Dossier

Praktizierter Frieden in Afghanistan "Es geht um die Menschen"

Seit 20 Jahren widmet sich Karla Schefter den Menschen in Afghanistan. Ob Taliban-Kämpfer oder Bauernkind, für die Dortmunder Krankenschwester zählt jeder.

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Karla Schefter reist seit 20 Jahren nach Afghanistan.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Koffer gepackt, der Flug gebucht - die Zeichen für Karla Schefter stehen mal wieder auf Abschied aus Deutschland. Bald fliegt die 67-Jährige wieder nach Afghanistan. Seit 20 Jahren kümmert sich die Krankenschwester aus Dortmund um das Chak-e-Wardak-Hospital südwestlich von Kabul. Seit 1989 pendelt sie zwischen Deutschland und dem Land am Hindukusch.

Drei Monate im Jahr lebt sie in Deutschland, zumeist in Dortmund, und wirbt um Spendengelder. "90 Prozent der laufenden Kosten finanzieren sich durch Spenden", sagt die grauhaarige Frau mit der großen Brille. Ruhig und konzentriert sitzt sie in ihrer Dortmunder Wohnung und erzählt. Als das Telefon klingelt, schreibt die engagierte Helferin einen weiteren Termin in ihr abgewetztes Notizbuch, das vor Erinnerungen an Termine und Treffen überquillt. "Während ich in Deutschland bin, geht es natürlich viel um das Krankenhaus-Projekt. Mein altes Leben vergesse ich trotzdem nicht", erzählt sie.

Fernweh zog sie nach Afghanistan

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In geduldiger und hartnäckiger Arbeit hat Karla Schefter ein Krankenhaus aufgebaut (undatiertes Privatfoto).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Mit dem "alten Leben" meint die gebürtige Ostpreußin die Zeit, bevor sie 1989 mit einem mobilen Erste-Hilfe-Kommando nach Afghanistan reiste, um dort ein Krankenhaus aufzubauen. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester 1962 und einigen Auslandsaufenthalten übernahm sie mit 24 Jahren die Leitung der OP-Schwestern in den Städtischen Kliniken Dortmund. Später stieg sie zur Pflegedienstleitung auf und beteiligte sich am Aufbau des Herzchirurgischen Zentrums. Dann meldete sich ihr Fernweh.

Als das Angebot kam, nach Afghanistan zu gehen, zögerte sie nicht. Aus zunächst einem Jahr sind mittlerweile zwei Jahrzehnte geworden - trotz einer Beinahe-Entführung, eines Raketenangriffs und dem permanenten Kriegszustand. "Die Sowjets waren gerade abgezogen und es herrschte Bürgerkrieg. Die Menschen brauchten Hilfe. Für mich zählt der Mensch, egal ob Taliban-Kämpfer oder Bauernkind."

Lückenlose Versorgung

Die Zustände in Afghanistan waren katastrophal, das Land zerstört durch Krieg und Kriminalität. Besonders die Korruption erschwerte den Bau des Krankenhauses. Mehrere Male stand das Projekt kurz vor dem finanziellen Aus. Doch Schefter gab nicht auf. Heute kann das Chak-e-Wardak-Hospital eine fast lückenlose medizinische Versorgung anbieten: mit Operationssaal, Funktionsdiagnostik, Gynäkologie und Zahnmedizin.

Seit 1993 leitet Schefter die Klinik. Ihre rund 65 Mitarbeiter betreuen im Jahr über 75.000 Patienten. Sie ist stolz, dass es mittlerweile so viele sind. "Das ist das Ergebnis von 20 Jahren harter Arbeit und viel Hartnäckigkeit." 70 Prozent sind Frauen und Kinder. "Es war und ist über lange Jahre die einzige medizinische Einrichtung dieser Qualität, an die sich Bewohner dieser und umliegender Provinzen wenden konnten - und das unter zum Teil widrigsten Bedingungen und mit hohem persönlichen Risiko", sagt der Afghanistan-Experte und Co-Direktor des "Afghanistan Analysts Network" (AAN), Thomas Ruttig.

Bundesverdienstkreuz 1. Klasse

Ihr Einsatz wurde schon oft honoriert: 2004 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Schefter habe einen hohen Preis für ihr Engagement zahlen müssen, hieß es in der Begründung. "Sie tauschte die alltäglichen Annehmlichkeiten eines Lebens in Deutschland gegen ein Leben in einem zerstörten Land mit einer fremden Kultur, einer strengen Religion, mit Kriegsgefahr, Armut und weitgehender Abgeschlossenheit."

Auch Ruttig würdigt Karla Schefters Arbeit: "Das von Frau Schefter aufgebaute und geleitete Krankenhaus in Chak ist nicht nur herausragend für die Provinz Wardak, sondern für ganz Afghanistan." Seiner Ansicht nach ist besonders die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung vorbildlich. Die Ausbildung von weiblichem medizinischen Personals während der Taliban-Zeit sei geradezu "revolutionär".

Trotz der Erfolge: Die Angst vor Terror und Entführungen begleitet Schefter jeden Tag, den sie in ihrem Krankenhaus verbringt. Viele Menschen raten ihr immer wieder davon ab, nach Afghanistan zurückzukehren. Doch die Entwicklungshelferin widerspricht: "Es geht um die Menschen. Was wir dort machen, ist praktizierter Frieden. Und zwar auf lange Sicht - ohne aufzuhören. Ich kann die Menschen in Afghanistan nicht im Stich lassen und werde zurückkehren, so oft es geht."

Quelle: ntv.de, Michael Peters, dpa

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