Dossier

Stasi-Fall Kurras Der Mord an Benno Ohnesorg

Trotz der weitreichenden Folgen für die Geschichte der Bundesrepublik sind die genauen Umstände des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg bis heute ungeklärt.

2k941617.jpgTrotz der weitreichenden Folgen für die Geschichte der Bundesrepublik sind die genauen Umstände des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg bis heute ungeklärt. Fest steht, dass der Zivilpolizist Karl-Heinz Kurras den 26 Jahre alten Studenten am Abend des 2. Juni 1967 im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 aus wenigen Metern Entfernung in den Hinterkopf traf. Fest steht auch, dass Kurras in mehreren Instanzen freigesprochen wurde.

Die erste Version der Polizei für die Todesumstände lautete Schädelbasisbruch, dann Querschläger und schließlich Notwehr. "Ich bin umringt worden, von allen Seiten umringt", sagte Kurras 1967. Belegen ließ sich das nie. Kritiker warfen den Behörden später vor, Ermittlungsergebnisse manipuliert zu haben.

Der Bundesgerichtshof kassierte 1968 einen ersten Freispruch für Kurras, weil das Tonband eines Rundfunkreporters als Beweismittel in der Verhandlung gefehlt hatte. 1970 bestätigte das West-Berliner Landgericht jedoch das erste Urteil. Kurras' Behauptung, er sei umringt, bedrängt und misshandelt worden, habe sich nicht widerlegen lassen. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass der Polizist den Todesschuss in starkem, durch Schreck und Angst verursachtem Affekt abgegeben habe. Eine Fahrlässigkeit lasse sich nicht eindeutig beweisen. Kurras' Unschuld wurde allerdings nie eindeutig bewiesen.

Radikalisierung der Proteste

Kurras ging 1987 in Pension. Der mittlerweile 81-jährige lebt heute in Berlin-Spandau. Seine Tat veränderte die Republik. Die Studentenbewegung radikalisierte sich, die zuvor auf Berlin beschränkten Proteste weiteten sich schnell auf  Westdeutschland aus. Der linke Liedermacher Franz-Josef Degenhardt dichtete 1968 in seinem Lied "2. Juni 1967": "Warum, verdammt, seit ihr nicht aufgewacht, bevor die Kugeln trafen. Jetzt denkt an Deutschland in der Nacht, und sagt, wer kann noch ruhig schlafen?"

Ausgerechnet dieser Kurras war nach am Donnerstag bekanntgewordenen Erkenntnissen der Birthler-Behörde seit Mitte der 1950er Jahre Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit (Stasi) und SED-Mitglied. Die beiden Mitarbeiter der Birthler-Behörde, die Kurras' Akte gefunden haben, betonen, dass es keine Hinweise gebe, dass dieser im Auftrag der Stasi geschossen habe. Im Gegenteil: Nach dem Juni 1967 wurde Kurras offenbar als IM abgeschaltet. Zudem habe die Stasi am 8. und 9. Juni 1967 geprüft, ob Kurras Doppelagent gewesen sei.

Geschichte umschreiben?

Die publizistischen Erben der Gegenspieler von einst bewerten die Enthüllungen sehr unterschiedlich. Die linksalternative "taz" schreibt: "Muss wegen des Aktenfundes jetzt die Geschichte des 2. Juni 1967 neu geschrieben werden? Das, so die Antwort, ist absoluter Unsinn, denn die Tat von Kurras ist und bleibt Ausdruck des zur Hysterie gesteigerten Hasses auf die Studentenbewegung, der in Teilen der Westberliner Bevölkerung und im Westberliner Polizeiapparat grassierte." Gerade in Westberlin habe die Studentenbewegung "keiner Nachhilfe in ihrer kritischen Haltung zum Herrschaftssystem in der DDR" bedurft. "Mangelnde Wachsamkeit, gar Leichtgläubigkeit kann ihnen hier nicht vorgeworfen werden."

AP670605081.jpgDie "Welt" meint zwar auch, dass die Geschichte von 1968 nicht umgeschrieben werden muss. Dennoch schreibt sie: "Plötzlich erscheint der Mord an Benno Ohnesorg am 2.Juni 1967 in einem anderen Licht, weil der Mörder, der Polizist Karl-Heinz Kurras, ein Mitarbeiter der Staatssicherheit war. (...) Das Loblied der Altachtundsechziger auf den eigenen Kampf wird künftig wohl bescheidener erklingen und wenn nicht, dann bei den jüngeren Generationen wie Landsererinnerungen belächelt werden." Zugleich schreibt die zum Springer-Verlag gehörende Zeitung: "Selbst wenn ein Student wie Ohnesorg im Auftrag der Stasi und nicht durch einen Vertreter des angeblich autoritären Polizeistaates ermordet worden, oder sogar kein einziger Mensch zu Tode gekommen wäre, so hätte die revolutionäre Hysterie der Studenten einen Anlass gefunden, sich zu entladen. Achtundsechzig brauchte keinen Ohnesorg."

Quelle: n-tv.de, dpa/hvo