Dossier

Rainer Winzenried bei n-tv.de "Es gibt noch jede Menge Kohlenwasserstoffe"

Rainer Winzenried ist European Media Manager bei Shell International.

Rainer Winzenried ist European Media Manager bei Shell International.

Shell glaubt nicht an Peak Oil. Eine Welt ohne Öl kommt in den Planungen des Unternehmens nicht vor. "Der Energiehunger der Welt wird weiter steigen", sagt Shell-Pressesprecher Rainer Winzenried. "Wir müssen daran arbeiten, die Verfügbarkeit aller Energieträger zu erhöhen."

n-tv.de: Wie steht Shell zum Thema Peak Oil?

Rainer Winzenried: Die Peak-Oil-Theorie ist mit vielen Fragezeichen behaftet und wissenschaftlich umstritten. In der Vergangenheit haben sich Aussagen über künftige Förderverläufe als falsch erwiesen. Wenn es nach den Prognosen ginge, hätte die Nordsee schon restlos leergepumpt sein müssen. Das ist sie nicht.

Aber bei Peak Oil geht nicht ums Leerpumpen, sondern um das Fördermaximum.

Wer sich anmaßt, die Spitze der Produktionskurve zu prognostizieren, kennt auch den gesamten Verlauf der Kurve, also auch das Ende.

Am Beispiel einzelner Regionen ist die Theorie doch bewiesen. Etwa in den USA, wo der Peak Anfang der siebziger Jahre überschritten wurde.

Niemand bestreitet, dass Erdöl eine endliche Ressource ist und dass die Produktion einer Lagerstätte irgendwann einmal abfällt. Der Vater der Peak Oil Theorie, King Hubbert, hat eine bekannte Ölprovinz betrachtet; und er hat weder die Rückwirkungen von Preisentwicklungen auf Angebot und Nachfrage noch die Entwicklung neuer Öl- und Gasprovinzen sowie unkonventionelle Ressourcen wie Ölsande und Ölschiefer in die Betrachtungen eingeschlossen. Es gibt noch jede Menge Kohlenwasserstoffe, so dass die Öl- und Gasproduktion insgesamt, also aus konventionellen und unkonventionellen Vorkommen, noch wachsen kann. Die Cambridge Energy Research Associates Inc. hat dazu gut fundierte Arbeiten vorgelegt.

Wann beginnt der Zeitraum, in dem man anfangen sollte, sich um Alternativen zum Öl zu kümmern?

Zunächst: Der Energiehunger der Welt wird weiter steigen. Wir müssen daran arbeiten, die Verfügbarkeit aller Energieträger zu erhöhen. Wir benötigen also mehr regenerative und fossile Energien. Was Öl und Gas betrifft, so ist der limitierende Faktor weniger die Verfügbarkeit der Rohstoffe. Den Unternehmen sind Grenzen gesetzt beispielsweise durch die begrenzte Verfügbarkeit an qualifiziertem Personal, Bohranlagen und Dienstleistungen sowie durch Kapazitätsengpässe im Anlagenbau. Die Kosten der Branche steigen rapide. In den letzten Jahren hat die Welt erlebt, dass man nicht von heute auf morgen neue Öl- und Erdgasvorkommen erschließen kann.

Dass die Preise so gestiegen sind, ist aus Sicht von Shell nicht unbedingt ein Problem, aber...

Doch, doch! Wenn die Ölpreise so stark steigen wie in den letzten zwei Jahren, dann wollen alle mehr vom Kuchen. In der Branche explodieren die Kosten, die Steuern und Abgaben werden erhöht. Am Ende des Tages bleibt bei den Energiefirmen gar nicht so viel zusätzlich hängen.

Vereinzelt kursiert in der Peak-Oil-Community das Argument, die internationalen Ölgesellschaften investierten nicht mehr in Exploration, auch nicht in die Modernisierung der Infrastruktur. Das wird als Beleg gewertet, dass die Konzerne insgeheim durchaus an Peak Oil glauben. Stimmt es, dass Sie nicht mehr investieren?

Das ist schlichtweg falsch. Die westlichen Energieunternehmen investieren massiv. Shell allein hat im vergangenen Jahr netto 24 Milliarden Dollar - in Worten: vierundzwanzig Milliarden Dollar - investiert, in diesem Jahr werden es 24 bis 25 Milliarden Dollar sein. Ob allerdings die staatlichen Energiegesellschaften der energiereichen Länder, ich denke etwa an die OPEC-Staaten, die in der Summe sehr viel bedeutender sind als die westlichen Firmen, ebenso massiv investieren, vermag ich nicht zu sagen.

Shell-Vorstandschef van der Veer hat gesagt, nach 2015 werde "die Versorgung des Marktes mit leicht förderbarem Erdöl und Erdgas nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten". Da klingt doch die Endlichkeit zumindest von bezahlbarem Öl durch, oder nicht?

Die Früchte hängen für die westlichen Ölgesellschaften mittlerweile höher. Sie müssen sich verstärkt auf Energievorkommen konzentrieren, für die besonders viel technisches Know-how nötig ist. Beispiel sind die Exploration in der Tiefsee oder der Abbau von Schweröl, Ölsanden und Ölschiefer. Im Grunde wiederholt sich hier die Geschichte. Der Run auf die Nordsee in den siebziger und achtziger Jahre war regelrechtes Pioniertum, die Nordsee galt als extrem schwieriges Gebiet, das Öl dort war keineswegs "easy accessible". Mittlerweile ist die Technologie jedoch sehr viel weiter fortgeschritten, vieles ist heute machbar, was vor 30 Jahren noch undenkbar war. Was damals die Nordsee war, sind heute Ölsande, Ölschiefer oder Tiefseevorkommen. Wenn der Druck steigt, werden Technologien entwickelt, diese Vorkommen zu erschließen.

Ist Öl aus Ölsanden oder Ölschiefer überhaupt konkurrenzfähig?

Die Förderung von Ölsanden ist jetzt schon wirtschaftlich.

Gibt Shell Prognosen über die Ölpreisentwicklung ab?

Nein, nie.

Ist Shell bei erneuerbaren Energien engagiert?

Ja, wir tun sehr viel im Bereich Biokraftstoffe. Wir sind weltweit der größte Vermarkter von konventionellen Biokraftstoffen und arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung der so genannten Biokraftstoffe der zweiten Generation. Wir sind auch im Windenergiesektor tätig, auch bei Solar und Wasserstoff. Wir wollen zumindest eine der alternativen Energien zu einem wirtschaftlich profitablen Geschäft fortentwickeln. Das Problem mit den hochsubventionierten alternativen Energien ist derzeit, dass die Technologien stark im Wandel sind. Es ist daher falsch, alles auf eine Karte zu setzen. Shell geht von hohen Wachstumsraten bei erneuerbaren Energien aus, aber welche der erneuerbaren Energien oder Technologien langfristig das Rennen machen werden, ist noch lange nicht ausgemacht. Da der Energiebedarf der Welt allein schon durch die weiter steigende Population zunehmen wird, wird man an den konventionellen Energien nicht vorbeikommen. Wir stehen nicht vor einem Entweder-oder, sondern einem Sowohl-als-auch.

Ist bei Shell eigentlich bekannt, dass Marion King Hubbert seinerzeit Mitarbeiter von Shell war?

Ja, aber das ist ja schon lange her, und die Energiewelt hat sich seitdem progressiv weiter entwickelt.

Spielt das heute noch eine Rolle bei Ihnen?

Nein, überhaupt nicht.

Mit Rainer Winzenried sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de