Dossier

Der Auschwitz-Prozess in Zeiten der Verdrängung "Eine peinliche Erinnerung"

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Der Angeklagte Oswald Kaduk, von dem ein Zeuge sagte: "Er war fast immer betrunken, auf der Suche nach Schnaps und schlug, erschlug, erdrosselte und erschoss Häftlinge."

(Foto: dpa)

Es war der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte. 22 SS-Ärzte, Gestapo-Männer und Blockführer standen ab dem 20. Dezember 1963 wegen ihrer Verbrechen in Auschwitz vor Gericht. Die Herausforderungen waren gewaltig, die Erwartungen auch. Zu gewaltig, meint der US-amerikanische Historiker Devin O. Pendas im Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Warum kam der Auschwitz-Prozess erst so spät, 18 Jahre nach dem Krieg?

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Auschwitz war das größte deutsche Vernichtungslager. Rund 1, 1 Millionen Menschen wurden hier ermordet.

(Foto: AP)

Devin O. Pendas: Nach dem Krieg gab es unter deutschen Richtern und Staatsanwälten einen ziemlich großen Widerwillen gegen NS-Prozesse. Die meisten hatten schon während des Dritten Reichs als Juristen gearbeitet. Nur wenige Richter waren entnazifiziert und wer in den 1940er Jahren aus dem Dienst entlassen worden war, war wenig später meist schon wieder in Amt und Würden. Diejenigen Juristen, die einem NS-Verfahren gegenüber aufgeschlossen waren, bildeten nur eine kleine Minderheit und konnten sich nicht durchsetzen.

War das der einzige Grund?

Nein, hinzu kamen praktische Schwierigkeiten: Bis 1958 die Zentrale Stelle zu Aufklärung von NS-Verbrechen gegründet wurde, existierte keine zentrale Ermittlungsbehörde für NS-Verbrechen. Ohne so eine systematische Untersuchung ist es sehr schwer, einen solchen Prozess in Gang zu bringen. Die Anklagen stammten, wie auch beim Auschwitz-Prozess, fast immer aus der Bevölkerung. So schrieb Adolf Rögner, ein verurteilter Betrüger, der im Gefängnis saß, 1958 an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, dass er einen gewissen Herrn Boger kenne, der in der Nähe wohne und viele Verbrechen begangen habe.

Das Verfahren wurde dann aber nicht nur gegen den SS-Oberscharführer Wilhelm Boger geführt, sondern entwickelte sich zum größten Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte.

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Blick auf die Angeklagten und ihre Anwälte im Frankfurter Auschwitz-Prozess: Hinten links der Angeklagte Viktor Capesius, hinten rechts Wilhelm Boger.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es fing in Stuttgart mit der Untersuchung gegen Boger an, dann ist es später nach Frankfurt gewandert, weil der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer Unterlagen aus Auschwitz besaß. Bauer trieb voran, dass es nicht nur viele kleine Prozesse gegen ein oder zwei Angeklagte gab, sondern einen großen. Darin sah er pädagogische und juristische Vorteile: Auf der einen Seite könnte ein solches Verfahren als Lehrstück deutscher Geschichte dienen. Auf der anderen Seite sollte ein großer Prozess das juristische Problem lösen, dass in einzelnen Verfahren der Angeklagte immer sagen kann: "Das war ich nicht, das war der X." Und X ist selbstverständlich nicht im Raum. Strengt man dann einen Prozess gegen X an, sagt der: "Das war ich nicht, das war der Z." Wenn man alle Angeklagten zusammen vor Gericht stellt, sind solche Strategien schwieriger.

Welche Schwierigkeiten kamen dann konkret auf die Juristen im Auschwitz-Prozess zu?

Der Prozess war eine gigantische Aufgabe. Am Anfang ermittelten die Behörden gegen Hunderte Angeklagte. Dabei stießen sie immer wieder auf große praktische Probleme. So besaßen die Ermittler noch nicht einmal einen Lageplan von Auschwitz. Den mussten sie sich erst vom Internationalen Auschwitz Komitee besorgen. Dann hatten sie große Schwierigkeiten, Zeugen zu finden. Das ging nur mit Hilfe der Überlebenden-Verbände. Die Staatsanwälte, die direkt an dem Prozess teilnahmen, besaßen anfangs auch kaum Fachkenntnisse. Sie waren normale Staatsanwälte, die sich um Diebstahl oder ähnliche Delikte kümmerten. Und dann war die historische Forschung auch noch nicht so weit, es gab gerade mal zwei Bücher auf Englisch zur sogenannten Endlösung der Judenfrage.

