Dossier

Jugendliche attackieren Polizisten Gewalt außer Kontrolle?

Es sollte ein Routineeinsatz werden: Als Hauptstadt-Polizisten im Multikulti-Stadtteil Kreuzberg zwei verdächtige Zwölfjährige wegen eines Raubüberfalls stellen, tauchen fast 100 wütende Jugendliche auf, prügeln Beamte und versuchen, die Festnahmen zu vereiteln. Nur mit Verstärkung bekommen die Polizisten die Lage in den Griff. Es war nicht das erste Mal, dass Ordnungshüter bei ihren Einsätzen in Berliner Problemkiezen von zumeist türkisch- oder arabischstämmigen Jugendlichen gezielt attackiert werden. Doch das Ausmaß der Gewalt erschreckt.

Während bei der Polizei die Angst vor solchen Einsätzen wächst, befürchten Anwohner, dass die Jugendgewalt außer Kontrolle gerät. Dabei weist die Bilanz der Jugendkriminalität für 2005 bei den Verdächtigen den niedrigsten Stand seit der Einheit aus. Andererseits wird ein Besorgnis erregender Anstieg bei nichtdeutschen Tatverdächtigen bis 21 Jahre registriert.

Zudem bestimmen spektakuläre Fälle oft die öffentliche Meinung. Doch der jüngste Sicherheitsbericht der Bundesregierung resümiert, dass Bürger Gewalt in zunehmendem Maße ablehnten. "Es zeigt sich keinesfalls die oft befürchtete allgemeine Brutalisierung der Gesellschaft", heißt es. Die zunehmende Zahl von Gewaltverdächtigen erklärt Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) auch mit einer steigenden Anzeigebereitschaft.

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, nennt das Papier spöttisch einen "Wohlfühlbericht". Gewalt richte sich immer öfter auch gegen Ordnungshüter. "Vielleicht sollten sich Politiker aus der Glaskugel heraus in gewisse Berliner Stadtteile begeben, um zu spüren, wie es den Menschen wirklich geht."

Der Bericht konstatiert bundesweit zunehmende Jugendkriminalität bei Körperverletzungen. Nach Einschätzung von Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch begünstigen Misserfolge bei Integration und Bildung ein Abgleiten. Nötig seien Prävention und Strafverfolgung zugleich. Die Berliner CDU fordert, den Bürgern zu zeigen, "dass wir keinen Kiez aufgeben und die staatliche Ordnungsmacht präsent ist."

Doch wenn sich Eltern verweigern und Erziehung zu Hause nicht mehr stattfindet? Recht und Gesetz müssten in Erziehung und Schule wieder mehr in den Vordergrund rücken, auch wenn das mehr koste, sagt Polizeichef Glietsch. Die Politik müsse sozialer Ausgrenzung entgegenwirken. Zugleich wirkt es hilflos, wenn Polizisten die zwölfjährigen Tatverdächtigen einfach wieder nach Hause bringen müssen -weil diese noch nicht strafmündig sind.

Der Juniorprofessor an der Berliner Freien Universität und Mitgründer der Initiative "fairplayer", Herbert Scheithauer, meint, dass das Gewaltproblem nicht allein staatlich gelöst werden kann. Er wirbt mit seiner Initiative für mehr Miteinander, Toleranz, Integration und vor allem Zivilcourage unter Jugendlichen.

Im Kreuzberger Wrangelkiez, dem Schauplatz der jüngsten Massenprügelei gegen Polizisten, herrscht am Donnerstag eine Stimmung zwischen Fatalismus und Wut. Sozialarbeiterin Patricia Jaufmann schimpft: "In den vergangenen Jahren wurden viele Projekte für Jugendliche aus finanziellen Gründen geschlossen. Die jungen Leute hängen herum und haben nichts zu tun. Es gibt kein Maß der Gewalt mehr, und dann lachen die Täter noch die Polizei aus", meint sie.

Die beiden Cafbesitzer Dede Ahmet (32) und Keser Fikret (44) sagen, die Polizei sei mit schuld daran, dass die Lage eskalierte, weil sie übertrieben hart vorgegangen sei. "Die Polizisten reden nicht mit uns. Die kommen nur her, wenn etwas passiert -und dann mit Mannschaftswagen." Eine 64-Jährige klagt, auf der Straße herrsche das Faustrecht. "Ich bin hier geboren und kannte früher so etwas nicht. Jetzt gehe ich abends nicht mehr auf die Straße."

(von Jutta Schütz und Thomas Kunze, dpa)

Quelle: ntv.de

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