Dossier

Essen "ohne Gentechnik" Foodwatch im n-tv.de Interview

Verbraucherschützer begrüßen das neue Gentechnikgesetz der Koalition. Verbraucher hätten nun mehr Wahlfreiheit, für Landwirte lohnt es sich wieder, auch auf nicht genmanipuliertes Futtermittel zurückzugreifen, erläutert der stellvertretende Vorsitzende der Verbraucherrechtsorganisation foodwatch, Matthias Wolfschmidt, gegenüber n-tv.de. Zugleich spricht er über gentechnikfreie Zonen in Europa, über Probleme und Chancen der Gentechnik in der Landwirtschaft sowie die Notwendigkeit einer intelligenten Forschungsförderung.

n-tv.de: Nach langem Gezerre hat sich die Koalition auf ein neues Gentechnikgesetz geeinigt. Danach soll es leichter möglich sein, Produkte mit dem Vermerk "ohne Gentechnik" zu kennzeichnen. Gibt es nun mehr Transparenz?

Wolfschmidt: Bisher war nie klar, wenn man beispielsweise Milch, Eier oder Fleisch kauft, ob die Tiere mit gentechnisch verändertem Futter gefüttert wurden. Seit 2004 müssen zwar auch Futtermittelhersteller gentechnisch verändertes Futtermittel kennzeichnen, aber diese Information wird nicht an die Konsumenten weiter gereicht, so dass diese beim Einkauf sagen können: "Stört mich, stört mich nicht. Will ich, will ich nicht."

Zwar gibt es eine deutsche Kennzeichnungsverordnung aus dem Jahr 1997, die allerdings in ihren Anforderungen für die Händler und die Hersteller so kompliziert ist, dass sie in der Praxis fast nie angewendet wurde. Also findet man kaum Lebensmittel, die als "Ohne Gentechnik" gekennzeichnet sind. Deshalb begrüßen wir es, wenn die Bundesregierung eine pragmatische Formulierung finden kann, die es insbesondere den Landwirten oder Molkereien erlaubt, auszuloben, wenn auf gentechnisch veränderte Futterpflanzen verzichtet wurde.

Was ist der Vorteil für die Landwirte?

Der Einsatz gentechnikfreier Futtermittel ist mit Mehrkosten verbunden. Das heißt, wenn Sie Landwirt sind und mästen 1000 Schweine und entscheiden sich dagegen, gentechnisch verändertes Futter einzusetzen, zahlen Sie einen Mehrpreis, erlösen aber keinen Mehrpreis für die Schweineschnitzel. Es ist also eine reine Luxusgeschichte. Wenn es dagegen möglich ist, diese ohne gentechnisch veränderten Soja gefütterten Schweine auch entsprechend zu vermarkten und dafür entsprechend auch einen Mehrpreis zu erzielen, dann ist es lukrativer und attraktiver, solches Futtermittel einzusetzen.

Laut dem neuen Gesetz sollen Lebensmittel künftig als "gentechnikfrei" gekennzeichnet werden, auch wenn sich gentechnisch veränderte Stoffe darin befinden. Deren Anteil darf bis zu 0,9 Prozent betragen. Das heißt, auch wenn "ohne Gentechnik" draufsteht, ist doch Gentechnik drin?

Das neue Gesetz orientiert sich an dem europäischen Kennzeichnungsrecht. Laut europäischer Verordnung aus dem Jahr 2003 müssen Lebensmittel, die bis zu 0,9 Prozent gentechnisch verändert sind, nicht gekennzeichnet werden, was darüber liegt, schon. Das kann man begrüßen oder ablehnen, aber wenn das Rechtssystem einigermaßen in sich schlüssig sein soll, dann muss man sich wahrscheinlich auf diesen Schwellenwert einlassen. Oder man muss dafür eintreten, insgesamt in der Europäischen Union ein solches Kennzeichnungsrecht zu etablieren, so dass man sagt, sobald gentechnisch veränderte Organismen nachgewiesen werden - die Nachweisgrenze liegt bei ungefähr 0,1 Prozent - müssen sie auch gekennzeichnet werden. Das sind die beiden Wege.

Sollte europaweit der Schwellenwert herabgesenkt werden?

Entscheidend ist die Einführung des Verursacherprinzips. Das heißt: Für die Verunreinigung einer herkömmlichen Ernte mit gentechnisch veränderten Organismen müssen die geradestehen, die gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen. Wer also sagt, "Ich sehe Vorteile im Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut", der muss auch die Nachteile in Kauf nehmen. Eines der entscheidenden Probleme im Gentechnikrecht ist die Frage: Wer zahlt eigentlich die Zeche bei Verunreinigungen? Wir sind der Auffassung, dass der Verursacher dafür voll und ganz geradestehen muss.

Bislang wird in Deutschland kommerziell nur genmanipulierter Mais angebaut. Dabei soll ein Sicherheitsabstand von 150 Meter zu Mais und von 300 Meter zu Öko-Mais gelten. Reicht das?