Wie reagierte denn die deutsche Öffentlichkeit auf die Anklage?

Zwiespältig. Damalige Umfragen zeigen, dass viele Deutsche dem Prozess sehr skeptisch, sogar feindselig gegenüberstanden. Sie waren der Ansicht: "Das ist Nestbeschmutzung, das soll nicht so weitergehen." Es gab aber auch viele Deutsche, die von dem Prozess sehr beeindruckt waren. Zu ihnen gehörten meistens jüngere Leute oder Vertreter der Linken. Ein großer Teil der Deutschen war aber auch schlichtweg desinteressiert.

Wollten sie die Nazi-Zeit weiter verdrängen?

Ich denke schon. In den frühen Nachkriegsjahrzehnten bis in die 60er Jahre hatten viele das Dritte Reich persönlich erlebt. Nicht wenige waren selber Nationalsozialisten gewesen, und für diejenigen, die es nicht waren, war die Nazi-Zeit eine peinliche Erinnerung. Sie wollten nicht darüber reden. Sie wollten einen Neubeginn machen. Und sie dachten, dass dabei die kritische Auseinandersetzung nicht sehr hilfreich wäre.

War denn auch das Gefühl sehr verbreitet, dass die Falschen vor Gericht standen?

Aus der DDR hörte man das. Hier wollte man Hans Globke (den Verfasser der Nürnberger Rassegesetze und Chef des Bundeskanzleramtes unter Kanzler Konrad Adenauer; Anmerkung der Redaktion) vor Gericht sehen oder die IG Farben, die von der Ausbeutung der Auschwitz-Häftlinge profitiert hatte. Die Überlebenden-Organisationen waren eigentlich ziemlich zufrieden mit den Leuten, die in Frankfurt auf der Anklagebank saßen. Schließlich waren das die direkten Täter, diejenigen, die die Opfer gequält hatten.

Fürchtete die Bundesregierung auch eine Art Nestbeschmutzung und Ansehensverlust?

Die Bundesregierung wollte im Prinzip eher die Ära der NS-Prozesse zu Ende bringen. Allerdings war sie an dem Auschwitz-Prozess ziemlich interessiert und unterstützte ihn, besonders was die Besichtigung des Gerichts vor Ort in Auschwitz betraf. Sie erhoffte sich, dass der Prozess das Ansehen Deutschlands im Ausland verbessern könne.

Tat er das?

Ja. Die amerikanische, französische und sogar die israelische Presse war meist ziemlich positiv. Allerdings bestand auch kein so großes Interesse an dem Verfahren. Die Welt befand sich mitten im Kalten Krieg, und den USA war es wichtig, Deutschland als Bündnispartner anzusehen. Wenn Amerikaner damals an Deutschland dachten, dann immer an den D-Day und den "anständigen deutschen Gegner." Mit der Judenvernichtung wollten sie sich nicht so sehr auseinandersetzen.

Der Prozess wurden später von einigen Beobachtern stark kritisiert. Aussagen von Zeugen, die zu viele Emotionen zeigten, wurden nicht berücksichtigt, die Urteile fielen vergleichsweise mild aus, einige Angeklagte wurden sogar freigesprochen. Woran lag das?

Das Problem des Prozesses war, dass es fast nur Zeugenaussagen als Beweise gab. Dabei lagen die Vorfälle rund 20 Jahre zurück, und man braucht aus richterlicher Perspektive ganz präzise Aussagen zu Detailfragen. Das ist natürlich sehr, sehr schwierig. Im deutschem Rechtssystem ist es normal, dass man nüchternen Zeugen eher glaubt als emotionalen. Eine andere Schwierigkeit im Prozess war, dass die genauen Motive der Täter bewiesen werden mussten, um deren Täterschaft und Mord zu beweisen. Nach deutschem Recht gilt man eher als Täter, wenn man aus niedrigen Beweggründen handelt. Das heißt aber, dass die innere Einstellung der Angeklagten nachgewiesen werden muss. Und das ist schwierig. Kein Zeuge weiß, was im Kopf eines anderen vorgeht.

