Dossier

Acht von 80.000 Gefallene gefunden

Reste einer Feldflasche, Munition, ein verrosteter Stahlhelm. "Anhand solcher Funde können wir wenigstens die Nationalität der Gefallenen feststellen", sagt Horst Howe vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Fast 90 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs finden Bauern und Bauarbeiter auf den Schlachtfeldern in Flandern noch stets Überreste der Getöteten. Die Gebeine von acht deutschen Soldaten wurden jetzt in Langemark bei Ypern beigesetzt.

Acht von etwa 80.000. Genau weiß niemand, wie viele deutsche Soldaten des großen Krieges von 1914 bis 1918 in Flandern verschollen sind: "Das gesamte Archiv zum Ersten Weltkrieg ist bei Bombenangriffen auf Berlin 1943 und 1944 verloren gegangen", sagt Howe. "Die Briten vermissen noch etwa 90.000 Soldaten in der Region."

Acht von 44.304. So viele Gefallene liegen bereits in Langemark beerdigt. Große Eichen werfen ihre Schatten auf die Gedenkstätte, einen von vier deutschen Soldatenfriedhöfen im Westen Belgiens. Auch einige Bunker stehen auf dem Gelände: "Das war die erste deutsche Linie hier", erzählt Fachmann Howe. "Und von hier aus ist auch der erste deutsche Gasangriff erfolgt."

Flandern übersät von Soldatenfriedhöfen

Als die Gaswolken am 22. April 1915 aus den deutschen Gräben aufsteigen und nach Westen wehen, freut sich der Gegner zuerst. "Die Briten und Franzosen dachten, die deutschen Stellungen brennen", sagt der Historiker Jürgen Deleye vom Memorial Museum Passchendaele. Kurz darauf erfahren sie die tödliche Wahrheit.

Getötete Briten liegen auf mehr als 100 Soldatenfriedhöfen, die noch heute das Landschaftsbild in Westflandern prägen. Ihre Gräber wurden - anders als die der Deutschen in den 1950er Jahren - nicht zusammengelegt. In Tyne Cot, dem größten Gräberfeld für Soldaten des britischen Empire, liegen die Überreste von fast 12.000 Mann: Iren und Engländer, Neufundländer und Neuseeländer, Inder und Australier, Schotten und Südafrikaner und mittendrin zwei Deutsche.

Umgekehrt sind in Langemark zwei Briten beerdigt. Sie sind zwei von 24.917 Soldaten, die ihre letzte Ruhe in der Gruft eines gemeinsamen Massengrabes fanden. "Wenn die Briten deutsche Soldaten fanden, haben sie sie mit beerdigt", weiß Volksbund-Fachmann Howe. Umgekehrt geschah das Gleiche. Nach dem Krieg habe man die Gebeine dann manchmal nicht mehr trennen können.

Fünf bis zehn Soldatenfunde pro Jahr

So war es auch bei den acht Soldaten, deren Überreste am 24. Juli beigesetzt werden. Zwei von ihnen bekommen einen gemeinsamen Sarg, weil ihre Knochen nicht eindeutig zuzuordnen waren. Entdeckt wurden die acht Gefallenen, deren genaue Identität bisher nicht geklärt wurde, in den vergangenen beiden Jahren an drei verschiedenen Orten. "Im Schnitt finden wir noch etwa fünf bis zehn deutsche Soldaten pro Jahr", sagt Howe.

Nicht nur Skelette und Ausrüstungsgegenstände tauchen wieder auf. Die Schlachtfelder von vor 90 Jahren geben außerdem jede Menge Munition frei. Etwa 300 Tonnen pro Jahr werden vernichtet. Die Blindgänger sind gefährlicher denn je: Die Gasgranaten, mit denen beide Seiten den chemischen Krieg rasch perfektionierten, verrosten allmählich. Ihr Inhalt indes bleibt tödlich.

Roland Siegloff, dpa

Quelle: n-tv.de