Politik
Schutzanzug mit Ritterkreuz: So stellte sich Anders Breivik selbst dar.
Schutzanzug mit Ritterkreuz: So stellte sich Anders Breivik selbst dar.(Foto: dpa)
Montag, 25. Juli 2011

Das Profil eines Massenmörders: Eine Annäherung an Anders Breivik

von Christian Bartlau

76 Menschen hat Anders Behring Breivik auf dem Gewissen. Dutzende erschoss er kaltblütig. Er selbst bezeichnet seine Taten als "grausam, aber notwendig", rechtfertigt sie in einem bizarren 1500-Seiten-Manifest. Steckt hinter den Attentaten politisches Kalkül oder krankhafter Wahn?

Der Täter hat Spuren hinterlassen. Viele sogar. Es gibt nur wenige Täter, die ein so umfassendes Bild von sich hinterlassen wie Anders Behring Breivik. Doch welche Spur führt auf die richtige Fährte auf der Suche nach dem Motiv für den 76-fachen Mord von Oslo und Utoya? Es gibt zwei Möglichkeiten, sich dem Menschen Anders Breivik und seiner Tat zu nähern. Entweder er erscheint als Terrorist, der aus politischen Gründen ein großangelegtes Attentat plante und durchführte. Oder als Amokläufer, der sich aus krankhaften Motiven in einen Tötungswahn hineinsteigerte.

Eine Ideologie aus Hass und Wahn

Als "höflichen, vielleicht allzu höflichen Mann" beschrieben die Nachbarn den angeblichen Bio-Bauern. Als zuvorkommend und tatkräftig habe er Breivik empfunden, gab ein Arbeitskollege zu Protokoll. Kein Wunder, dass der 32-Jährige unter dem Radar der Polizei flog.

Das Facebook-Profil von Breivik.
Das Facebook-Profil von Breivik.(Foto: dapd)

Dort, wo er etwas von sich preisgab, fiel er nicht weiter auf. Glaubt man dem Bild, das der 32-Jährige im Internet von sich entwarf, war er ein unscheinbarer Mensch. Ein Mitglied bei Facebook, wie fast 600 Millionen andere Internetnutzer auch. Seinen virtuellen Freunden empfahl er regelmäßig Videos mit Trance-Musik. Sein Auftritt auf der Internetplattform ist unspektakulär. Er ordnete sich selbst als christlichen Konservativen ein, der sich für politische Analysen interessiert.

Im Internet lebte er dieses Hobby unter anderem im Forum der Seite "Document.no" aus, einem Tummelplatz für rechtspopulistische und antiislamische Blogger und Kommentatoren. Nach dem Doppelattentat veröffentlichten die Betreiber seine Beiträge. Er schrieb über den Kulturkampf gegen den Islamismus, wetterte über den angeblichen "Kulturmarxismus" und die "multikulturelle Propaganda".

Die Ideologie der Rechspopulisten findet auch in Deutschland Verbreitung - "Pro Köln" ist nur ein Beispiel.
Die Ideologie der Rechspopulisten findet auch in Deutschland Verbreitung - "Pro Köln" ist nur ein Beispiel.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Breivik, das kann man aus diesen Kommentaren ablesen, verfügt über ein geschlossenes Weltbild. Es speist sich aus rechtsradikalen und christlich-orthodoxen Ideen und richtet sich gegen Linke, Muslime und die angeblich gleichgeschalteten Medien. Es sind Positionen, die in der europäischen Rechten hoffähig sind. Auf der deutschen Internetseite "Politically Incorrect" - ein Sammelbecken für rechtspopulistische und antiislamische Kräfte – schreibt ein Kommentator, Anders Breivig hätten die Themen zu seiner Tat bewegt, die auch für "Politically Incorrect" im Mittelpunkt des Interesses stehen: "(…) Die Sorge vor einer schleichenden Islamisierung, die zunehmende Gesinnungsdiktatur aus dem politisch linken Lager, der Werte- und Identitätsverlust europäischer Völker (…)." Die Rechtspopulisten in Norwegen gehen mit genau diesen Themen auf Wählerfang – mit Erfolg: 2009 erhielten sie 22,9 Prozent der Wählerstimmen. Breivik trat als 16-Jähriger in die Partei ein, verließ sie aber, weil er "den demokratischen Kampf gegen die Islamisierung" als verloren ansah.

Aus den Versatzstücken der rechtspopulistischen Ideologie und eines christlichen Fundamentalismus bastelte Breivik sein "Manifest zur Befreiung Europas". Neun Jahre lang will er an dem Pamphlet, das er kurz vor dem Attentat an seine Facebook-Freunde versandt hatte, gearbeitet haben. Auf über 1500 Seiten breitete er seine Gedankenwelt aus und propagiert Gewalt als Mittel gegen die "kulturelle Hegemonie der marxistischen/multikulturellen Medien": "Wir haben  dem Frieden eine Chance gegeben. Jetzt ist die Zeit für bewaffneten Widerstand gekommen." Er empfiehlt gezielte Anschläge gegen "Agenten des Kulturmarxismus" – Politiker, Professoren, Journalisten. Sogar den Einsatz von Massenvernichtungswaffen hält er für angebracht. Hätte man sich vor dem 22. Juli durch seine Traktate gequält, man hätte Breivik für einen völlig übergeschnappten Maulhelden gehalten.

