Dossier

"Viel Feind, viel Ehr" Das Motto von Al-Dschasira

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(Foto: REUTERS)

Von den arabischen Regierungen gehasst, vom Westen als Propagandasender der Al-Kaida-Terroristen geschmäht, feiert der arabische Fernsehsender Al-Dschasira (deutsch: Die Insel) diese Woche den 13. Jahrestag seiner Gründung und des Programmbeginns am 1. November 1996. Zeit und Muße für ausschweifende Festreden haben die Redakteure des umstrittensten Senders der arabischen Welt aber nicht. Die Journalisten in der Zentrale in Katar müssen Nachrichten sammeln, während Arbeiter im neu gestalteten Newsroom lautstark Löcher bohren und Kabel verlegen. Direkt neben ihnen sitzt in einem kleinen Büro voller Unterlagen Chefredakteur Ahmed al-Scheich.

Der weißhaarige Journalist ist ohnehin nicht in Feierstimmung. Seine Laune ist schlecht. Der tägliche Ärger mit arabischen Informationsministern, die ihn und seine Korrespondenten da draußen mit Drehverboten und bürokratischen Hürden quälen, zerrt an den Nerven des 60-jährigen Palästinensers. Dass die arabischen Regime die Al-Dschasira-Reporter oft drangsalieren, wertet er gleichzeitig aber auch als Qualitätssiegel für die Arbeit des Senders.

Sprachrohr des Terrornetzwerks Al Kaida

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Das Logo des Senders Al-Dschasira.

(Foto: REUTERS)

"Was die Pressefreiheit in den arabischen Ländern angeht, da hat sich in den letzten Jahren leider nichts zum Positiven verändert", sagt Al-Scheich. Der Libanon sei das einzige arabische Land, in dem Journalisten unbehelligt arbeiten könnten. Besonders schwierig sei die Lage in Algerien, im palästinensischen Westjordanland, in Saudi-Arabien und Tunesien - unmöglich im Irak, wo die Regierung das Büro von Al-Dschasira 2004 wegen angeblicher Aufrufe zur Gewalt gegen die US-Truppen und ihre irakischen Verbündeten schließen ließ. "Die irakische Regierung hat uns eine Liste mit Bedingungen vorgelegt, die wir unterschreiben sollen, damit wir wieder im Irak arbeiten dürfen, aber so etwas lehnen wir grundsätzlich ab", sagt Al-Scheich.

Im Westen weiß kaum jemand von den Al-Dschasira-Reportern, die bei der Arbeit getötet, von der Polizei geschlagen oder unter Terrorverdacht festgenommen wurden. Bekannt ist das verschnörkelte arabische Logo von Al-Dschasira in den USA und in Europa vor allem durch die Terroristen- und Geiselnehmervideos, die von westlichen Sendern oft als Standbilder übernommen werden. Die Tatsache, dass die Terroristen ihre Videos bevorzugt an Al-Dschasira schicken, hat dem Sender den Vorwurf eingebracht, er sei ein Abspielkanal für Propagandavideos von Al Kaida und Konsorten.

Neue Sender-Politik

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Ein am 31.07.2007 von Al-Dschasira ausgestrahltes Video zeigt den deutschen Bauingenieur Rudolf B., der in Afghanistan von den Taliban entführt wurde. (Videobild)

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wohlmöglich auch wegen dieser Kritik sieht man die Hasspredigten der Terroristen und die Videos, in denen vermummte Männer westlichen Geiseln Schusswaffen an den Kopf halten, inzwischen seltener bei Al-Dschasira als noch vor Jahren. Al-Scheich will von einer "neuen Politik des Senders" in Sachen Terror zwar nichts wissen, doch er erklärt: "Wir haben klare redaktionelle Richtlinien. Wir veröffentlichen nur Videos, die von Osama bin Laden oder von (seinem Stellvertreter) Eiman al-Sawahiri kommen. Inhalte, die zu brutal sind, senden wir gar nicht, und wenn jemand einer Geisel eine Pistole an den Kopf hält, dann zeigen wir das nur als Bild ohne Ton."

Dass die Nachrichtensendungen von Al-Dschasira fast immer mit einem Bericht über die Lage der Palästinenser in den besetzten Gebieten beginnen, ist nach den Worten von Al-Scheich keine politische Vorgabe des Emirs von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa Al-Thani, der den Sender finanziert, sondern, "das, was unser Publikum sehen will". Wichtigster Konkurrent von Al-Dschasira ist der in Dubai beheimatete Nachrichtensender Al-Arabija, der 2003 von saudischen Investoren ins Leben gerufen worden war. Viel weniger Zuschauer hat dagegen der arabischsprachige US-Sender Al-Hurra, der unter Präsident George W. Bush 2004 als Antwort auf die "hasserfüllte Propaganda" von Al-Dschasira gegründet worden war.

Al-Dschasira geht die Großen an

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Al-Dschasira English ist der englischsprachige Schwestersender des arabischsprachigen TV-Senders Al-Dschasira.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch am Firmensitz von Al-Dschasira in der katarischen Hauptstadt Doha wurde in den vergangenen Jahren expandiert. Mehrere Sportkanäle kamen hinzu, der auf Live-Übertragungen spezialisierte Sender Al-Dschasira Mubaschir, ein Kinderkanal und 2006 Al-Dschasira English, ein englischsprachiger Nachrichtenprogramm, das der britischen BBC und US-Nachrichtensendern wie CNN Konkurrenz machen will.

Nur eine Auffahrt, etwas Rasen und eine einsame Palme liegen auf dem Firmengelände von Al-Dschasira zwischen der arabischen Nachrichtenredaktion und dem modernen Studio der englischen Redaktion. Doch bis auf den Geldgeber und das verschnörkelte Logo haben die beiden Kanäle nicht allzu viele Gemeinsamkeiten. Viele der britischen Redakteure, die bei Al-Dschasira English arbeiten, können mit dem politischen Sendungsbewusstsein ihrer Kollegen auf der anderen Seite der Auffahrt nichts anfangen. Die arabischen Redakteure sind ihrerseits oft enttäuscht, weil ihnen der Blickwinkel der englischen Nachrichtensendungen "nicht arabisch genug ist".

Quelle: n-tv.de, Anne-Beatrice Clasmann, dpa