Taugt das Strafrecht überhaupt dazu, einen staatlich organisierten Massenmord zu ahnden?

Jedes Strafrechtsystem hat in so einem Fall große Schwierigkeiten, weil es immer nach der individuellen Tätigkeit und Schuld fragt. Für das deutsche Strafrecht ist es aber noch schwieriger wegen des Subjektivismus. Es muss nicht nur bewiesen werden, dass jemand etwas getan hat, sondern auch aus welchen Gründen. Und das ist fast unbeweisbar.

Was hat der Auschwitz-Prozess denn schließlich gebracht?

Der Prozess hat alles getan, was möglich war. Er war fair, er hat nach seiner Art der Gerechtigkeit gedient. Und er war ein Schritt für die Bundesrepublik auf dem langen Weg hin zu einer erfolgreichen Demokratie. Das Verfahren hätte sich vielleicht noch mehr mit den Verbrechen der IG-Farben auseinandersetzen können. Doch insgesamt war der Prozess keine Katastrophe oder ein Misserfolg. Das Problem war nur, dass er nicht mehr tun konnte und nicht das Gesamtgeschehen des Dritten Reichs vor Gericht stellen konnte. Mancher aber hatte genau das gehofft oder wollte, wie Fritz Bauer, daraus ein großes Lehrstück für die Geschichte machen.

Hat denn der Prozess geholfen, bestimmte Mythen zu zerstören?

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Devin O-Pendas ist Geschichtsprofessor am Boston College und Autor des Buches "Der Auschwitz-Prozess", das gerade im Siedler-Verlag erschien.

(Foto: Devin O.Pendas)

Das schon. So hat der Prozess mit dem Mythos aufgeräumt, dass die Waffen-SS an den Vernichtungen nicht teilgenommen hat oder dass für sie ein Befehlsnotstand galt. Allerdings haben diejenigen Deutschen, die an diesen Mythen hingen, auch durch den Prozess ihre Meinung nicht geändert. Die ehemaligen SS-Männer zum Beispiel, die die "Deutsche Nationalzeitung" lasen, blieben bei ihren Vorstellungen.

Hat der Prozess gezeigt, dass es einen speziellen Tätertypus gab, der in Auschwitz seinen Dienst leistete?

Nein, eigentlich hat der Prozess klargemacht, dass jeder Täter seine eigenen Motive hatte, dass jeder Täter anders war. Manche waren Ideologen, manche Sadisten, manche Opportunisten, manche Befehlsempfänger. Aber zusammen haben sie alle zur Vernichtung der Juden beigetragen.

Welche langfristigen Folgen hatte der Auschwitz-Prozesses?

Sicher hat der Prozess geholfen, Auschwitz als Metapher für das Böse zu verbreiten. Aber ob er beispielsweise etwa eine große Rolle bei der Entstehung der Studentenbewegung Ende der 60er Jahre gespielt hat, kann ich nicht sagen. Wie will man so etwas beweisen?

Was sehen Sie als die größte Lehre aus dem Verfahren?

Zum einen ist es wichtig zu versuchen, der Gerechtigkeit gegenüber der eigenen Geschichte zu dienen. Zum anderen sollte man aber nicht zu große Hoffnungen in solche Prozesse setzen. Wenn man erwartet, dass diese nicht nur Recht sprechen, sondern auch eine Umwandlung der ganzen Kultur bringen, dann wird man enttäuscht, wie man es derzeit in Südamerika, Ruanda oder Kambodscha sieht und wie es auch beim Internationalen Strafgerichtshof der Fall sein wird. Man erwartet noch immer, dass Gerichte irgendwie alles besser machen. Nicht nur der Gerechtigkeit dienen oder Recht sprechen, sondern auch eine neue politische Kultur schaffen, eine neue Politik herbeiführen und die Opfer erlösen - doch in so einem Fall wird das Recht überfordert.

Mit Devin O. Pendas sprach Gudula Hörr

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Quelle: n-tv.de

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