Einmal ein Held sein

Breivik aber entschied sich, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Minutiös beschreibt er in einer Art Tagebuch die Vorbereitungen auf das Blutbad, das er in Oslo und Utoya anrichtete. Im Nachhinein werfen die Aufzeichnungen die Frage auf, wie sein Wahnsinn unerkannt bleiben konnte. Law-and-Order-Politiker nehmen das zum Anlass, alte Forderungen aufzuwärmen. Der innenpolitische Sprecher der Union, Hans-Peter Uhl, verlangt die Einführung der Vorratsdatenspeicherung – die Norwegen längst anwendet. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann empfiehlt eine stärkere Beobachtung des Internets: "Man muss nicht jeden wirren Eintrag gleich für ein Attentat halten", meinte der CSU-Politiker im Deutschlandfunk. "Aber wir müssen manche Leute, die wirklich böse Drohungen ausstoßen, auch vielleicht noch ernster nehmen, als wir das bisher getan haben." Wer Anders Breiviks Facebook-Profil ernst nimmt, muss ihn für einen leidenschaftlichen Spieler von World of Warcraft halten, des harmlosen Rollenspiels, das anders als in vielen Medien behauptet kein "Killerspiel" ist. Die Reaktionen von Uhl und Hermann illustrieren die kollektive Hilflosigkeit - die Frage, was den 76-fachen Mörder von den anderen Millionen Computerspielern unterscheidet, die ihre Zeit mit World of Warcraft verdaddeln, sie wird sich durch Breiviks Äußerungen im Internet kaum beantworten lassen.

Ein Konvoi fährt Breivik zur Vernehmung.
Ein Konvoi fährt Breivik zur Vernehmung.(Foto: REUTERS)

Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer vermutet im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, dass Anders Breivik als Held und Retter in die Geschichte eingehen wollte. "Heldenmythen haben schon immer eine große Anziehungskraft auf junge Männer ausgeübt." Tatsächlich begegnet man solchen Anwandlungen Breiviks – er fantasierte sich in die Rolle eines Kreuzritters hinein, der Europa vor dem Islam schützte. Nach dem Blutbad erklärte er der Polizei, seine Taten seien "grausam, aber notwendig".

Das fehlende Mitleid sei typisch, erklärt Schmidbauer. Bei den Planungen zu einer Bluttat legten die Menschen ihre Empathie ab – ihre Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. "Diese Empathie entwickelt sich in der Kindheit. Diese Täter kommen fast immer aus zerbrochenen Familien und hatten oft Eltern, die mit ihrem Streit so beschäftigt waren, dass sie keine Möglichkeit hatten, sich in das Kind einzufühlen." Es fehle meist an einem Vater als Vorbildfigur.

Es gibt in Breiviks "Manifest" eine längere Passage zu seiner Kindheit. "Keine negativen Erfahrungen" habe er gemacht, wenn überhaupt, habe er "zu viel Freiheit bekommen". Ohne erkennbaren Groll schreibt er, dass er keinen Kontakt zu seinem leiblichen Vater habe, und schildert sein Aufwachsen mit seiner Mutter und seinen Stiefvätern. Es ist eine Patchwork-Biographie, wie sie Hunderttausende erzählen könnten.

Die Rest-Unsicherheit

Die Spurensuche nach den Hintergründen der blutigen Tat am 22. Juli wird weitergehen. Das Gericht in Oslo hat einen Gutachter bestellt, der den Gesundheitszustand von Breivik beurteilen soll. Angesichts der unfassbaren Brutalität, mit der Breivik Dutzende Jugendliche aus nächster Nähe erschossen hat, liegt der Gedanke nahe, dass der 32-Jährige schlicht krank ist.

Zeugen berichteten, dass Breivik in seinem Blutrausch laut gejubelt habe. Mit normalen Maßstäben ist so ein Verhalten nicht zu erklären. Psychoanalytiker Schmidbauer meint, Attentäter "schalten innerlich um". Doch Breivik schaltet nicht zurück. Er zeigt keine Spur von Reue, wollte seinen Blutrausch stattdessen öffentlich rechtfertigen. Es ist ein unerträgliches Gebaren für die Angehörigen der Opfer, doch sie müssen sich genau wie diejenigen, die jetzt nach mehr Sicherheit schreien, damit abfinden, dass es keinen Schutz vor dem Wahnsinn gibt.

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Quelle: n-tv.de