Unsere Haltung als Verbraucherverband ist: Die Abstände müssen so groß sein, dass auch in zwanzig Jahren Wahlfreiheit in Sachen Agrargentechnik herrscht. Für den Landwirt und für den Verbraucher. Entscheidend dabei ist, dass diejenigen, die gentechnisch verändertes Saatgut aussäen, für jedwede Verunreinigung bei einem nicht gentechnisch wirtschaftenden Landwirt gerade stehen müssen. Das ist der Punkt. Wenn das eindeutig so geregelt ist, dass jemand, der ohne Gentechnik arbeitet, finanziell nicht als der Dumme dasteht, dann wird sich die Abstandsfrage relativ leicht lösen lassen. Dann werden nämlich die Gentechnikbauern aus schierem Eigeninteresse einen möglichst großen Abstand zu einem konventionell arbeitenden Nachbarlandwirt einhalten.

Ist der Einsatz von Gentechnik in der Landwirtschaft überhaupt noch aufzuhalten?

Im Moment haben wir in Europa fast noch eine gentechnikfreie Zone. Wir haben hier in Deutschland ein paar tausend Hektar Versuchsanbau. In Spanien werden etwa 10.000 Hektar Mais angebaut, aber ansonsten sind die Äcker in der EU nahezu gentechnikfrei. Ein Großteil dessen, was auf den europäischen Markt kommt, sind gentechnisch veränderte Futterpflanzen, meistenteils importiert. Und selbst weltweit werden noch immer 90 Prozent der Anbaufläche ohne gentechnisch verändertes Saatgut bewirtschaftet. Es ist also keineswegs so, dass die Entscheidung schon gefallen wäre. Das ist das eine.

Das andere ist: Es ist überhaupt nicht zwangsläufig, dass die Art von Produkten, wie sie heute von Monsanto, Syngenta oder Bayer auf den Markt gebracht werden, in zehn Jahren auch noch ansatzweise interessant sind. Wir sind ja in der Nutzung molekulargenetischer Methoden längst viel weiter, auch in der Züchtungsforschung. Wir können heutzutage mithilfe molekulardiagnostischer Methoden im Labor feststellen, welche Pflanzen mit welcher genetischen Ausstattung unter welchen Anbaubedingungen die optimalen Ernteergebnisse bringen. Es ist also möglich, genetische Diagnostik als Hilfsmittel in der Pflanzenzucht zur Optimierung herkömmlicher Sorten einzusetzen. Am Ende der Entwicklung steht aber konventionelles Saatgut. Die Technik, mit der Monsanto und Co. ihre heute auf dem Markt befindlichen Transgenen Produkte erzeugt haben, wirkt dagegen wie eine Haudrauf-Methode. Es gibt viel feinere und intelligentere Methoden.

Wie muss ich mir das konkret vorstellen?

Man sucht beispielsweise nach einer bestimmten Weizensorte, die bei bestimmten klimatischen Bedingungen optimal gedeihen soll. Mithilfe bestimmter Markergene wird im Labor analysiert, welche der verschiedenen getesteten Weizenpflanzen mit welcher genetischen Ausstattung am meisten Ertrag bringen. Man kann also analysieren, welche Gene für den Erfolg verantwortlich sind. Man versucht anschließend über konventionelle Züchtungsmethoden, Pflanzen mit besonders vielen solchen Genen auszuwählen. Am Ende erhält man ein Saatgut, das nicht gentechnisch verändert ist, das über ganz herkömmliche Methoden - zwar beschleunigt, aber über herkömmliche Methoden - gezüchtet worden ist. Und die Gentechnologie fungiert dabei als ein Hilfsmittel wie wir es heute in der Medizin als gentechnische Diagnostik ja auch haben.

Auf diese Weise können wir intelligent nutzen, was die Gentechnik offenbar am besten kann - nämlich diagnostische Aufgaben zu übernehmen - und gleichzeitig verhindern wir die weitere genetische Verarmung und die durch Patente und Lizenzgebühren voranschreitende Monopolisierung des Saatgutmarktes.

Da sind Sie optimisch?

Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Also auch davon, welche Forschungsförderung die Bundesregierung betreibt und wie man die Frage der Eigentumsrechte klärt. Wenn man das Ganze dem Patentrecht überlässt, werden einige Wenige sich auch künftig neue Züchtungsverfahren patentrechtlich aneignen. Wenn es aber so ist, dass eine gendiagnostische Basistechnologie für alle frei verfügbar gehalten werden kann, also für jeden, der eine gute Züchtungsidee hat, dann können wir auch angesichts des Klimawandels bestmöglich angepasste Sorten züchten und auch relativ schnell züchterisch reagieren, wenn eine bestimmte Sorte nicht mehr funktioniert, weil sich z.B. die Schädlinge angepasst haben oder das Klima sich verändert hat. Man muss dieses Potenzial natürlich ausschöpfen wollen. Auch, wenn es den Aktionären von Monsanto, Dupont, Syngenta und Bayer nicht gefallen wird.

Quelle: n-tv.de, Mit Matthias Wolfschmidt sprach Gudula Hörr