im Kreis Yunyang losgebrochen war, drohte vergangene Woche sogar ein ganzer Hang mit 3,6 Millionen Kubikmetern Erde in den Jangtse zu stürzen. Solche Erdmassen könnten eine fünf bis zehn Meter hohe Flutwelle über drei bis fünf Kilometer hinweg auslösen und sogar einen Teil des Schifffahrtsweges blockieren, berichtete sogar die Staatsagentur Xinhua. Jährlich passieren rund 10.000 Schiffe und rund 23.000 Passagiere den gefährdeten Abschnitt. Die Gefahr ist offenbar nur deswegen vorläufig gebannt, weil der befürchtete Regen zunächst ausgeblieben ist, wie örtliche Stellen berichten.

Quelle: n-tv.de, Andreas Landwehr, dpa

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