Dossier

Schweizer Last Deutsche haben es nicht leicht

Deutsche haben es in der Schweiz derzeit nicht ganz leicht. Auch wenn es immer eine gewisse Distanz zu dem großen Nachbarn aus dem Norden bei den Eidgenossen gegeben hat, so hat Finanzminister Peer Steinbrück mit seinen kraftvollen Worten über Steueroasen dafür gesorgt, dass Menschen und Medien in der Schweiz seit Wochen ziemlich erregt sind. Die Stimmung der unmittelbaren Nachbarn an der Grenze ist dabei jedoch eher entspannt.

Wollte Steinbrück zunächst erst die Kavallerie losschicken, um Steuersünder zur Räson zu bringen, so befeuerte er die gereizte Stimmung mit der Gleichsetzung von Österreich und der Schweiz mit dem berühmten "Ouagadougou" kürzlich erneut. Kritisch wird deshalb in der Alpenrepublik derzeit alles beäugt, was hochdeutsch ist. "Es reicht ja wohl, wenn man bei Arzt, im Restaurant, im Tram, in der Uni, im Museum, beim Fitness, am Gericht usw. auf Hochdeutsch angesprochen wird", polterte ein erzürnter Schweizer als Reaktion auf einen Artikel in der Online-Ausgabe der "Basler Zeitung". Darin wird ausführlich gedeutet, warum deutsche Moderatoren im Schweizer Fernsehen oder Radio unerwünscht sind. Erinnert wird dabei an das Schicksal der jungen Moderatorin Katrin Wilde, die 2007 - also vor Steinbrück - als Moderatorin einer Morgenshow beim Zürcher Privatradio "Energy Züri" gescheitert war. Sie wurde permanent wegen ihres Hochdeutschs beschimpft, ihr Auto wurde demoliert, und nach drei Monaten flüchtete Wilde entnervt zurück nach Saarbrücken.

Rein politische Angelegenheit

Bei den unmittelbaren Nachbarn im baden-württembergisch-schweizerischen Grenzraum geht es trotz manch medialer Aufgeregtheit dagegen wesentlich gelassener zu. "Wir merken von irgendwelchen Animositäten gar nichts", sagt Peter Herrmann, der das Shoppingcenter Lago in Konstanz leitet - es hat zu einem Drittel Schweizer Kunden. "Das ist eine rein politische Angelegenheit." Ähnlich sieht es die Wirtin des Lokals "Zur Schweizer Grenze" direkt an einem der Grenzübergänge in Konstanz. Ihre Schweizer Gäste kämen unverändert gern.

Etwas angefasster reagierte dagegen die zahlreiche Schweizer Kundschaft des Spitzenrestaurants "Adler" in Weil am Rhein, deren Chef Hansjörg Wöhrle nach den ersten Steinbrück-Bemerkungen zusammen mit Kollegen in Basler Medien Entschuldigungsanzeigen aufgab. Die Schweizer Gäste würden dennoch weniger, sagt Wöhrle. Aber er will nicht ausschließen, dass dies vor allem Folge der Wirtschaftskrise sei.

Problematisierung der Deutschen

Der Zürcher Soziologe Kurt Imhof macht die Reserviertheit gegenüber Deutschen allerdings nicht an Steinbrück fest. So habe es etwa ab dem Jahr 2000 eine Trendwende bei der Einwanderung in der Schweiz gegeben. Denn damals lösten gut ausgebildete Einwanderer aus dem Norden - vor allem Deutschland - diejenigen aus Südeuropa mit niedrigeren Bildungsabschlüssen ab, die die Schweizer bis dato gewohnt waren. Dadurch sei plötzlich eine Konkurrenzsituation entstanden. "Dieses Phänomen wird von den Medien und seit 2007 auch von politischen Akteuren eifrig bewirtschaftet und führt zu einer Problematisierung der Deutschen", sagt Imhof. Immerhin leben heute 250.000 Deutsche in der Schweiz, in Zürich stellen sie die größte Ausländergruppe.

Vor drei Jahren führte das Schweizer Fernsehen sogar die Mundartpflicht für seine meistbeachtete Sendung, den Wetterbericht "Meteo", ein. Derzeit wird in der Schweiz ein Einwanderungsstopp für EU-Ausländer und damit auch für Deutsche diskutiert. Grund seien die steigenden Arbeitslosenzahlen im Land, betont die Regierung. "Reine Symbolpolitik, um die wallenden Gemüter zu beruhigen", findet dagegen die sozialdemokratische Politikerin Ursula Wyss. Welche Blüten die Ausländerdiskussion derzeit treibt, zeigt das Beispiel der Parlamentarierin Anita Fetz aus Basel. Sie schlägt vor, dass Menschen ihre ausländischen Namen helvetisieren könnten. Aus Krasniqi würde dann Krasner werden, aus Radulovic Radler. Diese Idee scheint sich zumindest nicht gegen die Deutschen in der Schweiz zu richten.

Quelle: ntv.de, Frank Heidmann, dpa